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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.12.2012

"Man ist dort total isoliert"

Asylbewerber protestieren weiter gegen Residenzpflicht

Moderation: Susanne Führer

Flüchtlings-Protest-Camp am Oranienplatz in Berlin (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Flüchtlings-Protest-Camp am Oranienplatz in Berlin (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Bereits seit mehreren Wochen machen Flüchtlinge in Berlin mit Protestcamps, Märschen und Mahnwachen auf ihre Situation in Deutschland aufmerksam. Sein Heim liege abgeschieden im Wald, die Bewohner könnten sich nur schlecht verständigen, sagt Mohammed aus dem Sudan. Er wolle für sein Bleiberecht und das Recht zu arbeiten kämpfen.

Susanne Führer: Lange Zeit waren Asylbewerber aus der öffentlichen Debatte nahezu verschwunden. Das änderte sich etwas, als das Bundesverfassungsgericht im Juli urteilte, die staatlichen Leistungen für Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge in Deutschland seien menschenunwürdig. Und nun sprechen die Asylbewerber selbst. Anfang September begann ein Marsch für mehr Rechte und Lebensbedingungen quer durch Deutschland, der Anfang Oktober in Berlin eintraf, und seitdem leben 50 bis 60 Flüchtlinge am Kreuzberger Oranienplatz in einem Zeltlager. Unter ihnen ist Mohammed aus dem Sudan, der sich eigentlich im Asylbewerberheim im niedersächsischen Bramsche aufzuhalten hätte. Dort wäre es zumindest warm. Ich habe ihn gefragt, warum er seit zwei Monaten im Zeltlager lebt?

Mohammed: Nun, es gibt natürlich einen triftigen Grund, warum ich das tue, es gibt genug Gründe, warum wir das alle tun, warum wir uns hier in Berlin auch diesen frostigen Temperaturen aussetzen. Weil, wir sind hierhergekommen, um um unsere Menschenrechte zu kämpfen, auch, um den Menschen in Deutschland zu sagen, Asyl ist ein Menschenrecht. Und diese Menschenrechte werden in Deutschland zurzeit uns nicht immer gewährt. Und deswegen haben wir uns dagegen aufgelehnt, weil wir unsere Rechte auch einfordern möchten.

Führer: Welche Rechte meinen Sie genau?

Mohammed: Ich würde sagen, wir haben mit drei wirklich ganz schwerwiegenden Problemen zu kämpfen, die ich fast als Dämonen bezeichnen würde. Und das größte ist natürlich die Deportation, die uns immer droht, und dann kämpfen wir vor allen Dingen auch gegen die Residenzpflicht. Und das dritte Problem ist die Isolation, in der wir leben. Und es ist beispielsweise auch ein Menschenrecht, dass wir arbeiten dürfen, dass wir Deutsch lernen können, damit wir mit der deutschen Gesellschaft auch besser kommunizieren können. Und wir fordern natürlich auch eine Bewegungsfreiheit, dass wir uns frei bewegen dürfen. Ich bin ja nach Deutschland gekommen nicht aus Spaß, sondern weil es in meinem Land wirklich große Probleme gibt. Und jeder von uns, der hierhergekommen ist, ist vor gewissen Problemen, meist politischen Problemen, davongelaufen oder ganz starken wirtschaftlichen Problemen. Deswegen sind wir jetzt hier in Deutschland und uns droht die Deportation. Und wir sind der Meinung, das verstößt gegen die Menschenrechte. Und wir befinden uns auch in Lebensgefahr, wenn wir in unsere Länder wieder zurück deportiert werden.

Führer: Und haben Sie die Hoffnung, dass Sie etwas davon werden durchsetzen können?

Mohammed: Ja, sicher. Und wir hoffen, dass wir da am Oranienplatz auch bleiben werden.

Führer: Welche Erfahrung haben Sie denn dort gemacht, am Oranienplatz in Berlin? Wie reagieren die Menschen, die dort wohnen?

Mohammed: Meistens sehr, sehr freundlich. Wir haben sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht, wir bekommen jeden Tag auch wirklich Hilfe und sie geben uns Hoffnung. Und es gibt auch zwei bis drei Familien unter uns mit Kindern und da haben sich auch Ärzte bereit erklärt, die Kinder zu untersuchen, nicht nur die Kinder, auch uns andere. Und andere Leute gaben uns auch Geld, damit wir unsere Aktion fortsetzen können. Und wir kochen zusammen, es kommen auch sehr viele Medienvertreter beispielsweise, und wir reflektieren über unsere Situation und versuchen, dass unsere Message, dass das, was wir herüberbringen wollen, auch wirklich ankommt in der deutschen Gesellschaft.

Führer: Vielleicht ist das ja jetzt auch etwas Besonderes für Berlin-Kreuzberg. Es gab ja vorher einen langen Protestmarsch über viele Wochen, quer durch Deutschland nach Berlin. Wie haben die Menschen da reagiert?

Mohammed: Ja, wir waren ja auf einem Marsch durch Deutschland und eigentlich war das eine Bustour. Und da sind wir auf viele Deutsche getroffen, gerade hier in den Städten, die uns auch geholfen haben, die uns unterstützt haben, die uns Schlafplätze zur Verfügung stellten, die uns überhaupt Mittel zur Verfügung stellten, damit wir unsere Aktion fortsetzen konnten. Und es fühlte sich auch richtig gut an, mit Leuten zu reden, und dass uns die Leute zugehört haben. Das war wirklich eine psychologische Hilfe für uns.

Führer: Haben Sie das erwartet?

Mohammed: Nun, bisher kannte ich Deutschland nicht wirklich, ich kannte ja nur dieses Lager in Bramsche, ich hatte wirklich keine Ahnung von der deutschen Gesellschaft. Und ich durfte ja praktisch auch gar nicht raus aus diesem Lager. Und jetzt ist es mir einfach gelungen, viele Menschen aus Deutschland auch kennenzulernen und die deutsche Gesellschaft besser kennenzulernen. Und für die Deutschen wiederum ist es auch so, dass sie nun auch mal Asylbewerber kennengelernt haben.

Führer: Und wie war Ihr Leben im Asylbewerberheim in Bramsche?

Mohammed: Nun, dieses Lager in Bramsche ist so, dass der Ort eigentlich sechs Kilometer entfernt ist, sich aber in der Nähe dieses Lagers so ein ganz kleines Dorf befindet. Und das Ganze ist etwa 30 Kilometer von Osnabrück entfernt. Wir dürfen aber beispielsweise in diesem kleinen Dorf nicht einkaufen gehen, sondern wir sind gezwungen, wirklich diese sechs Kilometer weit zu laufen. Entweder zu Fuß, andere haben auch Fahrräder, und man muss sich das so vorstellen, das ist ein sehr großes Lager mitten im Wald, man ist dort total isoliert und es gibt dort sehr viele verschiedenste Nationen. Beispielsweise aus Mazedonien, Elfenbeinküste, Syrien, Irak und noch ganz viele andere Länder. Und so werden dann natürlich ganz verschiedene Sprachen gesprochen, wir haben alle ganz verschiedene Hautfarben und stammen wirklich aus sehr vielen Ländern. Und natürlich geht das Leben einerseits weiter, wir lernen uns kennen, wir leben miteinander, das ist das Positive. Das Negative ist, dass wir sehr isoliert sind. Einige sind sehr verzweifelt und richtig hoffnungslos. Und dann gibt es in meinem Lager auch Drogen, die dort reingeschmuggelt werden. Und auch deswegen sind einige aggressiv oder aber, weil sie so isoliert leben in ihrer Situation.

Führer: Ich spreche im Deutschlandradio Kultur mit Mohammed, er ist ein Asylbewerber aus dem Sudan und lebt seit zwei Monaten in einem Protestcamp der Flüchtlinge in Berlin-Kreuzberg am Oranienplatz. Also, Sie haben in Bramsche mit anderen Flüchtlingen zusammengelebt und jetzt in dem Zeltlager in Berlin-Kreuzberg leben Sie auch mit anderen Flüchtlingen zusammen. Wie unterscheidet sich dieses Miteinander?

Mohammed: Nun, wir versuchen, alles, was man kann, miteinander zu teilen. Wir versuchen, auch in unserem Kampf uns auszutauschen. Wir haben auch verschiedene Arbeitsgruppen gegründet, einige engagieren sich dabei zum Beispiel in Küchenarbeit, andere pflegen den Umgang mit den Medien, wir haben auch eine Informationsgruppe, es gibt auch bei den Gruppen, die sind gemischt aus Flüchtlingen und auch den Leuten, die uns helfen. Und wir arbeiten da wirklich zusammen und da findet ein ganz großer Erfahrungsaustausch statt.

Führer: Das heißt, durch diesen Protest gibt es sozusagen auch einen Zuwachs an Selbstbewusstsein der Flüchtlinge?

Mohammed: Ja, weil, vorher kannte uns wirklich keiner. Wir waren total isoliert und jetzt durch dieses Treffen sind wir rausgekommen aus den Lagern. Und wir kannten auch vorher nicht die Regeln und die Gesetze hier in Deutschland. Und wir haben jetzt einfach auch keine Angst mehr, weil wir uns besser auskennen. Wir haben aber schon festgestellt, als wir versucht haben, uns zu mobilisieren, und als wir auch mit anderen Asylbewerbern sprachen aus anderen Lagern, dass viele Angst haben und sich nicht raus trauten, weil sie auch ihre Rechte nicht kennen. Und immerhin ist es jetzt so, dass wir uns für den Kampf auch besser organisiert haben.

Führer: Mohammed, am Anfang haben Sie gesagt, keiner der Flüchtlinge hat seine Heimat nur aus Spaß verlassen. Ihre Heimat ist der Sudan. Warum haben Sie ihn verlassen?

Mohammed: Nun, ich stamme aus dem Sudan und ich verließ mein Land, weil ich einfach nicht mehr bleiben konnte. Es gab einfach solche Probleme, dass mein Leben in Gefahr war und ich mich dort nicht mehr frei fühlte.

Führer: Ihr erster Asylantrag wurde bereits abgelehnt. Wie geht's jetzt weiter?

Mohammed: Ich habe mithilfe eines Anwaltes Einspruch dagegen eingelegt und ich versuche, alle legalen Mittel auszuschöpfen, damit ich bleiben kann.

Führer: Und was, wenn Sie in Deutschland bleiben könnten, was würden Sie dann hier machen wollen?

Mohammed: Nun, ich möchte einfach ein ganz normales Leben führen, wie jeder Mensch auch. Ich möchte das Recht haben, arbeiten zu können, kommunizieren zu können, ich möchte natürlich auch meine Sprachkenntnisse verbessern und besser Deutsch sprechen, wenn ich hier in Deutschland bin, damit ich auch mit der deutschen Gesellschaft besser kommunizieren kann und einfach ganz normale Bedingungen haben möchte wie jeder andere auch. Und eventuell verbessert sich ja auch die Situation in meinem Heimatland, im Sudan, und dann könnte ich auch eines Tages wieder zurückkehren.

Führer: So, Mohammed, I thank you very much.

Mohammed: Yes, thank you, too.

Führer: It was a very interesting and moving interview. I thank you for your time!

Mohammed: Thank you, too!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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