Kalenderblatt / Archiv /

Mademoiselle der Musikpädagogik

Vor 125 Jahren wurde die französische Komponistin Nadia Boulanger geboren

Von Michael Stegemann

Die französischen Musikerin, Komponistin und Dirigentin Nadia Boulanger gilt als eine der berühmtesten Musikpädagoginnen des 20. Jahrhunderts.
Die französischen Musikerin, Komponistin und Dirigentin Nadia Boulanger gilt als eine der berühmtesten Musikpädagoginnen des 20. Jahrhunderts. (picture-alliance / dpa)

Unter ihren mehr als 1000 Schülern finden sich Namen wie Leonard Bernstein, George Gershwin oder Astor Piazzolla: Am 16. September 1887 wurde die französische Musikpädagogin und Chorleiterin Nadia Boulanger geboren.

Das "Pie Jesu" von Lili Boulanger, dirigiert von ihrer Schwester Nadia Boulanger. Zwei Schwestern, zwei Schicksale: Lili, die jüngere, genial begabte Komponistin, wurde nur 24 Jahre alt und starb 1918; Nadia – geboren am 16. September 1887 in Paris – überlebte sie um mehr als 60 Jahre und wurde zu einer der wichtigsten Musikpädagoginnen des 20. Jahrhunderts. Jahrzehntelang lehrte Mademoiselle, wie sie von ihren mehr als 1.200 Schülerinnen und Schülern respekt- und liebevoll genannt wurde, ein Ideal der Kunst, das höchsten moralischen Gesetzen verpflichtet war.

"Der Künstler hat eine erschreckende Verantwortung. Mag er auch außergewöhnlich begabt sein oder über eine außergewöhnliche Technik verfügen – fehlt ihm der Charakter, ist alles verloren!"

Bereits mit neun Jahren hatte Nadia Boulanger am Pariser Konservatorium ein Orgelstudium begonnen, das sie 1903 – mit 16 – brillant beendete. Sie wurde Assistentin Gabriel Faurés an der Orgel der Pariser Madeleine und war auch als Komponistin erfolgreich, bis sie nach dem Tod ihrer Schwester Lili entschied, sich nur noch dem Dirigieren und Unterrichten zu widmen. Schon früh hatten sich zwei Pole abgezeichnet: zum einen die musikalische Moderne, zum anderen die Alte Musik. So realisierte sie 1937 mit ihrem eigenen Vokalensemble die erste Schallplattenaufnahme von Werken Claudio Monteverdis.

Nach zehn Jahren als Harmonieprofessorin am Pariser Conservatoire, unterrichtete Nadia Boulanger seit 1921 an der École Normale de Musique und an dem neu gegründeten Conservatoire Américain in Fontainebleau. Im selben Jahr reiste sie erstmals in die USA, wo sie fortan regelmäßig Meisterkurse gab und 1938 als erste Dirigentin des Boston Symphony Orchestra eine Männerdomäne sprengte. Viele amerikanische Musiker sind durch ihre Schule gegangen – darunter Leonard Bernstein, Aaron Copland, George Gershwin und Philipp Glass –, und auch sonst liest sich die Absolventenliste ihrer Harmonie- und Kompositionsklasse wie ein Who's who der Musik: Daniel Barenboim oder Igor Markevitch gehören dazu, aber auch der Chansonkomponist Michel Legrand oder der Tangokönig Astor Piazzolla. Und der Komponist und Pianist Dinu Lipatti, mit dem Nadia Boulanger 1937 die vierhändigen Walzer von Brahms aufgenommen hat.
Dabei versuchte Nadia Boulanger nie, ihre Schüler in eine bestimmte Richtung zu drängen.

"Wenn ihr komponiert, dann ist es mir lieber, ihr irrt euch (wenn ihr euch denn irrt) und bleibt dabei natürlich und frei, als dass ihr anfangt, irgendetwas vortäuschen zu wollen, was ihr nicht seid."

Mademoiselle, die zeit ihres Lebens unverheiratet blieb, war eine berüchtigt strenge Lehrmeisterin, die ihren Studenten nichts durchgehen ließ. Dabei blieb sie selbst stets demütig vor dem Wunder großer Kunst. Zu den wenigen Meisterwerken, die Nadia Boulanger für die Schallplatte aufgenommen hat, gehörte 1948 das Requiem ihres Mentors Gabriel Fauré, das auch bei ihrer Beerdigung gespielt wurde: Am 22. Oktober 1979 ist Nadia Boulanger, 92-jährig, in Paris gestorben.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kalenderblatt

Vor 60 JahrenIn den USA wird die erste Solarzelle präsentiert

Erfindung sollte Stromversorgung in Tropen sichern

Heute findet sie sich auf unzähligen Hausdächern in ganz Deutschland - die Solarzelle. Erfunden aber wurde sie vor 60 Jahren im Forschungslabor einer US-Telefongesellschaft mit dem speziellen Ziel, abgelegene Telefonanlagen in den Tropen mit Strom zu versorgen.

SpionageEin Spitzel im Kanzleramt

Ausgelassen kickt Bundeskanzler Willy Brandt am 13.6.1973 bei einer Gartenparty einen Ball über den Rasen vor dem Palais Schaumburg. Unter den Zuschauern: Günter Guillaume (Mitte, heller Anzug)

Die Nachricht der Verhaftung des Agentenpaares Günter und Christel Guillaume am 24. April 1974 sorgte in der Bonner Republik für einen Schock. Es folgte das Ende der Ära von Bundeskanzler Willy Brandt.

TheaterZum Klingen gebrachte Sprache

Ein bislang unbekanntes Portrait des englischen Lyrikers William Shakespeare wird am 12.02.2014 in Mainz (Rheinland-Pfalz) präsentiert.

Am 23. April 1564 soll er geboren sein - darauf hat sich die Forschung verständigt. Dokumente über das Leben Shakespeares sind rar. Dennoch sind sich Literaturwissenschaftler einig - er ist einer der bedeutendsten Dramatiker.

 

Zeitreisen

SemantikAlles klar?

Aktivisten demonstrieren am 18.10.2012 in Berlin vor dem Reichstag für mehr Transparenz bei den Nebeneinkünften von Bundestagsabgeordneten. 

Transparenz ist eines der wichtigsten Schlagworte des gesellschaftlichen Diskurses. Doch der Traum von totaler Durchsichtigkeit ist nicht erst eine Erfindung des digitalen Zeitalters.