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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.03.2009

Margot Käßmann: Uns fehlt der Blick für das einzelne Kind

Bischöfin zum Amoklauf von Winnenden

Margot Käßmann im Gespräch mit Hanns Ostermann

Margot Käßmann (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Margot Käßmann (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Die Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, Margot Käßmann, hat angesichts der Amoktat von Winnenden mehr Aufmerksamkeit für Kinder angemahnt. Sie wünsche sich, dass "so ein entsetzliches Grauen" Menschen auch nachdenklicher mache, sagte Käßmann.

Hanns Ostermann: Abschied nehmen. Von einem Tag zum anderen hat sich das Leben vieler dramatisch verändert. Vor allem auch in diesen Situationen wird immer wieder gern der Rat der Kirche gesucht. Not lehrt beten, heißt es ja auch. Margot Käßmann ist Landesbischöfin in Hannover und jetzt um 6 Uhr 50 am Telefon von Deutschlandradio Kultur. Guten Morgen, Frau Käßmann!

Margot Käßmann: Guten Morgen, Herr Ostermann!

Ostermann: Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er dann so etwas Entsetzliches zu? Haben Sie für diese oder ähnliche Fragen Verständnis?

Käßmann: Natürlich habe ich für diese Frage Verständnis, weil sie in jeder Situation von Leid, das plötzlich über einen Menschen hereinbricht, ja gestellt wird. Nur die Antwort ist eben nicht, Gott lässt Leid zu, Gott lässt Menschen bewusst leiden wie Marionetten und entscheidet, hier mal Leid und dort kein Leid, sondern Gott steht uns im Leiden bei. Das sagt der christliche Glaube. Gott gibt uns im Leiden die Kraft, das Leiden durchzustehen und zu leben.

Ostermann: Wie steht er bei? Denn der Verlust eines geliebten Menschen kann die Kirche ja auch nicht ersetzen. Also was ist es, das Trost bietet?

Käßmann: Ich denke, zum einen ist es der Glaube, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, das sagt der christliche Glaube. Wir gehen auf das Osterfest zu in der Passionszeit. Der christliche Glaube sagt, Leiden gehört zum Leben, Jesus hat selbst gelitten, also Gott selbst kennt Leiden. Aber auf der anderen Seite des Todes oder wie der Apostel Paulus schreibt, auf der anderen Seite des Spiegels werden wir von Gott in Empfang genommen. Also unsere Toten sind nicht verloren, sondern ich glaube daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Ostermann: Sie verweisen damit auf ein Jenseits. Ist es auch das, was die Seelsorger am Ort des Geschehens tun, die Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit betroffenen Müttern oder Vätern reden?

Käßmann: Nein, Seelsorge in diesem Fall ist zuallererst das, was wir Compassion nennen würden, also das Mitleiden, den Menschen beistehen, zuhören in Nächstenliebe. Und Notfallseelsorger, die wir ja seit dem großen ICE-Unglück in Eschede im Grunde bundesweit haben, stehen jeden Tag Menschen bei, die durch einen Autounfall, durch ein Unglück oder wie in Köln Menschen verlieren. Also das heißt erst mal zuhören, der Trauer Raum geben, Worte finden und Menschen sagen, wir stehen dir bei, du bist nicht allein.

Ostermann: Und damit auch, zum Teil jedenfalls, schweigen können, denn das haben wir schon geklärt, auf viele Fragen gibt es eigentlich doch keine Antworten.

Käßmann: Ja, aber es gibt natürlich Rituale, die uns helfen. Ich muss sagen, mich berührt das schon, wenn ich in Ihrem Beitrag die Glocken läuten höre und denke, gerade im Unglück wissen Menschen in unserem Land dann eben doch, was die Orte sind, wo sie nicht nur Betroffenheitsfloskeln hören, sondern Worte, die älter sind als wir selbst - "Ob ich schon wanderte im finstren Tal, fürchte ich kein Unglück", das heißt, es sind schon Menschen in vielen Generationen vor mir durch tiefe Trauertäler, durch Schrecken und Grauen gegangen und Gott hat ihnen beigestanden.

Es gibt Rituale - ich habe das hier bei dem Busunglück in Hannover erlebt -, als die Jugendlichen dann das Ritual hatten, die Kerzen anzünden zu können im Gottesdienst, hat sie das ein Stück getragen. Wir wissen, dass Menschen in Notsituationen die Worte anderer brauchen, wie das Gebet des Vaterunser oder auch ein Lied, so traurig und gebrochen es über die Lippen kommen kann, aber "Befiehl du deine Wege", wenn jemand singen kann, "der Wege findet für Wolken, Luft und Winde, der wird auch Wege finden für dich, wo dein Fuß gehen kann". So sind das alte Worte, alte Rituale des Mitleidens, des Kraftgebens, die mehr tragen als alles andere.

Ostermann: Geben wir in unserer Gesellschaft diesen Ritualen - Sie haben das Glockenläuten angesprochen, dazu gehört das Gebet und manches andere mehr -, geben wir in unserer Gesellschaft den Ritualen Raum und Platz genug?

Käßmann: Nein, das geben wir ihnen nicht, und ich muss sagen, vor allen Dingen Kinder in unserem Land kennen zu wenige Rituale und kennen zu wenige dieser alten Worte, denke ich, weil das geht mir selbst auch so. Wenn ich als Pfarrerin ein Kind beerdigen muss oder einen jungen Mann, der gerade gestorben ist, dann brauche ich selbst ja auch diese Worte, um anderen Trost zu spenden. Deshalb ist es mir so wichtig, dass Eltern ermutigt werden, ihren Kindern diese Gebete, Lieder, die Psalmen mit als Gepäck auf den Lebensweg zu geben - nicht als Gepäck, das das Leben schwer macht, sondern eins, was gerade im Leben tragen hilft. Und auch in unseren Kindertagesstätten, in den Schulen, denke ich, ist das dringend notwendig.

Ostermann: Frau Käßmann, nun forderten gestern Lehrer eine Kultur des Hinschauens und des Hinhörens, wenn man so will, appellierten sie damit ja auch an urchristliche Werte. Was können wir tun, um diesen Werten wieder mehr Aufmerksamkeit zu geben und nicht in ein paar Wochen wieder zur Tagesordnung überzugehen?

Käßmann: Also ich wünsche mir da schon, dass so ein entsetzliches Grauen, das ein solcher Ort erlebt, Menschen auch nachdenklicher macht. Das Leben ist eben kein großer Gag. Also ich bin überhaupt nicht humorlos und sage, Lebenslust und Lebensfreude gehören dazu, Gott hat uns ja das Leben geschenkt. Aber ich muss auch mal nachdenken über den Sinn des Lebens und ich muss schauen, was passiert um mich herum. Also das Ausgrenzen von Kindern erleben wir ja immer wieder, die keine Anerkennung finden, die sich als Versager fühlen, abgestempelt werden. Wer schaut da hin und fragt, wie geht es dir, was ist mit dir? Also keines soll verloren gehen. Ich denke, der Blick auf das einzelne Kind, der fehlt uns oft.

Ostermann: Und für viele Kinder, für viele Jugendliche ist das Internet etwas, das sie anbeten. Tauchen Sie, taucht die Kirche eigentlich auch in die digitale Welt ein, um an die jungen Leute heranzukommen, ihnen also Angebote anderer Art zu machen?

Käßmann: Wir tun das, wir tun es sicher nicht genug, aber beispielsweise haben wir inzwischen eine Chat-Seelsorge angeboten. Das finden natürlich viele Ältere sehr merkwürdig, aber Jugendliche gehen weniger selbst hin zum Pastor, zur Pastorin, aber in einem geschützten Chat-Seelsorgeraum, bei dem sie wissen, da ist am anderen Ende eine Pastorin, ein Pastor, denen ich mich anvertrauen kann mit meinen Ängsten, mit meinen Sorgen und Nöten, also das wird zunehmend genutzt beispielsweise.

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