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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.03.2010

Malediven: Mit mehr Touristen gegen Klimawandel

Präsident Nasheed: Anpassungsdruck erlegt uns große Kosten auf

Mohamed Nasheed im Gespräch mit Susanne Führer

Mohamed "Anni" Nasheed ist als erster demokratisch gewählter Präsident der Malediven vereidigt worden. (AP)
Mohamed "Anni" Nasheed ist als erster demokratisch gewählter Präsident der Malediven vereidigt worden. (AP)

Selbst bei den günstigsten Prognosen werden die Malediven in 90 Jahren durch den Anstieg des Meeresspiegels untergegangen sein. Um sich dagegen zu wappnen, braucht die Inselgruppe viel Geld. Das soll durch mehr Investitionen in den Tourismus hereinkommen, sagt Präsident Mohamed Nasheed.

Susanne Führer: Die Malediven können zwar nichts für den Klimawandel, sie werden ihnen aber als erste erleiden. Der Präsident der Malediven, Mohamed Nasheed, reist zurzeit durch Europa, um um Unterstützung für sein Land zu werben. Ich konnte ihn gestern Abend in einem Berliner Hotel treffen und befragen mit unserem Dolmetscher Johannes Hampel.

Herr Präsident, Ihr Land gilt als das flachste Land der Erde, es ist ja buchstäblich vom Untergang bedroht durch den Anstieg des Meeresspiegels. Macht sich das heute schon irgendwie im Alltag bemerkbar?

Mohamed Nasheed: Die Themen, die Sie nannten, sind für uns Anlass zur Besorgnis. Der Meeresspiegelanstieg und der Klimawandel, das bringt eine Reihe von Schwierigkeiten mit sich. Zunächst einmal Erosion des Landes – wir haben 16 Inseln, deren Bevölkerung jetzt umgesiedelt werden muss wegen dieser Unterspülung des Landes, das Meer holt sich diese Inseln.

Ein zweites Problem ist das Trinkwasser. Unser Grundwasser ist zunehmend eingespült worden von Meerwasser, die Salzhaltigkeit unseres Grundwassers ist angestiegen, und über die letzten fünf bis sechs Jahre hat auch unsere Fischerei sehr gelitten, weil wegen des erhöhten Anstiegs der Temperatur an der Oberfläche die Fische nicht mehr nach oben schwimmen. Unsere Fischer angeln ja mit Leine und Rute, wir machen keine Schleppnetzfischerei. Das heißt, wir sind dadurch benachteiligt, dass die Fische nicht mehr hochsteigen, sodass sie dort geangelt werden könnten.

Führer: Es gibt Berechnungen, nach denen die Malediven in 90 Jahren untergegangen sein werden. Andere Berechnungen besagen, die Korallenriffe könnten die Malediven vor dem Untergang bewahren, denn sie wüchsen einfach mit. Gibt es also doch noch Hoffnung für Ihr Land?

Nasheed: Ja, es gibt durchaus noch Hoffnung. Die Korallenriffe haben für uns immer eine Art Bollwerk dargestellt, das Wachstum der Korallenriffe muss noch eingehender untersucht werden, aber sie waren für uns immer eine Art Verteidigungslinie. Wir werden sehen, wie weit das trägt. Wir können uns auch in gewissem Umfang an den Klimawandel anpassen, aber das ist ja nicht alles – der Klimawandel und der Anstieg des Meeresspiegels.

Dazu kommen ja noch die Klimaänderungen, diese Abweichungen vom gewohnten Ablauf: Die Windrichtung ist nicht mehr so, wie sie routinemäßig war, das Verhalten der Fische hat sich verändert, die Niederschläge erfolgen zu anderen Zeiten als bisher. All diese Abweichungen vom gewohnten Ablauf bedeuten für uns auch eine Beeinträchtigung. Insgesamt kann ich sagen, es gibt noch Hoffnung.

Führer: Im vergangenen Oktober haben Sie sehr spektakulär eine Kabinettssitzung unter Wasser abgehalten, um die Welt auf das Schicksal der Malediven aufmerksam zu machen, und damals haben Sie gesagt, Sie wollten für Ihr Volk Land in Indien, Indonesien oder in Sri Lanka kaufen, um dort leben zu können. Wie weit sind diese Pläne, oder war das nur so eine PR-Aktion?

Nasheed: Nun, wir versuchen natürlich, für unser Volk trockenen, sicheren Boden zu finden, denn wir wollen ja nicht, dass unsere Enkel später einmal als Klimaflüchtlinge durch die Welt irren. Als verantwortliche Politiker müssen wir einfach Kapital beiseitelegen, um für solche Überschwemmungen etwas beiseitegestellt zu haben, sodass später auch einmal Sicherheit für unsere Bevölkerung da ist. Unsere Malediven sind seit 7000 bis 8000 Jahren an diesem Ort. Wir haben eine geschriebene Geschichte für 2000 Jahre. Das würde es uns also doch hart ankommen lassen, wenn wir wegziehen müssten.

Es ist natürlich möglich, aber die Frage ist, was geschieht dann mit der ganzen reichen Natur, mit den Schmetterlingen, mit dem Lachs, mit der Kultur, mit den Farben, die unser Land ausmachen. Wir müssen wirklich diese Möglichkeit, dass das Land untergeht, in unseren Gedanken berücksichtigen.

Nun zu Ihrer Frage, ob das nur eine Art Publicity-Trick gewesen sei: Wir müssen schon unseren Eindruck in der internationalen Gemeinschaft hinterlassen. Ich möchte sagen, kurz nach dem Gipfeltreffen von Kopenhagen ist die Luft rausgegangen aus diesem Klimakampf, wir haben sozusagen die Schlacht damals verloren. Ich glaube, es gab damals einen bewusst ausgeheckten Plan, die wissenschaftliche Forschung lächerlich zu machen. Ich glaube, dass all diese Presseberichte über die Unzuverlässigkeit der Klimaforschung bewusst gestreut worden sind, um eben unsere Anstrengungen zu unterminieren. Auch der IPCC, der Weltklimarat der Vereinten Nationen, wurde in Zweifel gezogen.

Ich habe erst kürzlich mit Dr. Pachauri gesprochen, er wurde aller möglichen Missetaten angeklagt. Ich glaube, da ist überhaupt nichts dran an diesen Anschuldigungen. Das wäre jetzt wirklich ein Rückschritt in die dunklen Zeiten, in das Mittelalter, wenn man Wissenschaft insgesamt in Zweifel zöge. Ich richte mich hier übrigens nicht im Besonderen an das deutsche Publikum. Ich glaube, dass die Deutschen wirklich der Wissenschaft hier Zutrauen schenken. Ich spreche von anderen großen Kohlendioxid emittierenden Ländern, die natürlich ein starkes Interesse daran haben, solche Anstrengungen von kleineren Ländern, wie wir es sind, zu unterhöhlen.

Führer: Mohamed Nasheed, der Präsident der Malediven, im Gespräch im Deutschlandradio Kultur. Herr Präsident, der Tourismus ist ja die Haupteinnahmequelle der Malediven – Inseln werden an Hotelunternehmen verpachtet. Ich habe gelesen, es sei geplant, dass zu den 90 bestehenden Tourismusinseln noch 60 weitere hinzukommen sollen. Das wirkt ja zunächst angesichts des drohenden Untergangs etwas verrückt. Oder denkt die Tourismusindustrie nicht in so langen Zeiträumen?

Strand auf den Malediven (Stock.XCHNG / Vivek Chugh)Strand auf den Malediven (Stock.XCHNG / Vivek Chugh)Nasheed: Die Inseln und das ganze Land muss sich anpassen. Dieser Anpassungsdruck erlegt uns große Kosten auf. Das Bauen von Wellenbrechern, von Dämmen auf einer einzigen Insel kann bis zu 30 oder 40 Millionen US-Dollar kosten. Wir brauchen also Geld, um diese Weiterentwicklung zu bewerkstelligen. Der Tourismus ist wirklich ein von uns sehr fein abgestimmtes Instrument, um diese nötigen Mittel zu erzielen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist sicherlich ein Problem, aber wir meinen, dass wir ihn beherrschbar machen durch diese Mittel, die wir bereitstellen. Die Investitionen in den Tourismus, die zahlen sich innerhalb von fünf bis sechs Jahren aus. Sie bringen uns das Geld in unsere Kassen. Wir wollen ja auch in 70, 80, 90 Jahren noch in unserem Land leben, und dazu ist es nicht angesagt, sich auf auswärtige Hilfe, auf irgendwelche Zuschüsse oder Mildtätigkeiten zu verlassen. Nein, dafür ist eben die Tourismusindustrie für uns das geeignete Mittel der Wahl.

Führer: Sie sind der erste demokratisch gewählte Präsident der Malediven, zuvor wurden Sie jahrelang verfolgt, Sie wurden mehrmals festgenommen, Sie haben mehrere Jahre im Gefängnis verbracht, Sie wurden gefoltert, eine Zeit lang lebten Sie sogar im Exil. Im Jahr 2008 dann sind Sie, wie gesagt, gewählt worden. Sie waren hier in Berlin in der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen. Wie war das für Sie, was war das für ein Erlebnis?

Nasheed: Nun, es war für mich sehr verstörend, es war auch sehr ähnlich dem, was ich erlebt habe. Diktaturen wenden überall dieselben Systeme, dieselben Methoden an, um sich aufrechtzuerhalten. Was mich besonders beeindruckt hat, war diese Wasserzelle, wo die Matten am Boden, diese Vorrichtungen am Boden ganz ähnlich waren oder genauso aussahen wie das, was ich erlebt habe.

Es war für mich nicht unbedingt notwendig, das noch einmal zu sehen, aber ich glaube, es ist sehr wichtig, dass diese Einrichtungen bestehen. Für das deutsche Volk ist das wichtig, denn allzu oft nehmen wir die Freiheit für etwas Selbstverständliches und wir vergessen dabei, wie leicht Freiheit wieder entgleiten kann. Und wir vergessen allzu leicht, dass viele Menschen dafür gekämpft haben, dass sie auch ihr Leben dafür geopfert haben. Wir müssen also alle für die Freiheit einstehen und sie verteidigen und schützen.

Ich möchte insbesondere der deutschen Regierung danken, dass ich dorthin gehen durfte. Ich stehe ja selbst unter Druck, wonach ich die vorherige Regierung, die Diktatur, zur Rechenschaft ziehen sollte, vor Gericht. Aber das vorige Regime ist die heutige Opposition. So stellt sich also die Frage: Soll man jetzt Gerechtigkeit walten lassen oder soll man darauf vertrauen, dass die Demokratie letztlich doch zur Gerechtigkeit führen wird? Ich glaube, Letzteres ist richtig.

Der ehemalige Präsident, der ehemalige Polizeichef, sie alle leben völlig unbehelligt und glücklich vor sich hin. Es ist so, dass die Demokratie natürlich auch auf Opposition aufgebaut ist, das heißt, ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist, hier jetzt die Justiz einzuschalten.

Ich danke, ehe ich zum Ende komme, der deutschen Regierung und insbesondere der Kanzlerin für alles, was sie gemacht hat, insbesondere beim Kopenhagener Gipfel, als die dänische Präsidentschaft 25 Länder auswählte, darunter auch die Malediven und auch Deutschland, um diesen Vertrag auszuhandeln. Die Bundeskanzlerin hat als großes Land uns, die kleinen Länder, so sehr unterstützt, wie kein anderes Land dies getan hat, und zwar zu einem Zeitpunkt, als wir das besonders dringend brauchten. Ich gehe davon aus, dass die Kanzlerin das Volk der Deutschen vertritt, denn so gut ein politischer Führender auch immer sein mag, sie können nur so gut sein, wie das Volk es ist. Hier muss ich eben dem gesamten deutschen Volk meine Dankbarkeit aussprechen.

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