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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.07.2010

Mahnungen eines Liberalen

Friedrich August von Hayek: "Der Weg zur Knechtschaft“

Rezensiert von Michael Wohlgemuth

Friedrich August von Hayek (AP)
Friedrich August von Hayek (AP)

Für viele "Gutmenchen" gelten Friedrich August Hayeks Thesen als Provokation: Nicht nur Faschismus und Sozialismus, sondern auch der westliche Wohlfahrtsstaat seien Gefahren für die Freiheit, so der liberale Ökonom. Hayeks Werk "Der Weg zur Knechtschaft", erschienen 1944, erlebt heute eine Renaissance.

Hayek oder Keynes: Wer hat recht? Diese Debatte, die vor allem in den Dreißigerjahren um die Erklärung der Weltwirtschaftskrise und die gebotene Krisenpolitik geführt wurde, schien zunächst Keynes gewonnen zu haben. Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren Hochzeiten des Keynesianismus insofern, als schuldenfinanzierte staatliche Ausgabenprogramme mit Keynes begründet wurden, der sich nach seinem Tod 1946 nicht mehr hiergegen wehren konnte. Die 80er und 90er Jahre dagegen gelten als hayekianisches Zeitalter: Die marktfreundlichen "Revolutionen" von Margret Thatcher und Ronald Reagan wurden von Hayek inspiriert, und der Zusammenbruch des Sozialismus gab Hayek recht.

1944 stand Hayek nahezu allein als liberaler Mahner in einer Wüste des scheinbar unausweichlichen Kollektivismus von rechts und links. "Planung", "Kontrolle", "Zentralisierung" der Wirtschaft und der Gesellschaft galten überall - auch im freien Westen - als unvermeidlich und letztlich auch dem liberalen Individualismus überlegen. Hayek behauptete das Gegenteil. Sein Argument ist mehrdimensional. Es galt damals im politischen Mainstream als skandalös und dürfte noch heute viele "Gutmenschen" schockieren.

Zum einen legt Hayek dar, dass Sozialismus und Faschismus im Kern gleichermaßen den Weg in die Knechtschaft führen: Beide zielen auf die Zerstörung von Markt, Privateigentum, Demokratie und persönlicher Freiheit. Beide laufen auf ähnlich totalitäre Beherrschung der Gesellschaft durch eine politische Elite hinaus.

Wirklich provozierend war 1944 aber der Umstand, dass ein gebürtiger Österreicher - Hayek lehrte seit 1931 an der London School of Economics - die Briten ausführlich über ihre liberalen Traditionen belehrt und ihnen vorhält, ungewollt oder unbewusst auf den deutschen Weg in den Kollektivismus zu geraten. Der umfangreiche Wohlfahrts- und Lenkungsstaat, den die englische Labour Party unter nahezu einhelliger Unterstützung maßgeblicher Intellektueller anstrebte, sei ein verhängnisvoller Irrweg. Hayek geht es hier nicht einmal vorrangig um ökonomische Folgen. Vor allem betont er die Unmöglichkeit der Kombinationen "demokratischer Sozialismus" oder "sozialistischer Rechtsstaat".

Hayek widmet sein Buch "den Sozialisten in allen Parteien". Tatsächlich entzieht sich sein klassischer Liberalismus dem noch heute gängigen Parteispektrum von "rechts" und "links", "konservativ" und "progressiv". "Sozialismus" im Sinne des Vorrangs kollektiver Zwecke vor individueller Freiheit, des politischen Planens vor privatem Austausch, findet sich tatsächlich auf der extremen Rechten und extremen Linken nahezu identisch.

Aber auch dazwischen, im von demokratischen Volksparteien propagierten Fürsorgestaat, gerät die Politik allzu leicht auf den Irrweg. Die ungewollten Nebenwirkungen ihrer Interventionen führen, so Hayek, in eine Planungsspirale, an deren Ende dem demokratischen Staat eine Allzuständigkeit zugemutet wird, der aber keine Allmächtigkeit entspricht. Dies kann zur Frustration der Bürger führen, die dann im Ruf nach politischer Allmacht des "starken Mannes" gipfelt. Der Weg zur Knechtschaft kann auch mit gutgemeinten, "sozialen" Vorsätzen gepflastert sein.
Cover: "Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft" (Olzog Verlag)Cover: "Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft" (Olzog Verlag)

Trotz seiner alarmistischen und provokanten Thesen ist der "Weg zur Knechtschaft" ein, wie Joseph Schumpeter bemerkte, erstaunlich "höfliches Buch", da Hayek seinen Gegnern nichts anderes als "intellektuellen Irrtum" vorwirft. Hayek streitet seinen Gegnern nicht den guten Willen ab. Er teilt auch ihre letzten Ziele (vor allem: die Beseitigung der globalen Armut) - nur zeigt er die fatalen und ungewollten ökonomischen und politischen Folgen des Kollektivismus auf. Der Grund sind nicht "ungenügende Pläne" der Politik, sondern umfassende, zentrale Planung als solche.

Der Ausweg freilich ist bei Hayek nicht, wie oft unterstellt, die Anarchie eines "laissez-faire". Hayek zeigt sich hier als "Ordo-Liberaler", der eine "Wettbewerbsordnung" fordert, in der das staatliche Gewaltmonopol für die Einhaltung und Durchsetzung allgemeiner und gleicher Verhaltensregeln in der Marktwirtschaft gebraucht wird und auch soziale Sicherungssysteme einen Platz haben.

Der Zusammenbruch der Zentralverwaltungswirtschaften hat Hayek eindrucksvoll bestätigt. Ein Zusammenbruch europäischer Wohlfahrtsstaaten steht noch aus. Diese implizite Prophezeiung kann auch als, bisher, eher widerlegt gelten. Schweden etwa leistet sich schon lange einen ausgedehnten Wohlfahrtsstaat, den es durch Reformen immer wieder stabilisieren konnte, um so den Weg in den Bankrott oder in den Totalitarismus zu vermeiden.

Zurück zu Keynes. Er reagierte auf Hayeks "Road to Serfdom" mit einem langen Brief, in dem er Hayek ungewöhnlich hoch lobt. Zwar könne er nicht alle ökonomischen Argumente akzeptieren; "Aber moralisch und philosophisch finde ich mich in Übereinstimmung mit praktisch allem darin; und nicht nur in Übereinstimmung, sondern in einer tief bewegten Übereinstimmung".

Am Ende war auch Keynes kein Keynesianer. Gegen die auch in seinem Namen popularisierte Planwirtschaft werde er noch entscheidend einschreiten, versprach er Hayek. Er kam nicht mehr dazu, er starb 1946. Dafür nutzte Winston Churchill Hayeks Buch im Wahlkampf der ersten Nachkriegswahl in England. Seine Parole war: "Freiheit oder Sozialismus!". Churchill verlor die Wahl.

Heute ist Hayeks "Road to Serfdom" längst ein Klassiker unter den frühen Warnungen vor einem schleichenden Totalitarismus. George Orwell, der anti-totalitäre Sozialist, war tief beeindruckt von Hayeks Buch. Er teilte Hayeks Kritik durchweg; sah aber im Kapitalismus keine wirklich befreiende Alternative. Sein Buch "1984" ist deshalb so ausweglos pessimistisch.

Doch zurück zu 1944. Hayeks "Weg zur Knechtschaft" wurde zum Bestseller, nicht zuletzt in der populären Kurzfassung des "Reader’s Digest". Nur im besetzten Deutschland durfte der "Weg zur Knechtschaft" nicht verkauft werden - noch 1947 war das Buch auch in den Westzonen wegen seiner anti-sowjetischen Haltung verboten.

Mit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs wurde Hayek zur Kultfigur in den sich befreienden Ländern Osteuropas, der Weg zur Knechtschaft wurde dort zum Bestseller.

Und heute? Vor wenigen Wochen schaffte es das alte Buch des toten österreichischen Ökonomen in den USA in Talksshows und auf Platz eins der amazon-Verkaufsliste. Für viele Amerikaner, etwa in der liberal-konservativen "Tea-party"-Bewegung, scheint Amerika auf dem falschen Weg. Sie suchen Orientierung. Wenn auch der Vergleich zu 1944 mehr als hinkt: Den "Sozialisten in allen Parteien" sei das Buch auch heute noch empfohlen.

Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft
Neuauflage im Olzog Verlag, München 2009
322 Seiten, 39 Euro

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