Mittwoch, 4. März 2015MEZ12:16 Uhr

Kalenderblatt

Charlie ChaplinRitterschlag für einen Humanisten
Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".  (picture alliance / dpa / UPI)

Seine Filmpremieren waren immer ein Ereignis, in den 20er-Jahren avancierte er zum berühmtesten Weltstar seiner Zeit: Charlie Chaplin. Doch als größte Ehre empfand er seinen Ritterschlag durch die britische Königin am 4. März 1975.Mehr

Britischer Bergarbeiter-StreikWunden bis heute nicht geheilt
Britische Bobbys nehmen im März 1984 auf einem Feld einen Demonstranten in den Schwitzkasten (picture alliance / dpa)

Der Bergarbeiterstreik 1984-1985 war einer der längsten und härtesten in der Geschichte der britischen Arbeiterbewegung. Über hundertausend Bergleute gingen ein Jahr lang in den Ausstand. Der Streik endete heute vor 30 Jahren mit einer Niederlage der Miner - und hat tiefe Wunden hinterlassen.Mehr

Nick LeesonDer gefallene Finanzjongleur
Der frühere Börsenhändler Nick Leeson nach seiner Auslieferung an Singapur (hier am Flughafen in Singapur). (picture-alliance / dpa/epa - Roslan_Rahman)

Der Börsenhändler Nick Leeson setzte vor 20 Jahren die Differenzen zwischen den Kursen des Nikkei an den Börsen von Singapur und Osaka als Instrument der Spekulation ein. Am Ende standen eine ruinierte Traditionsbank - sowie sechseinhalb Jahre Haft.Mehr

weitere Beiträge

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.08.2012

Lügen und Zaubereien

Vor 100 Jahren wurde die italienische Schriftstellerin Elsa Morante geboren

Von Maike Albath

Elsa Morante wurde am 18. August 1912 im römischen Arbeiterviertel Testaccio geboren. (picture alliance / dpa / UPI)
Elsa Morante wurde am 18. August 1912 im römischen Arbeiterviertel Testaccio geboren. (picture alliance / dpa / UPI)

Elsa Morante war die große alte Dame der italienischen Literatur. Mit Alberto Moravia war die gebürtige Römerin verheiratet, mit Visconti, Malaparte und Pasolini befreundet. Ihr Opus Magnum La Storia verkaufte sich 800.000 Mal. Kritiker warfen dem Kriegsroman Naivität vor, die Leser aber liebten das Buch.

Die Inseln unseres Archipels dort unten im Meer von Neapel sind alle schön. Ihr Boden ist zum großen Teil vulkanischen Ursprungs, und besonders in der Nähe der einstigen Krater sprießen Tausende von Blumen empor, wie ich sie ähnlich niemals auf dem Festland sah.

Arturo, der Held in Elsa Morantes Roman Arturos Insel, beschreibt sein Kindheitsparadies.

Die Hügel hinan zu den Feldern führen auf meiner Insel einsame Wege, eingebettet zwischen altertümlichem Gemäuer; dahinter erstrecken sich Obstgärten und Weingärten, die kaiserlichen Gärten gleichen.

Mit Arturos Insel legte Elsa Morante einen Roman voller Arabesken und fantastischer Verwicklungen vor, der sich von den neorealistischen, politisch engagierten Werken ihrer Kollegen vollkommen unterschied. 1957 erhielt sie dafür den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega.

Ihr Roman sei eine Variante von Robinson Crusoe, erklärt Morante einem Fernsehreporter, ihr Held habe keine moralischen Prinzipien und unterscheide nicht zwischen gut und böse oder richtig und falsch.

Arturo stammt aus verwickelten Familienverhältnissen, und die kannte die Schriftstellerin aus eigener Erfahrung. Am 18. August 1912 in Rom geboren, entdeckte sie als Heranwachsende, dass ihr Vater gar nicht ihr Vater war – und auch nicht der ihrer drei Geschwister. Ihre Kinder hatte die jüdische Mutter mit einem anderen Mann gezeugt, der als Onkel ausgegeben wurde. Mit 18 Jahren verließ Elsa Morante ihr Elternhaus; damals eine ungewöhnliche Entscheidung für eine junge Frau. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit Erzählungen und Doktorarbeiten, die sie gegen Bezahlung für verzweifelte Examenskandidaten schrieb. 1941 heiratete Elsa Morante den bereits berühmten Schriftsteller Alberto Moravia – es wurde eine turbulente Ehe. Als Rom 1943 unter deutsche Besatzung fiel und Moravia auf einer Verhaftungsliste auftauchte, verbarg sich das Ehepaar ein Jahr lang in einem kleinen Dorf in den Bergen. 1948 veröffentlichte Morante ihren ersten großen Roman: Lüge und Zauberei.

Dank meiner Lügen konnte ich mich jetzt für meine unerwiderte Liebe rächen, konnte meinen heimlichen Stolz sättigen, der dunkel und unterirdisch war wie die Hölle. Einzig meine Traumgestalten, diese edlen Hildagen, waren wie ich bitter und stolz in ihrer Prahlerei und wild in ihrer Verachtung. Sie waren meines Blutes und mir gleich, und keine Gesellschaft war meiner würdig, außer der ihren.

In den fünfziger Jahren herrschte Aufbruchsstimmung: Antonioni, Visconti, Strehler und Pasolini arbeiteten in Rom, Fellini drehte La dolce vita. Elsa Morante gehörte zur Bohème. Nachdem ihre Ehe mit Moravia 1962 zerbrach, umgab sie sich mit jungen Freunden, wie der Lyrikerin Patrizia Cavalli.

"Sie musste immer um Punkt halb eins essen, denn sie nahm Aufputschmittel, um schreiben zu können. Das war eine komplizierte Angelegenheit. Wenn sie merkte, dass die Medikamente wirkten, brachte ich sie gegen vier Uhr nachmittags nach Hause. Sie verschloss die Tür, stellte das Telefon ab, war für niemanden erreichbar und verbarrikadierte sich hinter ihrem Schreibtisch. Dann arbeitete sie bis tief in die Nacht und stand erst spät am Morgen auf."

1974 erschien Morantes Roman La Storia, ein Kriegsepos über eine jüdische Mutter, die ihre beiden Söhne verliert. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch kam La Storia nur als Taschenbuch heraus, um für jeden erschwinglich zu sein. Weil bei Morante die kleinen Leute unter Mussolini zum Opfer der Zeitläufte werden, warf man ihr Naivität und Geschichtspessimismus vor, aber die Leser liebten das Buch. Nach einem Oberschenkelbruch von Schmerzen gequält, unternahm sie 1982 einen Selbstmordversuch, von dem sie sich nicht wieder erholte. Am 25. November 1985 starb Elsa Morante.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Das bittere Leben