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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.05.2014

LyrikSpiel und Verwirrung der Silben

Judith Zander: "manual numerale"

Von Carola Wiemers

Die Schriftstellerin Judith Zander (Deutschlandradio - Jane Neumann)
Die Schriftstellerin Judith Zander (Deutschlandradio - Jane Neumann)

Judith Zander hat hier ein ganz besonderes Hand- beziehungsweise Tagebuch vorgelegt: Die Idee ihrer Verssammlung ist es dabei, den Leser in ein kreuzgescheites poetisches Labyrinth zu schicken.

Judith Zander hat ihre jüngste Gedichtsammlung unter ein Motto gestellt, das aus Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" stammt: "Sie findet: Gerad oder Ungerad ergibt immer wieder die Zahl 1". Während bei Musil viel über die Kluft zwischen Gefühl und Verstand nachgedacht wird, setzen Zanders Verse dem darin waltenden mathematischen Prinzip eine eigenwillige poetologische Topographie entgegen.

Die durchgängig ohne Titel, in Kleinschreibung verfassten Gedichte stehen auf nicht nummerierten Seiten. Eine Zahl zwischen 1 und 31 steht in unregelmäßiger Abfolge jeweils am Anfang des Textes und ist identisch mit der Anzahl der folgenden Gedichtzeilen.

Da Zander im Titel von einem "manual numerale" spricht, wird ein Zusammenhang zwischen Zahl (Datum) und Textlänge (Vers) suggeriert. In einem 14-Zeiler heißt es:

"14. / es ist mai es ist juni julei / jeder vierzehnte gebe mich frei".

Dieser Vision einer Gliederung liegt das Prinzip des Verirrens zugrunde. Zander zelebriert nicht das Chaos, sie zeigt ein Sprechverhalten, das jenseits der Ordnung funktioniert - und sich übrigens auch auf den Leser überträgt. Der müsste sich nämlich die Seiten markieren, um ein bestimmtes Gedicht wiederzufinden.

An Entdeckungen mangelt es nicht in diesem besonderen Hand- beziehungsweise Tagebuch. Der Mond als klassisches Requisit der Lyrik wird "als falschkadenz" bezeichnet und "zimmernummern" als "verwunschne glossen". Mitunter sprechen die Musen "änglisch" und in Anlehnung an Paul Gerhardts geistliches Sommerlied dichtet Zander freimütig frech:

"Geh aus mein Herz bloß raus und mach / die herzklappe von außen zu".

In einem 7-Zeiler wird die Barockdichterin Sibylla Schwarz als "antipodin" bezeichnet, die siebzehnjährig starb und ca. 300 Gedichte und Gebete hinterließ.

Der Weg ist das Ziel in Zanders Sammlung, wobei sich die Sprache horizontal und vertikal ausdehnt und wundersam verzweigt. In der schier unendlichen Vielfalt von Silben-, Wort- und Versverbindungen begründet sich die Faszination eines kreuzgescheiten poetischen Labyrinths.

Die Lyrikerin beweist ein sicheres Gespür dafür, dem jeweiligen Thema eine angemessene metrische Form anzupassen. Hinter der im leichtfüßigen Versmaß daherkommenden, auch umgangssprachliche Floskeln einbindenden Rhetorik zeigen sich Eigensinn und Witz. So steckt in der salopp gestellten Frage, "was ham wir eigntlich gegen die hoffnungslosigkeit" nicht nur eine Zandersche Version von Platons Höhengleichnis.

Plötzlich hocken auch wir mittendrin in "unsrer selbstverbockten mündel-unmutigkeit" und haben wieder einmal den Ausgang verfehlt. Wenn schließlich mit schalkhafter Grazie die Mehrdeutigkeit des Homonyms "Pflaster" durchgespielt wird, dann ist der Eskapismus leichter Kindertage nicht fern: gerad oder ungerad ergibt eben immer "die Zahl 1" - so einfach ist das.

Judith Zander: manual numerale
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014 
100 Seiten (im Buch ohne Angabe), 14,90 Euro

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