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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.08.2012

Man glaubte an Pflanzenhochzeiten

Helmut Birkhan: "Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte", Böhlau Verlag 2012, 256 Seiten

Dem Lavendel wird eine beruhigende und heilsame Wirkung zugeschrieben. (Stock.XCHNG / Anders Rosenlund)
Dem Lavendel wird eine beruhigende und heilsame Wirkung zugeschrieben. (Stock.XCHNG / Anders Rosenlund)

Botanik im heutigen Sinn gab es im Mittelalter nicht. Das wissenschaftliche Interesse galt vor allem der Wirksamkeit von Pflanzen gegen Krankheiten, doch sie spielten auch im Religiösen und im esoterischen Wissen eine Rolle. Der Keltologe Helmut Birkhan liefert hierzu eine anregende Kulturgeschichte.

Bekanntlich bezeichnen wir das Mittelalter als dunkel, als eine Zeit ohne große Wissensambitionen. Und doch hat diese Zeit den Übergang zwischen Antike und Renaissance ermöglicht und damit die Verbindung und Weiterentwicklung von Wissenskulturen, die uns in gewisser Weise – wenn zum Teil auch unbewusst – bis heute begleiten.

Wer Weihnachtslieder singt oder seinen Salat mit Essig würzt, ruft antike und durch mittelalterliche Praktiken verstärkte Vorstellungen auf. Blumensymbolik etwa, nach der die Jungfrau Maria mit einer Rose gleichgesetzt wird, oder magische Pflanzeneinteilungen, nach denen der kalt-feuchte Lattich (Salat) heiß-trockenen Essig braucht, um bekömmlich zu sein. Damit ist umrissen, dass Pflanzen im Mittelalter eine Rolle im Religiösen spielten, dass sie als Bedeutungsträger fungierten und dass sie interessant waren für esoterisches Wissen ebenso wie für die (magisch inspirierte) Heilkunde.

Das wissenschaftliche Interesse galt vorrangig der Frage nach dem Nutzen der Pflanzen, ihrer Wirksamkeit gegen Krankheiten und Leiden. Botanik im heutigen Sinn, systematisches Interesse an den Pflanzen, ihrem Aufbau, gab es nicht. Man wusste nicht einmal, dass Insekten die entscheidende Rolle bei der Befruchtung spielen. Stattdessen glaubte man, Pflanzenarten könnten in andere übergehen, männliche und weibliche Kräfte seien am Werk. Man glaubte an Pflanzenhochzeiten. Allerdings entstanden gleichzeitig umfangreiche Beschreibungen von Heilpflanzen, von Anbau- und Gartenarten, von Nutzpflanzen und ihren Wachstumsbedingungen – sei es bei Walahfried Strabo, dem Abt des Klosters Reichenau, oder 400 Jahre später bei Albertus Magnus.

Der Wiener Mittelalter-Spezialist und Keltologe Helmut Birkhan liefert uns naheliegende und interessante Verknüpfungen ebenso wie verblüffende, heute kaum mehr nachvollziehbare Einteilungen, etwa wenn Bäumen menschliche Eigenschaften wie List oder Scherz zugeordnet werden. Er bietet eine materialreiche Sammlung an Beispielen, an der sich Gartenliebhaber ebenso erfreuen können wie Botaniker, Literaturliebhaber oder Sprachinteressierte. Manche Erörterungen überschlägt man, um an Details hängenzubleiben: an Blumenmetaphern etwa, der Erklärung, dass unser Gemüse historisch eher auf Seiten des weichgekochten Muses anzusiedeln ist oder an der überaus inspirierenden Interpretation eines Marienbildes.

Eine Kulturgeschichte der Pflanzen im Mittelalter handelt zwangsläufig von Aberglauben und Alchemie, von Rezeptbüchern, Verzeichnissen, Listen, von Illustrationen, Bildern und immer wieder auch von Literatur. Sie muss sich der Sprachgeschichte stellen, Wortkunde betreiben und ist überhaupt mit deutlichen Unsicherheiten konfrontiert. Man hatte keine verbindliche Terminologie, d.h. die Bezeichnungen speisen sich aus allen möglichen (auch antiken) Quellen und variieren immer wieder. Die Versuche der genauen Identifikation lesen sich zuweilen wie hochartistische detektivische Abhandlungen, und was genau gemeint ist – etwa mit "Kochkole, weydenkole und wendelkoel" – bleibt häufig im Dunkeln. Weil etwa Hildegard von Bingen, auf die sich der Autor ausführlich bezieht, zwar zu den lateinischen Bezeichnungen deutsche stellt, jedoch keine Blüten beschreibt, keine Details verrät, mit deren Hilfe Unterscheidungen möglich wären. Und weil zunächst nur stilisierte, ebenfalls rätselhafte Illustrationen existierten. Die hyperrealistischen, detailgenauen und darum verlässlichen Zeichnungen kommen erst gegen Ende des 15.Jahrhunderts auf.

Es dauerte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, bis das erste Herbarium angelegt wurde, auch wenn viel früher bereits Gartenpläne von Klostergärten existierten. Dass Lustgärten "gezelte und pavilume" – also mehr als Pflanzen – brauchten, zeigt Birkhan in seinem anregenden Buch ebenso wie erstaunliche Erfindungen. Kunstgärten aus Automaten mit zwitschernden Metallvögeln würde man eher der Phantasie von Romantikern oder Surrealisten zuschlagen als dem Mittelalter.

Besprochen von Barbara Wahlster

Helmut Birkhan: Pflanzen im Mittelalter. Eine Kulturgeschichte
Böhlau Verlag, Wien, Köln und Weimar 2012
256 Seiten, 24,90 Euro

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