Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 11.05.2010

"Man hätte viel, viel schneller reagieren müssen"

IfW-Vizepräsident Langhammer: Politik trägt Mitschuld an Krise in Euro-Ländern

Bei einem früheren Eingreifen der Politik hätte es Alternativen zum Rettungsschirm von IWF und EU gegeben, sagt Rolf Langhammer. (AP)
Bei einem früheren Eingreifen der Politik hätte es Alternativen zum Rettungsschirm von IWF und EU gegeben, sagt Rolf Langhammer. (AP)

Es hätte Alternativen zum 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm von EU und IWF gegeben, wenn die Politik früher reagiert hätte, sagt der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Rolf Langhammer.

Gabi Wuttke: 750 Milliarden Euro – das sind 750mal 10 hoch 9. Wer sich das nicht vorstellen kann, ist in allerbester Gesellschaft, denn die Riesensumme, die die Europäische Union als Bürgschaften in den Hilfsfonds in eigener Sache steckt, übertrifft wohl jede Vorstellungskraft. Von den 7,7 Billionen Schulden der Euro-Länder wollen wir gar nicht reden, obwohl das eine das andere noch schlimmer macht. – Professor Rolf Langhammer ist jetzt am Telefon. Er ist der Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Guten Morgen!

Rolf Langhammer: Guten Morgen, Frau Wuttke.

Wuttke: Herr Langhammer, haben Sie die höheren Weihen, sich diese gewaltigen Summen vorstellen zu können?

Langhammer: Das ist auch sehr schwer und natürlich hoffen wir, dass diese Summen niemals als Kredite ausgezahlt werden müssen. Es ist zunächst einmal ein Rettungsschirm, ähnlich wie auch ein Rettungsschirm über die Banken aufgespannt worden ist. Von daher kann man nur hoffen, dass wie gesagt diese Zahlungen niemals geleistet werden müssen. Dann hätte der deutsche Steuerzahler wirklich ein Problem.

Wuttke: Ihr Wort in dem Gehörgang dessen, der für all das verantwortlich ist. – Drei Monate nach der Lehman-Pleite, Herr Langhammer, haben Sie gesagt, die Globalisierung wird sich entschleunigen. Die politische Eile bei diesem Euro-Rettungsschirm zeugt vom genauen Gegenteil!

Langhammer: Das würde ich nicht sagen. Natürlich: Die meisten Anleger sind erheblich vorsichtiger geworden. Das zeigen die sehr niedrigen Renditen der deutschen Staatsanleihen. Das sind die sicheren Häfen, in die alle hineingehen. Also viele Bürger, viele Anleger sind sehr vorsichtig geworden, ziehen sich auf die Heimatmärkte zurück, und das habe ich mit der Entschleunigung, oder der Deglobalisierung der Finanzmärkte gemeint.
Was wir jetzt sehen ist ein innereuropäisches Problem, das viele schon früher erwartet haben, das aber aufgrund der guten Phase 2001 bis 2008 nicht eingetreten ist, dass wir eben massive Probleme innerhalb der Euro-Zone mit Not leidenden Ländern bekommen, so ähnlich wie wir das ja auch innerhalb Deutschlands beim innerdeutschen Finanzausgleich haben. Da gibt es arme und reiche und da gibt es einen Finanzausgleich. Mit diesen gewaltigen Summen stehen wir vielleicht am Anfang eines solchen Finanzausgleichs auch innerhalb Europas.

Wuttke: Sie haben jetzt davon gesprochen, wir hätten ein innereuropäisches Problem. Aber wenn man sich mal anschaut, was auf der Welt passiert seit dem September 2008, dann fragt man sich doch: Muss sich die Politik von Spekulanten, die in diesem Fall jetzt nun auch gegen den Euro wetten, am Nasenring durch die Manege ziehen lassen, oder sitzt die Politik in der Falle der Globalisierung?

Langhammer: Ich glaube, dass die Politik in der Falle von Erwartungen von Märkten sitzt. Das heißt, Spekulanten geben ja Signale. Und diese Signale sind an sich erwünscht. Wir wollen ja wissen, was Märkte über die Zukunft von Ländern denken. Die Signale der Spekulanten sind ganz klar: Wir haben es nicht mit einem vorübergehenden Liquiditätsengpass von Griechenland oder vielleicht auch anderen Ländern zu tun, sondern wir haben es mit einem Solvenzproblem von Ländern zu tun. Das ist das Signal der Spekulanten, und dieses Signal brauchen wir. Deswegen hat die Politik auch darauf reagiert, leider viel zu spät, denn sie möchte das Wort Umschuldung natürlich jetzt nicht in den Mund nehmen.

Wuttke: Also von Nasenring kann keine Rede sein? – Hätte es denn Alternativen gegeben?

Langhammer: Ja. Es hätte Alternativen gegeben, wenn die Politik früher reagiert hätte. Wochenlang wurde um die Liquiditätshilfe für Griechenland politisch gefeilscht. Das ist so, als ob die Feuerwehr vor einem brennenden Haus steht und erst einmal mit dem Hausbesitzer die Bedingungen aushandelt, unter denen gelöscht werden soll, mittlerweile brennt das Gebäude ab.

Wuttke: Das meinten Sie aber nicht mit Entschleunigung, dass das jetzt so langsam geht?

Langhammer: Nein, nein, aber man hätte viel, viel schneller reagieren müssen. Wenn man der Meinung war, Griechenland musste vor einem Liquiditätsengpass bewahrt werden, hätte man diese Gelder sofort zahlen müssen. Ähnliches Problem hatte man vor 13 Jahren in Asien, wo auch der Währungsfonds so lange gezögert hat und dadurch die Probleme verschlimmert hat. Insofern hat die Politik schon ein gerüttelt Maß an Mitschuld.

Wuttke: Sie hat Mitschuld, aber wie gesagt: Hätte sie auch etwas anders machen können? Hätte sie einfach mal sagen können, na ja, dann wollen wir mal sehen, was passiert, was passiert, wird passieren, wir werden uns jetzt hier erst mal hinsetzen und gucken, was kommt.

Langhammer: Also wenn die Politik nicht reagiert hätte, überhaupt nicht reagiert hätte, dann hätte Griechenland die Zahlungen eingestellt, und das ist etwas, was es in der Wirtschaftsgeschichte häufig gegeben hat, ein Moratorium, und dann hätte man sich hinsetzen müssen im Rahmen des Londoner Clubs, im Rahmen des Pariser Clubs – das sind die Institutionen, die es dafür gibt – und über eine Umschuldung sprechen müssen. So, das ist jetzt nicht geschehen, weil das politisch nicht erwünscht war. Aber die Märkte wollen eben, dass über so etwas gesprochen wird, und gegebenenfalls werden sie es auch noch erzwingen.

Wuttke: Wenn ich jetzt Spekulant wäre und ich würde die blinkende Zahl von 750 Milliarden Euro hören, dann würde ich doch jetzt schon wieder anfangen zu wetten. Ist denn dieses Mittel tatsächlich ein adäquates?

Langhammer: Also die Zahl, das haben Sie ja gesagt, ist gewaltig und von dort aus werden schon Spekulanten vorsichtig sein. Gegen den Euro zu spekulieren, hat keinen Zweck, denn der Euro hat ja kein Wechselkursziel gegenüber dem Dollar. Mit anderen Worten: man kann nicht auf einen festen Wechselkurs spekulieren. Das ist etwas, was die Spekulanten nicht können. Ich glaube schon, dass die Spekulanten jetzt erst mal überzeugt sind, dass die europäische Währungszone diese Not leidenden Länder auf jeden Fall fast um jeden Preis schützen will, und das ist ein Signal für Spekulanten: "Finger weg!". Das zeigt sich jetzt schon.

Wuttke: Und für den Laien, auch wenn er interessiert ist, vor allen Dingen aber für den Wähler und Steuerzahler stellt sich trotzdem in diesen Zeiten immer wieder die Frage: Tun diese Politiker das Richtige, oder haben sie möglicherweise viel zu wenig Ahnung vom Finanzmarkt, weil sie immer sagen, Systemrelevanz und was dann, und wenn das zusammenbricht, dann vielleicht auch noch das? Wissen die genug?

Langhammer: Beides. Sie haben teilweise keine Ahnung, weil es ständig Innovationen an den Finanzmärkten gibt, und man reguliert nur das, was man kennt, und das, was man nicht kennt, kann man nicht regulieren. Das ist das eine Problem. Das heißt, die Politik rennt immer dem Innovator auf den Finanzmärkten einen Schritt hinterher.
Das Zweite ist einfach:Sie kennen natürlich diese Entwicklung der Zukunft, zum Beispiel die Frage der Konsolidierung unserer Schulden. Alle Länder einschließlich Deutschlands, einschließlich USA sind extrem hoch verschuldet. Das muss zurückgeführt werden und dafür hat man im Grunde genommen keinen klaren Plan, wie soll es laufen, über Steuererhöhungen, über Ausgabensenkungen, vielleicht ein bisschen mehr Inflation zulassen. Da irrt die Politik ziemlich im Nebel.

Wuttke: Im Interview der "Ortszeit" von Deutschlandradio Kultur Professor Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Herr Langhammer, besten Dank für diese Auskünfte und schönen Tag.

Langhammer: Alles klar. Das wünsche ich Ihnen auch. Tschüßchen, Frau Wuttke.

Interview

Tod im "Bio-Krebszentrum"Was ist seriöse Krebstherapie?
Kolorierte Aufnahme eines Lungen-Tumors unter dem Rasterelektronenmikroskop (imago stock&people)

Der Tod von Patienten eines alternativen Krebszentrums am Niederrhein hat die Debatte um die Wirksamkeit von alternativen Therapien gegen den Krebs neu entfacht. Der anthroposophische Krebsspezialist Friedemann Schad plädiert für ein integratives onkologisches Konzept.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur