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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.11.2012

Luo Lingyuan: Die KP wird weitere Reformen wagen

"Die Menschen haben inzwischen schon viel mehr Freiheit als zu Maos Zeit"

Luo Lingyuan im Gespräch mit Jörg Degenhardt

In Kürze wohl Chinas Staatschef: Xi Jinping, derzeit Vizepräsident Chinas
In Kürze wohl Chinas Staatschef: Xi Jinping, derzeit Vizepräsident Chinas (picture alliance / dpa / Adrian Bradshaw)

Die in Deutschland lebende chinesische Schriftstellerin Luo Lingyuan rechnet damit, dass mit dem designierten neuen chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping zumindest ein gewisser neuer Wind in die chinesische Politik kommt. Weitere Reformen bräuchten aber noch mehr Zeit.

Jörg Degenhardt: Weiter so oder weiter anders? Das fragen sich viele, wenn sie nach Peking schauen. Heute setzt der Parteitag der chinesischen Kommunisten, wie es immer so schön heißt, seine Arbeit fort. Vizepräsident Xi Jinping soll dabei das Ruder vom scheidenden Staats- und Parteichef Hu Jintao übernehmen. Die Parteispitze, fast die gesamte politische Führung wird ausgewechselt, und das in einer für das Riesenland wahrlich schwierigen Phase: Die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt hat nicht mehr so gute Wachstumszahlen und innenpolitisch gibt es so manchen Konflikt bis hin zu vereinzelten sozialen Unruhen. Luo Lingyuan ist Schriftstellerin und lebt seit 1990 in Deutschland, sie hat zuvor in Shanghai Journalismus und Computerwissenschaften studiert. Guten Morgen, Frau Luo!

Luo Lingyuan: Guten Morgen!

Degenhardt: Kommt mit dem neuen Mann ein frischer Wind oder nur ein anderes Gesicht an die Spitze der Partei? Was haben Sie da für Erwartungen?

Luo: Also ich denke, es kommt schon sicher ein bisschen neuer Wind dazu. Und der Xi Jinping, der hat auf jeden Fall erst mal wie Deng Xiaoping gespielt, sein Licht unter den Scheffel gestellt und das ist dann auch schon eine Fähigkeit. Es kann sein, dass er schon noch mehr kann.

Degenhardt: Was erwarten Sie da genauer, einen Wandel hin vielleicht auch zu mehr demokratischer Teilhabe? Das hört man ja oftmals als Wunsch aus dem Westen.

Luo: Ja, ich denke, das ist momentan noch der Wunsch aus dem Westen, aber so im Lauf der Zeit wird dann die Partei sicher noch mehr Reformen wagen. Aber das braucht dann noch Zeit, ja.

Degenhardt: Was heißt, mehr Reformen wagen? Glauben Sie zum Beispiel, dass es ein Mehr an Pressefreiheit, an Meinungsfreiheit geben wird?

Luo: Das wird… Momentan sieht es noch nicht so aus, dass es noch so wird, aber insgesamt ist es eigentlich schon immer mehr, ein bisschen mehr Freiheit dazugekommen, die Menschen haben auch immer mehr Freiheit bekommen, was den Beruf angeht, was auch politische Äußerungen angeht. Inzwischen können viele Menschen auch äußern, ohne dann zu denken, man wird getötet. Und das ist das ganz unterschiedlich als in der Zeit von Mao. Und das ist schon auch eine große Änderung, ein großer Fortschritt und ich denke, es wird auch immer mehr kommen.

Degenhardt: Trotzdem ist China nach wie vor das Land mit den meisten Hinrichtungen in der Welt.

Luo: Ja, das muss dann China noch ändern, ja. Das ist auch noch ein Punkt … Das ist dann auch… China braucht schon noch eine Justizreform, das würde dann China irgendwann auch in Angriff nehmen müssen.

Degenhardt: Auch in China, in der Volksrepublik, wird der Abstand zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land immer größer, vereinzelt gibt es jetzt schon soziale Unruhen. Was meinen Sie, werden die noch zunehmen?

Luo: Das könnte sein, aber ich denke, das hat dann eigentlich der Staat auch bemerkt und will ja auch… hat eigentlich auch verschiedene Reformen vorangetrieben, hat zum Beispiel auch so eine Art Krankenkasse für Bauern eingerichtet, die nicht wirklich zahlen können oder nur sehr wenig zahlen können, damit sie im Krankheitsfall auch ins Krankenhaus gehen können. Und der Staat versucht schon verschiedene Dinge, um diese Unruhe… das ist ja für den Staat sehr wichtig, Stabilität zu erhalten. Daher wird sich der Staat in dieser Richtung schon noch mehr bemühen. Und je mehr Geld der Staat hat, eigentlich hat er auch schon investiert, also die Rente, die ist auch immer weiter gestiegen.

Degenhardt: Der Staat, das ist natürlich vor allem die Partei, die kommunistische Partei, die wohl größte Organisation der Welt, also die KP Chinas. Ich habe gelesen, die Chinesen möchten ihr gerne beitreten, also Nachwuchsprobleme gibt es da nicht. Warum werden junge Leute in China Mitglied dieser Partei – aus Karrieregründen?

Luo: Sicher auch aus Karrieregründen, aber die Partei, die ist… die hat schon vieles gemacht. Die ist nicht so, wie man im Westen glaubt, so unattraktiv. Die Partei hat natürlich erst mal die Macht, die ist immer anziehend, aber andersrum: Die Partei hat unheimlich viele Reformen gemacht, die auch bei den Menschen sehr gut ankommen. Also die Menschen haben inzwischen schon viel mehr Freiheit als in Maos Zeit und man kann auch jederzeit ins Ausland gehen, man kann auch, so wie viele Bürger im Westen, inzwischen auch demonstrieren. Und der Staat achtet auch drauf, dass es nicht zu weit kommt, dass also auf jeden Fall erst mal diese Tötung nicht immer gleich folgt, wenn man was Falsches macht. Und das ist dann diese Freiheit, die die Menschen gespürt haben, und auch viele Dinge, also dass viele Menschen reich geworden sind. Da sind auch viele Menschen dankbar.

Degenhardt: Aber viele Menschen sind natürlich auch nicht reich geworden, trotz dieser beeindruckenden Wachstumszahlen in den letzten Jahren. Man hat so ein wenig das Gefühl, Sie können mich da korrigieren, als würde in China der Nationalismus zunehmen. Ist das der Führung in Peking, der Parteiführung vielleicht sogar ganz recht, weil immer weniger an die Idee vom Sozialismus glauben?

Luo: Ja, ja, genau. Sozialismus ist es eigentlich inzwischen nicht wirklich, also in China, das ist schon eher ein bisschen eine Mischung von chinesischem Charakter mit Kapitalismus.

Degenhardt: Ich meinte jetzt gezielt den Nationalismus. Glauben Sie - oder können Sie sich vorstellen – im Hintergrund steht natürlich der Konflikt mit Japan, dass dieser Nationalismus, dieser Gedanke, dass der noch zunehmen wird?

Luo: Dieser Gedanke ist eigentlich immer da und das ist auch ein Schmerzpunkt der chinesischen Geschichte, dass China schon seit Jahrhunderten das Meer nicht, also ihr Küstengebiet, nicht verteidigen konnte. Und das wird dann jetzt, das hat der Hu Jintao auch gesagt, das will er noch stärken, soll sich zu einer Meeresmacht erheben und ich denke, das entspricht eigentlich auch dem Wunsch des Volkes. Und viele Menschen wünschen sich, dass der Staat so stark ist, das Land zu verteidigen. Und das wird sich dann verstärken, das muss aber nicht heißen, dass China dann andere angreifen muss.

Degenhardt: Es bleibt spannend, nicht nur für die Menschen in China, sondern natürlich auch für die Beobachter nicht zuletzt im Westen, wie sich nach dem Machtwechsel, nach dem Stühlerücken in der Führung der kommunistischen Partei das Land die nächsten Jahre entwickeln wird. Das war am Telefon von Deutschlandradio Kultur die Schriftstellerin Luo Lingyuan. Vielen Dank für das Gespräch.

Luo: Danke schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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