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Tonart | Beitrag vom 18.02.2016

"Mar Afora“ von Guinga und Maria JoaoEine Musik, die aus der Reihe tanzt

Von Jutta Petermann

Die portugiesische Jazz-Sängerin Maria Joao, hier im Oktober 2003 beim Skopje Jazz Festival (ROBERT ATANASOVSKI / AFP)
Die portugiesische Jazz-Sängerin Maria Joao, hier im Oktober 2003 beim Skopje Jazz Festival (ROBERT ATANASOVSKI / AFP)

Die in Lissabon lebende Maria Joao glänzt auf ihrem neuen Album "Mar Afora“ mit vielseitigem Stimmeinsatz. Sie erfindet etwa Fantasielaute oder bildet avantgardistische Geräusche. Begleitet wird sie dabei vom brasilianischen Gitarristen Guinga.

Das Cover des Albums "Mar afora" zeigt eine alte Seekarte des Atlantiks. Subtext des Bildes: Scheinbar weit entferntes, gar gegensätzliches findet in dieser Musik seinen Weg zueinander. Der brasilianische Gitarrist Guinga und die portugiesische Sängerin Maria Joao verpassen ihren Liedern einen entsprechend weiten Horizont. Ihre Liebe zur brasilianischen Tradition, zu hören in Samba-Balladen und Choro-Zitaten und die moderne Lust an Brüchen finden hier zu einer Form, die die Gehörgänge umschmeichelt und sie trotzdem immer wieder herausfordert.

Anstrengungslose, sanfte Gitarrenklänge: das ist der Haupthöreindruck dieser CD - Weite, Ruhe, Sorglosigkeit. Alles wirkt federleicht und fließend. Man überhört da schnell das komplexe Spiel Guingas, die vielen Akkordwechsel, das gefühlvolle aber kontinuierliche Entwickeln und Umspielen von Themen und Motiven, das Zitieren von Altbekanntem.

Maria Joao glänzt mit vielseitigem Stimmeinsatz

Komponist und Interpretin haben bei allem Wohlklang jedoch eine Musik geschaffen, die sich erlaubt aus der Reihe zu tanzen. Die künstlerische Ambition ist unüberhörbar, aber gewitzt verbunden mit Humor.

Die in Lissabon lebende Maria Joao glänzt mit ihrem vielseitigen Stimmeinsatz: sie singt genauso folkloristisch wie sie jazzig scattet, erfindet Fantasielaute und ahmt in ihrem Mundraum avantgardistische Geräusche nach. Sie ist es die erfrischende Gischt für die Ohren versprüht. Sehr gezielt setzt sie Guinga, der in Rio de Janeiro zu Hause ist, als Kontrast auf seine warmen, wie ein Klangmeer wirkenden Kompositionen, die er auf seinen sechs Saiten erzeugt.

Die Stimme ist in permanenter Veränderung. Einzelne Worte singt Maria Joao anfangs mit zerbrechlichen höheren Tönen an und wandelt ihre Stimme auf den Schlusssilben in einen dunklen Klang, der den Sinn für die in den Worten veborgenen Abgründe öffnet. Maria Joao illustriert auf "Mar afora" mit ihren Stimmspielereien manchmal die Meeres bzw. Windthematik, allerdings in sehr akzeptabler Dosierung - sie bietet Kunstlieder dar, aber keinen Kunstkrampf. Beide treibt der gar nicht verkopfte Wille etwas zu schaffen, das innovativ ist. Sie betten ihre Experimentierfreude organisch ein, in den großen, sehr angenehmen Klangfluss.

Musik einer gefeierten Jazz- und Avantgard-Sängerin

Vielleicht muss man diese Musik als Ergebnis sehen zweier ungewöhnlicher Musikerkarrieren. Die heute 56 jährige Maria Joao machte erst eine Ausbildung als Schwimmlehrerin bevor sie mit Mitte zwanzig Jazzgesang studierte. Heute ist sie eine gefeierte Jazz-und Avantgarde-Sängerin. Guinga fing zwar früh an mit dem Musikmachen und komponieren und hatte früh Erfolg, weil seine Lieder von bekannten Künstlerinnen eingespielt wurden. Er betrieb die Musik jedoch nebenbei, denn sein Hauptberuf war der des Zahnarztes. Der heute 66 jährige traute sich erst im Alter von 40 Jahren ausschließlich von der Musik zu leben.

Hier haben sich zwei eigenwillige Musiker gefunden, die weder im Strom schwimmen müssen, noch plakativ um Aufmerksamkeit ringen wollen. Sie können es sich leisten auf sanftmütige Weise dem Experiment zu huldigen.

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