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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.08.2013

Luxushotel statt Schreckensort

Panamas berüchtigte Diktatorenschmiede "Escuela de las Americas" in neuem Gewand

Von Michael Marek und Sven Weniger

Wandbild von Panamas einstigem Diktator Omar Torrijos, Absolvent der "Escuela de las Américas" (picture alliance / dpa / Pedro_Ugarte)
Wandbild von Panamas einstigem Diktator Omar Torrijos, Absolvent der "Escuela de las Américas" (picture alliance / dpa / Pedro_Ugarte)

Mitte der 40er Jahre wurde in Panama die Kaderschmiede "Escuela de las Americas" gegründet. Kritiker und Menschenrechtler nannten die Einrichtung "Schule der Diktatoren", denn vier Jahrzehnte lang ließen sich dort lateinamerikanische Militärs von CIA und Pentagon ausbilden. Heute ist das einstmals berüchtigte Gebäude ein Fünf-Sterne-Hotel.

20. Dezember 1989: Mehr als 20.000 US-amerikanische Soldaten greifen im Morgengrauen Panama an. Im Handstreich besetzen sie den Zwergstaat zwischen den Subkontinenten. Die Gründe für die Invasion der Vereinigten Staaten: Sie wollen Manuel Noriega absetzen. Der korrupte Militärchef Panamas verschiebt zwar für die CIA Waffen für die Contras nach Nicaragua, gleichzeitig macht er aber mit den Drogenbossen des kolumbianischen Medellín-Kartells gemeinsame Sache. Vor allem aber wollen die USA die Kontrolle über das mittelamerikanische Land zurückgewinnen, das sie 40 Jahre lang fest im Griff hatten und das ihnen nun immer mehr entgleitet. Für diesen Kontrollverlust steht ein Symbol: die Escuela de las Américas, der Schule Amerikas.

"Die Escuela de las Américas, die in Panama operierte und die es Gott sei Dank nicht mehr gibt, war eine Bastion, in der zukünftige Generäle des Landes den Ritterschlag des Pentagons erhielten. Sie wurden darauf vorbereitet, zum General beziehungsweise Generalstabschef aufzusteigen, um danach die politische Kontrolle in ihrem Land zu übernehmen."

José Miguel Guerra ist einer der renommiertesten Radiojournalisten Panamas und bekannt als unabhängige Stimme:

"Die Escuela de las Américas durchliefen Leute wie General D´Aubuisson aus El Salvador, Manuel Antonio Noriega, die Militärs von Paraguay, Augusto Pinochet aus Chile - alles Männer, von denen wir wissen, dass sie Militärdiktatoren waren in jenen Jahren."

Ein Fünf-Sterne-Hotel am Rande des Urwalds. Palmen tuscheln im Wind. Der Park neigt sich sanft zum See. Es gibt einen romantischen Pavillon beim Bootsanleger und exotische Vögel, die unsichtbar hoch oben in den Tropenbäumen keckern. Im Foyer: Saxofonmusik, livrierte Kellner servieren Cocktails.

In der karibischen Nachmittagssonne rekeln sich die Gäste auf Liegestühlen. Hinter den in weichen Ockertönen gestrichenen Mauern entführen lange Gänge die Hotelgäste in die dämmrige Stille kolonialer Siesta. Das dunkle Mobiliar duftet nach Öl. Nichts ist geblieben von dem, was dieser Ort einmal war. Nur seine Geschichte:

"Ich heiße Jorge Antonio Portillo. Ich arbeite erst seit einem Monat hier im Hotel. Jeden Tag lerne ich etwas Neues. Denn es ist eine spannende Geschichte. Mir macht das sehr viel Spaß. 2001 wurde das Hotel eröffnet. Vorher war hier alles verschlossen, zehn Jahre lang. Dann hat Don Damián Barceló das Anwesen gekauft und umgebaut. Die Glaskuppel über uns hat jetzt die Farben aller lateinamerikanischen Staaten. Und die Windrose 25 Meter darunter symbolisiert Weltoffenheit und Frieden nach all den Jahren, in denen so viele schlechte Dinge hier passiert sind. Es ist nun kein Ort des Krieges mehr, sondern einer, der für Glück und Ruhe steht."

Alles habe Symbolkraft, sagt Damián Barceló. Der 84-jährige Eigentümer ist Spross einer spanischen Hoteliersdynastie, der sein halbes Leben in Panama verbracht hat.

"Ich habe in diesen Kreis aus Carrara-Mormor unter unseren Füßen die Worte ´und Friede auf Erden` einlegen lassen. Wer heute eintritt, soll sich an einem Ort des Friedens wiederfinden, in dem es keine Konflikte gibt zwischen Menschen weißer, schwarzer, gelber oder roter Hautfarbe. Jeder ist mein Bruder."

Trauriges Drehbuch der jüngsten Geschichte

Dennoch: An diesem idyllischen Ort zehn Kilometer südlich der karibischen Hafenstadt Colón wurde das Drehbuch für die jüngere Geschichte Lateinamerikas geschrieben. Hier wurden Todesschwadronen und die Militärs ausgebildet, die für Massenmorde und Folterungen in Lateinamerika verantwortlich waren.

Zehntausende Armeeangehörige aus 23 Ländern mit Ausnahme Kubas durchliefen die Escuela de las Américas. Zum Unterrichtsstoff gehörten antikommunistische Ideologie, Dschungelkrieg, Gegenspionage. Handbücher empfahlen Verhörtechniken mit Folter, Scheinhinrichtungen oder Erpressung und die Festnahme von Verwandten der Verhörten. Die Escuela de las Américas - ein Hort des Bösen?

"Es ist nicht so, dass die Escuela de las Américas dir sagte: Du musst repressiv sein und dich gegen dein Volk wenden – nein, so habe ich das nicht erlebt. Das Fundament der Akademie war, Militärs gegen die kommunistische Gefahr auszubilden,"

sagt Severiano Mejía Mosquera. Der Ex-Militär war Mitglied der Nationalgarde, Vize-Innenminister Panamas und Absolvent der Schule in den 1970er Jahren. Heute arbeitet er in einem winzigen Büro im dritten Stock der Universität von Panama City.

Dort ist der 60-Jährige inzwischen Dozent für strategische Studien und organisierte Kriminalität. Waren es also nur einige schwarze Schafe, die in Escuela de las Américas der ausgebildet wurden? Waren es einige wenige, die die antikommunistische Ideologie als Freifahrtschein für Mord und Totschlag verstanden? Und die ihre Völker mit Repressalien überzogen, um die Ordnung in ihren Ländern aufrechtzuerhalten? Der eine oder andere ehemalige Top-Militär scheint dies so zu sehen.

Treffen mit Rubén Darío Paredes in einem Luxushotel in Panama City. Der elegant gekleidete 79-Jährige ist heute Rentner. 20 Jahre lang war der General Ausbilder an der Escuela de las Américas.

"Ich bin pensionierter General der Nationalgarde Panamas, deren Kommandant ich war."

Von 1982 bis 1983 war Paredes Militärchef, oberster Machthaber Panamas und damit direkter Vorgänger von Manuel Noriega, des Mannes, der ungezählte Menschenrechtsverletzungen verüben ließ, der im Auftrag der CIA Waffen an die Contras in Nicaragua verschob, Geschäfte mit dem Medellin Drogenkartell machte und den USA schließlich derart aus dem Ruder lief, dass sie das Land seinetwegen überfielen.

Dass Absolventen der Escuela de las Américas sich an Mord und Totschlag beteiligten, dass lateinamerikanische Militärherrscher in dem schmucken Gebäude nahe dem Panamakanal ihren ideologischen Schliff bekamen - all das beeindruckt Ex-General Paredes nicht:

"In den Köpfen der Leute ist allein hängen geblieben, dass grausame und blutrünstige Diktatoren die Escuela de las Américas besucht haben. Aber man muss niemandem beibringen, wie man foltert. Wenn man jemandem die Fingernägel ausreißen will, dann kann man das auch so.

Es waren alle in der Escuela de las Américas, die Guten und die Bösen. Den meisten von uns ging es nur um die Stabilität des Landes. Aber das bedeutete natürlich auch, dass wir eine Regierung stürzen mussten, wenn sie sich nicht an die Regeln hielt und die Ordnung im Land gefährdete. Das war unsere Aufgabe, und das haben wir getan. Das Ganze ist also eine Verdrehung der Wahrheit. Ich halte das für ungerecht."

So demokratisch wie nie zuvor

Kurzerhand die Macht zu übernehmen, hat lange Tradition in Panama. Obwohl das Land nie klassische Streitkräfte mit schweren Waffen besaß, stürzten Nationalpolizei, später die Nationalgarde und deren Nachfolger, die Verteidigungskräfte Panamas, immer wieder Zivilregierungen, wenn es ihnen opportun erschien. Erst seit der US-Militärinvasion 1989 greift die nach wie vor militärisch gedrillte Polizei nicht mehr in politische Entscheidungsprozesse ein. Panama ist heute so demokratisch wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Aber noch lange nicht genug, findet der Journalist José Miguel Guerra:

"Diese Wahnvorstellung des Militarismus, dieser Leute, die im absoluten Machtanspruch ihre Aufgabe sehen, in der Kontrolle über das Volk, über den Bürger, ist nach wie vor lebendig. Diese Militärs und Politiker bilden eine Kaste. Die glauben, sie müssten ihre Einwilligung für alle Entscheidungen des Volkes geben, damit eine Demokratie funktioniert. Alle Militärs der Welt sind so. Die haben einen Chip im Kopf, und da ist das so gespeichert. Kurse, in denen dem Soldaten beigebracht wird, alles habe zu geschehen, wie ICH es sage, wie ICH es bestimme, sind immer noch die Essenz dessen, was schon in der Escuela de las Américas unterrichtet wurde."

1977 vereinbarten die Präsidenten Panamas und der USA, Omar Torrijos und Jimmy Carter, die Rückgabe der Kanalzone und damit auch der Militärakademie an den mittelamerikanischen Staat.

Das Institut für Sicherheitskooperation der westlichen Hemisphäre residiert seitdem in Fort Benning, Georgia - und wird massiv von Menschenrechtlern im eigenen Land attackiert – trotz neuem Lehrplan, neuen Ausbildern und einem Menschenrechtsbeauftragten.

Der Protest ist geblieben – darunter von Menschenrechtsgruppen aus Lateinamerika, den USA, von Amnesty International und Hollywoodstars wie Martin Sheen und Susan Sarandon.

Der Einfluss der USA in Panama ist heute weniger sichtbar. Ganz verschwunden ist er nicht. Der Vertrag über die Rückgabe der Kanalzone enthält eine Klausel, die es dem mächtigen Nachbarn erlaubt, bei Gefährdung der eigenen Sicherheitsinteressen jederzeit einzugreifen. Diese bittere Pille mussten die Mittelamerikaner schlucken. Außerdem finden unter Führung der USA jedes Jahr Militärübungen im Grenzgebiet zu Kolumbien statt, weil dort der Drogenhandel floriert und die Guerilla operiert.

Manuel Noriega saß 20 Jahre in nordamerikanischer Haft und wurde danach wegen Geldwäsche nach Frankreich überstellt. Kürzlich ist der Ex-Diktator nach Panama ausgeliefert worden und sitzt seitdem dort wegen Korruption und Mordes im Gefängnis.

Ein Werbefilm des Hotels, der die Schönheit der Landschaft und seiner Bewohner preist. Heute werden Ausflugstouren zu den Emberá angeboten, einem Indio-Stamm, die ihren traditionellen Rundhütten leben.

Jorge Antonio Portillo führt heute interessierte Hotelgäste in den Park der ehemaligen Militärakademie.

"Heutzutage interessieren sich die jungen Leute nicht mehr so für Geschichte. Die meisten kennen zwar den Namen Escuela de las Américas, aber sie wissen nichts über deren militärische Bedeutung. Schließlich spielte sich das alles im Sperrgebiet der Kanalzone ab, da konnte ja keiner rein. Zum Beispiel verstehen viele nicht, wie es möglich war, dass hier berühmte Diktatoren ausgebildet wurden. Das war natürlich nicht gut. Wenn du das jemandem erzählst, sagt er, ist das tatsächlich wahr? - und ist sehr überrascht."

Das Militär dient dem Volk

Auf dem Rasen nahe dem Seeufer steht ein Reiher, schneeweiß und regungslos. Aus der Ferne schickt das Schiffshorn eines Frachters, der gerade den Panamakanal passiert, einen lang gezogenen Ton herüber. Die Sonne kribbelt angenehm auf der Haut. Hat sich hier etwas grundsätzlich verändert, seit die Escuela de las Américas Geschichte ist? Journalist José Miguel Guerra ist sich da nicht sicher.

"Gott sei Dank haben wir in Panama kraft unserer Verfassung kein Militär mehr. Doch stattdessen denkt die Polizei, sie sei jetzt die Autorität im Land. Polizisten fordern noch immer deinen Ausweis, setzen sich in dein Auto, nehmen dich fest, ganz wie sie wollen, auch ohne irgendeinen Grund. Immerhin haben wir inzwischen Verurteilungen von Soldaten in Guatemala wegen Massakern, die sie dort an Zivilisten verübten.

In Kolumbien wurden 18 Militärs verurteilt, die Menschenrechtsverletzungen begangen haben. Genau das ist die Botschaft, die wir ihnen geben müssen: Dass wir entschlossen sind zu einem Reinigungsprozess; dass etwas glasklar sein muss: Das Militär dient einem Volk im außerstaatlichen Konfliktfall. Aber da es den in unserer Region seit über 20 Jahren nicht mehr gibt, müssen wir die Streitkräfte und deren Einfluss einschränken"

Weltzeit

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