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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 04.04.2006

"Lust auf Leben wecken"

Gewaltforscher Pfeiffer fordert Einführung von Ganztagsschulen

Moderation: Nana Brink

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)
Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)

Angesichts der Gewaltausbrüche an Hauptschulen hat sich Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen für die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen ausgesprochen. Außerdem plädierte der Gewaltforscher für die Einführung von Ganztagsschulen. Hier könne bei den Jugendlichen "Lust auf Leben" geweckt werden.

Nana Brink: Seit die Lehrer der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln vor ihren gewalttätigen Schülern kapituliert haben und ihre Schule für unregierbar halten, ist eine Diskussion über die Gewalttätigkeit an deutschen Hauptschulen entbrannt. Vor allem Jugendliche aus ausländischen Familien sind in Problembezirken wie Berlin-Neukölln anfällig für Gewalttaten. In der Rütli-Hauptschule haben rund 40 Prozent der Schüler einen arabischen Hintergrund, rund 26 Prozent einen türkischen. Der Gewaltforscher Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat in einer Langzeitstudie festgestellt, dass vorrangig Hauptschulen von Gewaltdelikten betroffen sind. Wir sind jetzt telefonisch mit ihm verbunden. Herr Pfeiffer, hauptsächlich männliche Jugendliche werden auffällig. Was sind denn die Ursachen für ihre Gewaltausbrüche?

Christian Pfeiffer: Das ist so eine Mischung von mehreren Einflussfaktoren. Ausgangspunkt erst einmal, dass in den Familien der Migranten die innerfamiliäre Gewalt sehr ausgeprägt ist. Nehmen wir die türkischen Jugendlichen als Beispiel. Etwa jeder Vierte bis fast ein Drittel erlebt zu Hause, dass die Eltern untereinander sich schlagen, meistens der Vater die Mutter, aber in der Kindheit kommt auch etwa ein Viertel selber ganz schön unter die Räder, und selbst wenn sie dann 15 sind, erleben immer noch viele Misshandlungen und Schläge, und das färbt ab, das bewirkt Frust, und stärkt bei den Jungen etwas, was wir als einen weiteren Hauptfaktor eigenständig identifizieren können: die Machokultur, die Orientierung an Gewalt legitimierenden Männlichkeitsnormen.

Und dann natürlich die soziale Ausgrenzung. Man glaubt nicht so richtig an den schönen Satz "Jeder ist seines Glückes Schmied". Die Perspektiven sind objektiv in der Tat auch nicht gut, aus einer Hauptschule heraus einen guten Lehrplatz zu bekommen. Das Schwänzen wird ein eigenständiger Faktor und dann etwas, was bei den Hauptschülern extrem zu Buche schlägt: Pro Tag verbringen die männlichen Hauptschüler mehr als vier, zum Teil fünf Stunden mit Medienkonsum, sprich Computerspielen, und hier die schärfsten Sachen, Filme anschauen, und auch hier, Filme ab 16, ab 18. Das heißt, da ist eine Atmosphäre der Gewalt auch geistig im Kopf die ganze Zeit präsent.

Brink: Sie sagen also, die Gewalterfahrung in den Familien, auch die archaischen Männerbilder sind dafür verantwortlich, die projizieren sie dann auf den Schulhof?

Pfeiffer: Ja, natürlich die soziale Lage, die dazu kommt, dass die Eltern zu einem großen Teil - bei den Hauptschülern sind es 20 bis 30 Prozent - von Sozialhilfe leben, arbeitslos sind, aber dann eben hinzukommend die objektive Situation, dass nach Ende der Schule nur wenige einen echten guten Lehrplatz bekommen. Das alles wirkt zusammen, dass wir in den Hauptschulen eine Ballung von Problemen haben und das ein eigenständiger Faktor wieder wird. Wenn man umgeben ist von anderen, die auch gewaltorientiert sind, die null Bock auf Schule haben, die frustriert sind, die Männlichkeitsgehabe zeigen, dann färbt das auf einen selber ab, ob man will oder nicht. Das heißt, die Atmosphäre der Schule selber kreiert noch mal einen eigenständigen Verstärkungsfaktor für Gewalt.

Brink: Haben wir aus falsch verstandener Toleranz gegenüber anderen Kulturen diese Muster, die in diesen Familien, wie Sie sie beschrieben haben, existieren, einfach ignoriert?

Pfeiffer: Ja, ich weiß noch gut, als wir das erste Mal veröffentlichten, wurden wir von Kollegen richtig beschimpft, wir würden hier den Rechten doch nur Steilvorlagen bieten, so etwas möge ja sein, aber man dürfe darüber nicht so offen reden, wie ich das damals gemacht habe, eine ganze Seite in der FAZ über die türkische Machokultur. Also inzwischen hat sich das ein bisschen gewandelt. Sie begreifen schon, es muss hier angesprochen werden, vor allem zu meiner Freude Hürriyet, die türkische Tageszeitung, bringt laufend eine Kampagne gegen innerfamiliäre Gewalt und unterstützt ganz massiv das, was wir da als Wissenschaftler nach außen tragen.

Brink: Sie haben gesagt kürzlich, die sozial Ausgegrenzten zeigen den Priviligierten mit der Faust, wo es langgeht, so werden Sie in einer Zeitung letzte Woche zitiert. Ist das nicht einfach ein bisschen zu einfach argumentiert, so nach dem Motto, die können nichts dafür, die müssen jetzt einfach aggressiv werden?

Pfeiffer: Ich glaube überhaupt nicht, dass sie es müssen, Gott sei Dank werden es auch nicht alle. Ein Drittel der männlichen Hauptschüler ist, bundesweit gesehen, regelmäßig gewalttätig aktiv, aber zwei Drittel der Jugendlichen sind es nicht. Also es ist kein Zwang da, es entscheidet jeder selber und von daher will ich die persönliche Verantwortung für die Taten überhaupt nicht leugnen, aber man muss deutlich machen, aus welchen Rahmenbedingungen so etwas entsteht.

Brink: Wie kann man denn an diese Eltern rankommen, oder kann man überhaupt an sie rankommen?

Pfeiffer: Wir machen ja Längsschnittuntersuchungen und sehen, die Gewalt nimmt ab. Also es war noch schlimmer Ende der 90er Jahre. Das Prügeln der Ehefrau nimmt ab, das Prügeln der Kinder nimmt ab, wenn auch auf einem hohen Niveau, immer noch turmhoch über dem, was bei einheimischen Deutschen üblich ist. Also der Trend stimmt schon, und das geht nur durch konsequentes weiter die Botschaft Vorantragen, dass geprügelte Kinder die schlechteren Noten kriegen, dass geprügelte Kinder sozial schwächer sind, immer wieder kompensieren müssen, kein Selbstvertrauen kriegen usw. Diese Botschaft beharrlich an die Elternköpfe herangetragen verfehlt langzeitig ihre Wirkung nicht. Bei den Deutschen haben wir es am deutlichsten gesehen, dass dort die innerfamiliäre Gewalt drastisch abgenommen hat.

Brink: Nun wissen wir über die Gründe, warum viele männliche Jugendliche gewalttätig sind, oder, sagen wir mal, im besseren Fall respektlos. Wie kann man ihnen denn Grenzen aufzeigen, die bedeuten, dass diese Kultur hier in Deutschland nicht akzeptiert wird?

Pfeiffer: In einer Hauptschule, in der das Klima so ist wie an dieser Berliner Schule, ist das für die Lehrer ausgesprochen schwer. Trotzdem unbeirrt dabeibleiben, Konfliktlotsen einsetzen, Gewalt nicht akzeptieren, gegensteuern, die Polizei reinholen, wenn es nicht anders geht, Grenzen aufzeigen, das sind die Ratschläge. Und trotzdem weiß ich, in einer so hoch verdichteten Gewaltkultur, wie wir sie an den Hauptschulen in Großstädten Westdeutschlands haben, ist das schwierig, und noch dazu in einem Schultyp, der immer mehr auf dem Abstellgleis steht, weil die Eltern ein Abstimmung per Füße machen. Sie schicken ihre Kinder da nicht mehr hin, mit dem Ergebnis, in Norddeutschland in vielen Orten nur noch zehn Prozent der Schüler, zwölf Prozent der Schüler in der Hauptschule, in Süddeutschland, wo die Empfehlungen nach der vierten Klasse bindend sind, da sind es noch 20, 25 Prozent. Deswegen sind all diese Probleme in Süddeutschland noch nicht ganz so zu spüren, aber heute Vormittag bin ich in einer süddeutschen Hauptschule tätig, und da sagen mir Lehrer, na ja, bei uns ist der Trend schon ähnlich.

Brink: Man hat ja manchmal das Gefühl, in Berlin-Neukölln oder in anderen Brennpunkten ist eigentlich das Kind schon fast in den Brunnen gefallen. Was kann man denn mit diesen männlichen Jugendlichen machen, was nützt es denn, sie einfach aus einer Schule zu entfernen oder dass die anderen weggehen? Also Bildungsministerin Anette Schavan hat ja zum Beispiel gefordert, aggressive Schüler in Internate zu stecken.

Pfeiffer: Also da hat sie keine Ahnung, wie viele aggressiv sind. Da braucht sie, da muss sie ein Drittel der Schüler in dieser Schule ins Internat stecken. Dafür fehlt das Geld, und ausgesprochen dumm ist es auch, weil Leute, die hochproblematisch sind, alle zusammenpferchen, da möchte ich nicht Lehrer sein. Das ist dann eine Zumutung für das Lehrpersonal und verdichtet noch einmal die Gewalt. Also das kann die Lösung nicht sein, sondern das Gegenteil ist richtig, diese Schule auflösen, ein Verband, wo die Mehrheit der Schüler anders denkt, nämlich mit der Realschule zusammenführen, so etwas wie der Regelschule, das haben wir in ganz Thüringen, und es läuft dort recht gut, und das würde ich als die Lösung empfehlen.

Und eine Zweite ist fast noch wichtiger: Nachmittags die Schüler nicht mehr nach Hause schicken, denn da tun die Jugendlichen nichts anderes in der Hauptschule, als Computer spielen und die verbotenen Filme gucken. Nein, nachmittags Lust auf Leben wecken durch Ganztagsschule, die ein Programm hat eben, Sport, Kultur, Musik und soziales Lernen. Das ist der große Fehler in Deutschland, dass wir die Ganztagsschule nicht als Programm entwickelt haben, nur ausnahmsweise mal hier und mal dort ein bisschen Geld dafür geben, dass das in Gang kommt. Das wäre die Rettung für die Migranten, weil sie dann nicht mehr isoliert unter sich blieben, sondern mit Deutschen gemeinsam Rugby spielen, ihre Männlichkeit austoben können und endlich rauskommen aus der Passivität des Nachmittags.

Brink: Sie schreiben gerade einen Artikel zum Thema Hauptschule. Ist das Ihre Position? Sie sagen also, nicht abschaffen die Hauptschule?

Pfeiffer: Doch. Ich sage, abschaffen schon, mit der Realschule zusammenführen, aber viel wichtiger: Ganztagsschule einrichten, damit der Nachmittag gerettet wird und die Kinder nicht ab zwei Uhr dann an irgendwelchen brutalsten Computerspielen sitzen.

Brink: Ist das wirklich realistisch, was Sie fordern, haben wir dafür das nötige Geld?

Pfeiffer: Also, wenn uns für die Kinder das Geld zu schade ist, wo kommen wir denn da hin? Zukunftsinvestition Jugend muss die wichtigste Perspektive der Politik werden. Wer das nicht begreift, der schadet unserem Lande erheblich. Also Geld lasse ich da überhaupt nicht gelten, weil nichts wichtiger ist, als die Kinder vernünftig auszubilden, sonst schneiden wir uns den Faden ab, an dem das Land hängt. Also da kann ich nur den Kopf schütteln, wenn Leute sagen, es ist nicht Geld dafür da. Wir geben viel zu wenig aus. Schauen Sie sich die anderen Länder, die bei PISA gut abschneiden, an. Da wird vom Bruttosozialprodukt ein Drittel mehr Geld ausgegeben für Schulen als bei uns.

Brink: Vielen Dank für das Gespräch.

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