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Studio 9 | Beitrag vom 02.05.2015

"Madgermanes" von Birgit Weyhe Weltenwanderin erhält ersten Deutschen Comicbuchpreis

Von Anette Selg

Die sogenannten "Madgermanes" - ehemalige DDR-Gastarbeiter - ziehen seit mehr als 20 Jahren mittwochs durch die Straßen der Mosambikanischen Hauptstadt. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Die sogenannten "Madgermanes" - ehemalige DDR-Gastarbeiter - ziehen seit mehr als 20 Jahren mittwochs durch die Straßen der Mosambikanischen Hauptstadt. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Für "Madgermanes" wird Birgit Weyhe mit dem ersten Deutschen Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. Darin erzählt die Zeichnerin die Geschichte mosambikanischer DDR-Vertragsarbeiter. Selbst in Afrika aufgewachsen, kennt sie sich mit Heimatlosigkeit aus.

Gemeinsam mit anderen Illustratorinnen, einer Dokumentarfilmgruppe und einer freien Künstlerin arbeitet die Comic-Zeichnerin Birgit Weyhe in einem schlichten 50er Jahre Bürohaus in Hamburg-Altona.

Autorin: "Ganz schön ordentlich sieht es aus bei dir."

Birgit Weyhe: "Hab extra aufgeräumt (lacht), nee wobei das auch nicht stimmt, ich brauch tatsächlich 'n bisschen Ordnung um mich rum, weil das sowieso schon so viel is an Wust und ich gemerkt hab, wenn es zu unordentlich wird, dann wird es auch in meinem Kopf zu unordentlich."

Die 45-Jährige hat schulterlanges graumeliertes Haar und ein rundes offenes Gesicht. Über ihrer fast leeren Schreibtischplatte hängen dicht an dicht Zeichnungen, Skizzen, Fotografien, Plakate.

Birgit Weyhe: "Das ist Anke Feuchtenberger, bei der ich studiert hab, und dann Marijpol. Marijpol is auch Comic-Zeichnerin."

Autorin: "Und dieses hier, was ist das?"

Birgit Weyhe: "Das ist Porträtfotografie aus Nairobi, ich bin ja in Uganda und Kenia aufgewachsen, die sind tatsächlich das Vorbild für die Eltern der einen Protagonistin in meinem Buch, und dieses Foto taucht auch auf."

Rückkehr in die Heimat nach Ende der DDR

"Madgermanes" heißt das Comic-Buch, an dem Birgit Weyhe zur Zeit arbeitet. So nennen sich die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik heute. Ende der 70er-Jahre wurden sie von der Volksrepublik Mosambik als Arbeitskräfte ins sozialistische Bruderland DDR entsandt. Mit dem Ende der DDR verloren fast alle ihre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis und mussten zurück in ihre alte Heimat.

"Die haben keinen Job gefunden. Was will man, wenn man sechs Jahre in Karl-Marx-Stadt an der Stanzmaschine stand? Was bringt man denn mit an Kenntnissen, nix. Man bringt ne Sprache mit, die keiner spricht. Ne Handbewegung, die keiner braucht, und man bringt nen Satz von Vorstellungen mit, wie es eigentlich sein könnte. Dass es schön wäre, wenn es überall fließend Wasser gäbe und Toiletten und Schulen und Bibliotheken."

Nicht nur die Rückkehr in das vom Bürgerkrieg völlig zerstörte Mosambik war ein Schock für die Vertragsarbeiter. In der DDR erhielten sie für ihre Arbeit nur die Hälfte des Lohns, der Rest sollte ihnen später in ihrer Heimat ausgezahlt werden. Auf das Geld warten sie noch immer.

"Die laufen dann immer mit einer alten DDR-Fahne einmal durch die Stadt und trommeln und erinnern an ihre ausstehenden Lohnzahlungen. Es war lange nicht klar, wo es gehapert hat, also wer hat was einbehalten oder nicht ausgezahlt. Das hat tatsächlich erst in den … Ende der 90er oder Anfang der 2000er hat sich endlich mal jemand auf deutscher Seite darum bemüht, in den Akten nachzukucken. Und es ist tatsächlich so, die DDR hat das gezahlt nach Mosambik und dann endet es aber.

Aber was mich fast noch mehr berührt hat an diesen Geschichten, ist diese Heimatlosigkeit. Was hat das mit denen gemacht, dass sie rausgerissen worden sind aus nem Umfeld, ner Kultur, ner Sprache, aus einem gewissen Denken, und in was komplett anderes reinkatapultiert worden sind. Dass sie eigentlich Spielball waren. Und dann so die Frage, was ist Heimat, was bestimmt unser Denken, was formt uns, wo fühlen wir uns zugehörig?"

Weyhe als einzige Weiße im Kindergarten

Das Leben zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei Kontinenten verbindet Birgit Weyhe, die Zeichnerin und Autorin von "Madgermanes" mit ihren Protagonisten.

Birgit Weyhe: "Ich bin in nen ugandischen Kindergarten gekommen, und da war ich zunächst das einzige weiße Kind, was auch mal eine interessante Erfahrung war, das umgekehrt zu erleben, wenn man immer nur oder primär über Hautfarbe definiert wird."

Autorin: "Und wann bist du dann zurück?"

Birgit Weyhe: "Mit 19, also mit 19 stand ich dann in München, weil ich dachte, da gehör ich ja hin, da komm ich ja her, die Sprache sprech ich ja. Und so fremd wie in München hab ich mich überhaupt nie wieder gefühlt vorher oder nachher, das war ganz schrecklich."

Seit vielen Jahren lebt Birgit Weyhe jetzt schon mit zwei Töchtern und ihrem Partner in Hamburg. Dort hat sie, während ihres Studiums der Illustration, hat sie erste Comics gezeichnet. Auch über ihre afrikanische Kindheit.

"Und da war es das erste Mal, dass ich ein Medium gefunden hab. Ich konnte Geschichten erfinden, aber sie auch bebildern. Und dass tatsächlich für mich diese Kombination aus Wort und Bild gut ist. Weil es eben so ein Zwischenbereich is. Genauso wie ich mich hier nicht 100-prozentig beheimatet finde, ist aber natürlich weder Kenia noch Uganda mein Zuhause, jetzt schon lange nicht mehr. Und eben dieses Bild und Wort, ich muss mich nicht festlegen. Ich bin in beidem zuhause und kann immer das nehmen, wo ich gerade das Gefühl hab, es geht." 

Webseite des Comicbuchpreises der Berthold Leibinger Stiftung

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