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Religionen | Beitrag vom 21.02.2016

Mafia in ItalienKriminelle Gemeinschaft mit katholisch anmutenden Riten

Von Thomas Migge

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Junge Menschen in Kalabrien demonstrieren gegen die Mafia unter dem Motto: "No Mafia Day" (picture alliance / dpa / EPA / FRANCO CUFARI)
Proteste gegen die Mafia unter dem Motto: "No Mafia Day" (picture alliance / dpa / EPA / FRANCO CUFARI)

Kardinal Montenegro hat vor einigen Jahren als Erzbischof von Agrigent einem Mafiaboss das kirchliche Begräbnis verweigert. Manche seiner Amtskollegen sind da nicht so klar - und die Mafia selbst bezieht sich immer wieder auf katholische Riten.

"Der Pate", der legendäre Mafiafilm von Francis Ford Coppola von 1972, zeigt Bosse der sizilianischen Cosa Nostra mit den typischen "coppole", den wollenen Schlägermützen, die an einem geheimen Ort zusammen sitzen und einen neuen Mann in ihre Reihen aufnehmen: mit einem Ritus, bei dem die Namen der Madonna und verschiedener Heilige fallen. Dabei wird auch ein "santino", ein Heiligenbildchen, verbrannt. Die von dem US-amerikanischen Regisseur Coppola dargestellte Mafiaikonographie beeinflusst bis heute das Bild, das sich viele Nichtitaliener von der organisierten Kriminalität Italiens machen. Aber dieses Bild stimmt schon längst nicht mehr, meint Enzo Ciconte, Professor für die Geschichte der Mafia an der Universität Rom:

"Die kriminellen Riten, so wie sie dieser Film zeigt, unterschieden sich früher einmal von Mafia zu Mafia. Jede der kriminellen Organisationen hat andere Riten. Nur die kalabresische 'ndrangheta praktiziert heute noch mafiöse Riten. Die anderen kriminellen Organisationen, die Camorra in Kampanien und die Sacra Corona Unita in Apulien praktizieren sie nicht mehr."

Dasselbe gilt auch für die sizilianische Cosa Nostra, die in Coppolas Film "Der Pate" dargestellt wird.

Erst 2014 gelang es der Anti-Mafia-Polizei einen Aufnahmeritus der kalabresischen 'ndrangheta aufzuzeichnen, kurz bevor die beteiligten Bosse und der Neuling verhaftet wurden:

"Gute Vesper und heiliger Abend den Heiligen! An diesem heiligen Abend in der Stille der Nacht und unter dem Licht der Sterne und dem Leuchten des Mondes bilden wir die heilige Gemeinschaft. Im Namen Garibaldis, Mazzinis und Lamarmoras, mit ehrfürchtigen Worten, bilden wir die heilige Gesellschaft. Sagt gemeinsam: Ich schwöre bis in die siebte Generation hinein der kriminellen Gesellschaft, die mich als ihr Mitglied anerkennt, treu zu bleiben, um die Ehre meiner weisen Brüder zu bewahren."

Drei Mal wird dieser Schwur wiederholt. Ein ritueller Text, der Worte aus dem katholischen und auch politischen Bereich enthält, denn Garibaldi, Mazzini und Lamarmora sind Persönlichkeiten der italienischen Einheitsbewegung des 19. Jahrhunderts. Ihre Namen werden beim mafiösen Aufnahmeritus, der sogenannten "Taufe" beschworen.

Eng mit der römisch-katholischen Welt verbunden

Auf dem Tisch, vor dem schwörenden neuen Mitglied, liegen ein Revolver und ein Heiligenbildchen. In der Regel stellt es den heiligen Georg oder die Mutter Gottes dar. Das Bildchen wird nach dem Aufnahmeritus verbrannt. Das Verbrennen des Bildes soll die ewige Mitgliedschaft des Neuen symbolisieren. Ebenso wenig wie man das zu Asche verbrannte Heiligenbildchen rekonstruieren kann, ebenso wenig kann das neue Mitglied jemals wieder ein normaler Bürger werden. Die 'Ndrangheta - immerhin eine erklärtermaßen kriminelle Organisation - ist eng mit der römisch-katholischen Welt verbunden. Für die Bosse ist das kein Widerspruch.

"Immer noch verstehen sich viele Mafiosi als Katholiken, als Christen. Es gibt zwar immer mehr atheistische Mafiamitglieder, aber immer noch heute bitten vor allem viele Mafiosi der kalabresische Mafia, bevor sie jemanden umbringen, Gott um Vergebung für ihr Handeln. Sie scheinen also doch irgendwie zu begreifen, dass es zwischen ihrem mörderischen Handeln und ihrer Überzeugung ein Christ zu sein, einen gewissen Widerspruch gibt. Trotzdem pflegen sie eine enge Beziehung zur Religion."

Zu einer Religion, die sie in ihrem Sinn interpretieren. Die sie in ihrem Sinn pervertieren, so Mafiaexperte Ciconte. Das Thema Mafia und Kirche wurde seitens der katholischen Kirche nie offen thematisiert. Jedenfalls nicht, bis zunächst Papst Johannes Paul II., dann Benedikt XVI. und vor allem Franziskus, der die Mafia exkommunizierte, klare Worte der Distanz und der Verurteilung sprachen. Enzo Ciconte:

"Die Kirche hat, noch vor wenigen Jahren, dieser Realität nichts entgegen gesetzt. Die Mafiosi interpretierten das Schweigen der Kirche als Plazet für ihr Handeln. Da die Kirche sie nie verurteilt hat, fühlten sie sich auf dem rechten Weg."

Interessant ist, dass die kalabresische 'Ndrangheta - heute die europaweit aktivste, aggressivste und umsatzstärkte Mafia Italiens mit zahlreichen Niederlassungen in ganz Italien und auch in Deutschland - immer noch an diesen quasi sakralen Riten festhält.

"Vor allem für ins Ausland gegangene Mafiosi sind die Riten sehr wichtig. Die Emigration verstärkt rituelles Traditionsbewusstsein. Vor allem die im Ausland lebende kalabresische Mafioso pflegt engste Beziehungen zu seinem Heimatort und hält die Riten auch weiterhin am Leben."

Exkommunizierung der Mafia durch Papst Franziskus

Seit Jahren kämpfen mutige katholische Geistliche gegen die mafiöse Realität Süditaliens - und riskieren dabei ihr Leben. Erst seit Johannes Paul II. haben sie dabei auch die Rückendeckung des Papstes. Mit der Exkommunizierung der Mafia durch Papst Franziskus müsste es eigentlich zu einem entschiedenen Bruch zwischen der gesamten katholischen Kirche und der organisierten Kriminalität gekommen sein, zum Ende einer lange unheilvollen Beziehung. Mafiaexperte Enzo Ciconte zufolge hat es einen solchen Bruch allerdings nicht gegeben. Denn, erklärt er, immer noch drücken nicht wenige vor allem kalabresische Geistliche angesichts der mafiösen Realität in ihren Gemeinden beiden Augen zu. Das habe, erklärt er, auch seinen Grund in einem unbegreiflichen Unwissen vieler Geistlicher:

"In diesem Sommer lud mich die Kirche ein in Kalabrien, in Lamezia Terme, Priesteramtsanwärtern die Geschichte der 'Ndrangheta zu erzählen. Einen ganzen Tag lang. Da waren rund 40 junge Geistliche. Die wussten nichts zum Thema! Anscheinend lesen sie nie Zeitungen! Die dachten, dass die 'Ndrangheta eine Sache der Vergangenheit sei."

Das Nicht-Wisssen, das Unwissen der Geistlichen erklärt sich Ciconte mit einer Wegguck-Kultur, die Teil der traditionellen "Omertà" ist, der Schweigepflicht. Eine Realität wird so lange verschwiegen, bis man selbst nicht mehr an sie glaubt.

Mafiafachmann Enzo Ciconte ist trotzdem überzeugt davon, dass die katholische Kirche auf dem richtigen Weg ist. Endlich, nach rund 200 Jahren Mitwisserschaft nicht nur in Kalabrien. Dass der Papst sie exkommuniziert habe, so Ciconte, habe die Bosse zwar zunächst ins Mark getroffen, aber auch nicht weiter gestört, denn nach einem Papst, so denken sie, wird ein neuer Papst kommen. Doch die römische Amtskirche verurteilt nun schon im dritten Pontifikat die organisierte Kriminalität. Bleibt also nur zu hoffen, dass sich endlich auch der gesamte Klerus in Süditalien von den Bossen und ihren Helfershelfern abwendet und sie offen verurteilt. Eine im Moment noch vage Hoffnung, wie verschiedene polizeiliche Ermittlungen gegen Clans in Kalabrien beweisen, in denen immer wieder auch katholische Geistliche genannt werden, die Taufen, Hochzeiten und Totenmessen für Bosse zelebrieren und deren Beichtväter sind.

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