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Sigmund FreudDer Seelenforscher
Der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud kurz nach seiner Ankunft in London am 6. Juni 1938.

Sigmund Freud ist der Vater der Psychoanalyse. Die Freudschen Begriffe Libido, Ödipuskomplex, Über-Ich oder Lustprinzip erhitzen bis heute die Gemüter. Freud starb am 23. September 1939, heute vor 75 Jahren, im Londoner Exil.Mehr

FernsehenDas allererste dritte Programm
Ein Schild mit dem Logo des Bayerischen Rundfunks steht am Donnerstag vor dem Funkhaus und Sitz des Bayerischen Rundfunks in München.

In den 60er-Jahren hatten die Fernsehzuschauer die Wahl zwischen zwei Sendern: ARD oder ZDF. Das änderte sich am 22. September 1964, als der Bayerische Rundfunk mit der Ausstrahlung eines eigenen dritten Programms begann.Mehr

Vor 100 Jahren"Propagandakrieg der Geister"
Die zeitgenössisch colorierte Fotografie aus der deutschen Propaganda zeigt eine deutsche Maschinengewehr-Kompanie (M.G.K.) beim Vormarsch an der lettischen Ostseeküste, aufgenommen 1917. 

Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs begann die Sammlung von Unterschriften für den "Aufruf an die Kulturwelt". Deutsche Künstler und Gelehrte gaben darin ihren Namen für den "Propagandakrieg der Geister". Mehr

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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.08.2012

Lügen und Zaubereien

Vor 100 Jahren wurde die italienische Schriftstellerin Elsa Morante geboren

Von Maike Albath

Elsa Morante wurde am 18. August 1912 im römischen Arbeiterviertel Testaccio geboren.
Elsa Morante wurde am 18. August 1912 im römischen Arbeiterviertel Testaccio geboren. (picture alliance / dpa / UPI)

Elsa Morante war die große alte Dame der italienischen Literatur. Mit Alberto Moravia war die gebürtige Römerin verheiratet, mit Visconti, Malaparte und Pasolini befreundet. Ihr Opus Magnum La Storia verkaufte sich 800.000 Mal. Kritiker warfen dem Kriegsroman Naivität vor, die Leser aber liebten das Buch.

Die Inseln unseres Archipels dort unten im Meer von Neapel sind alle schön. Ihr Boden ist zum großen Teil vulkanischen Ursprungs, und besonders in der Nähe der einstigen Krater sprießen Tausende von Blumen empor, wie ich sie ähnlich niemals auf dem Festland sah.

Arturo, der Held in Elsa Morantes Roman Arturos Insel, beschreibt sein Kindheitsparadies.

Die Hügel hinan zu den Feldern führen auf meiner Insel einsame Wege, eingebettet zwischen altertümlichem Gemäuer; dahinter erstrecken sich Obstgärten und Weingärten, die kaiserlichen Gärten gleichen.

Mit Arturos Insel legte Elsa Morante einen Roman voller Arabesken und fantastischer Verwicklungen vor, der sich von den neorealistischen, politisch engagierten Werken ihrer Kollegen vollkommen unterschied. 1957 erhielt sie dafür den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega.

Ihr Roman sei eine Variante von Robinson Crusoe, erklärt Morante einem Fernsehreporter, ihr Held habe keine moralischen Prinzipien und unterscheide nicht zwischen gut und böse oder richtig und falsch.

Arturo stammt aus verwickelten Familienverhältnissen, und die kannte die Schriftstellerin aus eigener Erfahrung. Am 18. August 1912 in Rom geboren, entdeckte sie als Heranwachsende, dass ihr Vater gar nicht ihr Vater war – und auch nicht der ihrer drei Geschwister. Ihre Kinder hatte die jüdische Mutter mit einem anderen Mann gezeugt, der als Onkel ausgegeben wurde. Mit 18 Jahren verließ Elsa Morante ihr Elternhaus; damals eine ungewöhnliche Entscheidung für eine junge Frau. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit Erzählungen und Doktorarbeiten, die sie gegen Bezahlung für verzweifelte Examenskandidaten schrieb. 1941 heiratete Elsa Morante den bereits berühmten Schriftsteller Alberto Moravia – es wurde eine turbulente Ehe. Als Rom 1943 unter deutsche Besatzung fiel und Moravia auf einer Verhaftungsliste auftauchte, verbarg sich das Ehepaar ein Jahr lang in einem kleinen Dorf in den Bergen. 1948 veröffentlichte Morante ihren ersten großen Roman: Lüge und Zauberei.

Dank meiner Lügen konnte ich mich jetzt für meine unerwiderte Liebe rächen, konnte meinen heimlichen Stolz sättigen, der dunkel und unterirdisch war wie die Hölle. Einzig meine Traumgestalten, diese edlen Hildagen, waren wie ich bitter und stolz in ihrer Prahlerei und wild in ihrer Verachtung. Sie waren meines Blutes und mir gleich, und keine Gesellschaft war meiner würdig, außer der ihren.

In den fünfziger Jahren herrschte Aufbruchsstimmung: Antonioni, Visconti, Strehler und Pasolini arbeiteten in Rom, Fellini drehte La dolce vita. Elsa Morante gehörte zur Bohème. Nachdem ihre Ehe mit Moravia 1962 zerbrach, umgab sie sich mit jungen Freunden, wie der Lyrikerin Patrizia Cavalli.

"Sie musste immer um Punkt halb eins essen, denn sie nahm Aufputschmittel, um schreiben zu können. Das war eine komplizierte Angelegenheit. Wenn sie merkte, dass die Medikamente wirkten, brachte ich sie gegen vier Uhr nachmittags nach Hause. Sie verschloss die Tür, stellte das Telefon ab, war für niemanden erreichbar und verbarrikadierte sich hinter ihrem Schreibtisch. Dann arbeitete sie bis tief in die Nacht und stand erst spät am Morgen auf."

1974 erschien Morantes Roman La Storia, ein Kriegsepos über eine jüdische Mutter, die ihre beiden Söhne verliert. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch kam La Storia nur als Taschenbuch heraus, um für jeden erschwinglich zu sein. Weil bei Morante die kleinen Leute unter Mussolini zum Opfer der Zeitläufte werden, warf man ihr Naivität und Geschichtspessimismus vor, aber die Leser liebten das Buch. Nach einem Oberschenkelbruch von Schmerzen gequält, unternahm sie 1982 einen Selbstmordversuch, von dem sie sich nicht wieder erholte. Am 25. November 1985 starb Elsa Morante.

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