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Buchkritik | Beitrag vom 08.03.2017

Manfred Geier: "Wittgenstein und Heidegger"Gipfeltreffen philosophierender Riesen

Von Thorsten Jantschek

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Cover von "Wittgenstein und Heidegger" vor dem Schreibtisch von Martin Heidegger in der Berghütte des Philosophen im Schwarzwald. (rowohlt / dpa / picture alliance / Rolf Haid)
Cover von "Wittgenstein und Heidegger" vor dem Schreibtisch von Martin Heidegger in der Berghütte des Philosophen im Schwarzwald. (rowohlt / dpa / picture alliance / Rolf Haid)

Manfred Geier vergleicht zwei Grundverschiedene, die im selben Jahr geboren sind: Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein. So gelingt dem Autor sowohl eine Einführung in das Denken der beiden, aber auch ein Blick auf die Philosophie am Anfang des 20. Jahrhunderts insgesamt.

Der mittelalterliche Philosoph Bernhard von Chartres soll gesagt haben, wir seien gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Gemeint haben dürfte er Platon und vor allem Aristoteles. Da war von den Riesen Descartes, Kant und Hegel noch nicht die Rede. Doch glaubt man Manfred Geier, ist die Zeit dieser geistesgeschichtlichen Riesen endgültig vorbei: "Wittgenstein und Heidegger", schreibt er, "gehören zu den letzten Solitären der Philosophie, weil beide einen Typus verkörpern, der ein unverwechselbares Denken praktiziert, für das er mit seinem Eigennamen einsteht." Dass Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger solitäre Denker des 20. Jahrhunderts sind, daran besteht nach der Lektüre dieser Doppelbiographie kein Zweifel. Denn so unterschiedlich die jeweilige Herkunft war, Heidegger kam aus kleinen Verhältnissen, Wittgenstein aus einer reichen Wiener Industriellenfamilie, so sehr lassen sich ihre Lebensläufe und Denkbewegungen zu einer "Parallelaktion" montieren. Von Kapitel zu Kapitel entfaltet Geier in beständigem Wechsel zwischen den beiden Philosophen deren Denkbewegungen und Lebenswendungen. Mit überraschenden Ähnlichkeiten.

So finden beide, Jahrgang 1889, den Eingang in die Philosophie in der Zeit, als Europa in den ersten Weltkrieg taumelt, die alte Welt zersplittert, der Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Kunst Welt- und Menschenbildern einem radikalen Wandel unterzieht. Philosophie am Nullpunkt der Geschichte hieß für Wittgenstein und Heidegger gleichermaßen Philosophieren am Nullpunkt der Theorie. Und beide jungen Philosophen gehen zurück auf die Logik, steuern auf die Frage zu, wie in dieser Welt überhaupt sichere Urteile gefällt werden können. Sie sind auf der Suche nach dem Fundament der Erkenntnis und zugleich dem Ort, den die Philosophie im Spiel der exakten Wissenschaften für sich einnehmen kann. Es geht beiden im wahrsten Sinne darum, anders zu philosophieren, zu sprechen und zu leben.

Wittgenstein widmet sich der Analyse der Sprache

Ludwig Wittgenstein steuert dabei frontal auf eine Analyse der Sprache zu und kommt in seinem legendären "Tactatus logico-philosophicus" dazu, dass nur die Sätze der exakten Wissenschaften, die Tatsachenfeststellungen, sinnvolle Sätze sind, wohingegen die Sätze der Philosophie sich eigentlich nicht sinnvoll sagen ließen, ja sogar "Unsinn" seien. Aber, so müsste man ergänzen, nicht sinnlos sind. Denn dass sie umso wichtiger sind, darüber lässt Manfred Geier keinen Zweifel aufkommen. Gerade die Sätze der Ethik oder die Frage nach dem Sinn des Lebens, so sehr sie im wissenschaftlichen Sinne nicht ausgesagt werden können, waren für Wittgenstein die entscheidenden, auch im unbändigen Bemühen, selbst ein "anständiger" Mensch zu werden. Und ebenso unsinnig, aber nicht sinnlos waren für Wittgenstein auch die Sätze der Logik.

Zwar könne man die nicht – wie eine Tatsachenbehauptung – aussagen, sie können etwa nicht wahr oder falsch sein, aber sie zeigen die richtige Form der Erkenntnis. In ganz ähnlicher Weise lässt sich das epochale Werk "Sein und Zeit" von Martin Heidegger lesen, dessen Sinnanalyse aller menschlichen Lebenszusammenhänge nicht nur die existentielle Sorge und die Grundbefindlichkeit der Angst ins Zentrum stellt, sondern auch eine Unterscheidung trifft zwischen dem, was die innerweltlichen Vorgänge (das Seiende) betrifft, und dem, was von der Grundstruktur des Daseins handelt. Letzteres ist Teil der philosophischen Sprache, der – wie Heidegger es nennt – Fundamentalontologie. Im Grunde geht es auch hier um das zeigen, um die philosophische Erschließung der Welt, die von innerweltlichen Verifikationsprozessen nicht berührt wird.

Begegnet sind sich die beiden Denker nicht, gewusst haben sie schon voneinander. Während Heidegger natürlich empört war, weil er glaubte, Wittgenstein wolle die Philosophie komplett abräumen, ohne zu wissen, dass – wie Wittgenstein es später formulierte – die unsinnigen Sätze der Philosophie deshalb so wichtig waren, weil sie gegen die Grenze der Sprache anrennen, hatte Wittgenstein wenigstens eine Ahnung davon, um was es Heidegger ging, auch wenn dessen hochgerüstete Terminologie für ihn eher den systematischen Ort der Philosophie verschleierte.

Heidegger träumt davon, Führer vom Führer zu werden

Interessant an der Parallelaktion, die Manfred Geier in diesem Buch inszeniert, ist, dass beide Denker – um eine eigene wuchtige Philosophie zu entwickeln – möglichst auf Distanz zum Philosophiebetrieb gehen mussten. Heidegger auf seine Hütte im Schwarzwald und Wittgenstein in die Einsamkeit eines Norwegischen Fjords. Und dass sie nach einem anderen Leben suchten. Heidegger glaubte, sich in die Weltläufe – wie er in einem Brief an den Philosophenkollegen Karl Jaspers schrieb -  "einschalten" zu müssen und träumte zeitweise davon, im Nationalsozialismus zum Führer des Führers zu werden, während Wittgenstein alles daran setze, in Russland auf einer Kolchose einfache Arbeit zu leisten. Beide Träume lösen sich in Luft auf. Was zur Folge hatte, dass beide Philosophen in den 1930er Jahren nicht einfach an ihrer bereits wirkungsmächtig entfalteten Philosophie weiterarbeiteten, sondern ihr Denksystem auf den Prüfstand stellten und jeweils eine fundamentale Wende einleiteten.

Heidegger stellt radikal die Frage nach dem Sein neu, wird immer esoterischer, um das Daseyn, das wesentlich "west" sprachlich zu fassen, es noch radikaler von der modernen Welt der Technik und des Fortschritts – dem "Gestell" – abzugrenzen. Und Wittgenstein lässt die Vorstellung einer idealen Erkenntnissprache fahren und widmet sich dem normalen Sprachgebrauch, den Formen der Alltagssprache, in der das Wesen menschlichen Lebens, des Welt- und Selbstbezugs aufgehoben ist.

Und was ist mit Adorno und Foucault?

So entsteht in diesem Buch nicht nur eine Einführung in die Philosophien der beiden Denker, sondern auch ein Blick auf die Situation der Philosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts insgesamt. Tatsächlich hat die Philosophie in dieser Zeit von Heidegger und Wittgenstein ihre prägenden Impulse erhalten und teilte sich in eine angelsächsische analytische Schule auf der einen und eine kontinentale Philosophie auf der anderen Seite. Dass beide vielmehr Berührungspunkte haben, als es lange Zeit galt, kann in diesem Buch zwar erahnt, aber durch das chronologische Vorgehen nicht wirklich erzählt werden. Systematisch nämlich wirklich nah gekommen sind sich der späte Wittgenstein und der frühe Heidegger.

Denn in dem Moment, in dem Wittgenstein sich der begrifflichen Struktur der Lebenswelt zuwendet, kommt er – so groß die Unterschiede in Terminologie und Gewichtung der Themen sein mögen – der Existentialanalyse Heideggers sehr nahe. Dieses Gespräch ist eines der spannendsten Kapitel der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhundert. Dürfte man als Zwerg wählen, und Zwerge dürfen so etwas, so möchte man auf den Schultern des jungen Heideggers und des alten Wittgenstein stehen. Und den einen oder anderen Riesen nicht vergessen, der die These von den letzten Solitären in der Philosophie etwas relativieren könnte. Theodor W. Adorno oder Michel Foucault etwa. Aber das ist ein anderes Thema. 

Manfred Geier: Wittgenstein und Heidegger – Die letzten Philosophen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017
444 Seiten, 26,95 Euro

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