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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.11.2011

Lokis Horden und Wotans Speer

Wie Rechtsextreme germanische Mythologie umdeuten

Georg Schuppener im Gespräch mit Nana Brink

Männergestalten aus Wagner-Opern: Wotan. Liebig Sammelbild 1906 (Münchner Stadtmuseum)
Männergestalten aus Wagner-Opern: Wotan. Liebig Sammelbild 1906 (Münchner Stadtmuseum)

Rechtsextreme benutzen die germanische Mythologie, um sie im Sinne einer sozialdarwinistischen Ideologie umzudeuten, sagt der Germanist Georg Schuppener. Inhaltlich diene der Rückgriff auf die germanische Mythologie dazu, Gewalt zu bejahen und sich in Traditionslinien von Gewalt und Geschichte zu stellen.

Nana Brink: Sie klingen wie aus einer anderen Welt: "Wotans Volk", "Lokis Horden" oder "Odins Erben" – alles Namen von Bands. Im Internet tummeln sich Blogger, die sich "Freya88" oder "Runenkrieger" nennen. Sie alle beziehen sich auf die germanische Mythologie. Und - was ist schon dabei? Die Nazi-Mordserie allerdings hat uns wieder hellhöriger gemacht, denn hinter diesen vielleicht harmlosen Namen verbergen sich oft rechtsextreme Absichten.

Für Außenstehende sind diese Codes aber nicht immer so ohne weiteres zu erkennen. Ein Fachmann, der sich mit diesem Thema beschäftigt und es intensiv erforscht hat, ist der Germanist Professor Georg Schuppener von der Uni Erfurt. Einen schönen guten Tag, Herr Schuppener!

Georg Schuppener: Guten Tag!

Brink: "Lokis Horden", das klingt ja erst mal eher komisch. Aber was verbindet sich denn hinter diesem Namen?

Schuppener: Komisch würde ich das nicht bezeichnen. Das ist natürlich schon martialisch in gewisser Weise und das hat auch schon ein Programm. Lokis Horden hat hier natürlich die Wildheit im Namen schon, diese Verschlagenheit, die man dem germanischen Gott Loki zuschreibt. Also insofern sind diese Namen nicht nur einfach aus irgendwie Jux und Tollerei gewählt, sondern die haben auch einen programmatischen Hintergrund.

Brink: Wer ist denn Loki? Können Sie das an diesem Beispiel vielleicht mal erklären?

Schuppener: Loki ist ein germanischer Gott beziehungsweise ursprünglich ein Riese, der bei den germanischen Göttern, den Asen, aufgenommen wurde und der als der listigste von allen und der verschlagenste von allen gelten kann.

Brink: Haben Sie denn Beispiele, wie germanische Figuren aus der Mythologie von Rechten vereinnahmt werden und warum?

Schuppener: Sie haben ja schon einige Beispiele genannt. Es werden also Decknamen im Internet häufig unter Verwendung von Riesen, Zwergen oder auch vor allen Dingen von Göttern verwendet. Das ist ein Bereich, wo man sehr häufig germanische Mythologie findet, dass sich also Leute dann wirklich Wotan nennen, oder Odin, oder auch Totensucher, oder Walküre und so weiter, und in diesen Bereichen geht es natürlich darum, dass man anknüpft an die germanische Mythologie.

Das ist einerseits im Internet so, es ist aber nicht nur da so, sondern es gibt auch Versender, Arminius-Versand, Germania-Versand, Asgard-Versand, Heimdall-Versand und so weiter, Wotan-Versand. Das ist Gang und Gäbe, dass man zurückgreift auf die Germanen. Bands greifen auf die Germanen zurück, indem sie Riesennamen oder Götternamen als Bandnamen wählen. Oder auch in Texten von Liedern kommt das vor, dass auf die Germanen zurückgegriffen wird.

Brink: Das wäre ja an sich erst mal nicht problematisch.

Schuppener: Zunächst mal ist es natürlich legitim, die Geschichte irgendwie zu verwenden. Aber die Geschichte wird ja umgedeutet. Es ist ja nicht so, dass hier jetzt Kulturpflege betrieben wird, sondern die Kultur wird eigentlich in einer bestimmten Weise ausgedeutet, und zwar im Sinne einer sozialdarwinistischen Ideologie. Das heißt also, die germanische Mythologie wird so gedeutet, als dass sie die Folie oder Blaupause ist für die Durchsetzung des Stärkeren. Der Stärkere setzt sich durch. Das bietet natürlich die germanische Mythologie auch, wenn man sie unter bestimmten Aspekten liest.

Brink: Um welche Inhalte geht es da ganz genau? Gibt es da bestimmte Codes?

Schuppener: Inhalte und Codes muss man voneinander trennen. Wenn ich mal ganz kurz die Inhalte oder die Ziele im Wesentlichen zusammenfassen kann, dann ist es vor allen Dingen, dass diese germanische Mythologie natürlich dazu dient, Gewalt zu bejahen, sich in Traditionslinien von Gewalt zu stellen, aber auch in Traditionslinien von Geschichte, dass man das Erbe aneignet. Das ist eine wichtige Funktion.

Man will aber auch – und das ist, glaube ich, auch bei der Rezeption ganz wichtig – eine Exklusivität zeigen, denn das Thema ist ja kein Thema, das allgemein präsent ist, sondern das ist etwas, was doch zum Teil tabuisiert ist. Auf diese Weise kann man sagen, man hat höheres Wissen, man zeigt Überlegenheit, und das erreicht man natürlich insbesondere, wenn man sich mit Göttern verbündet.

Brink: Jetzt wollten Sie die Codes noch erklären?

Schuppener: Es gibt verschiedene Codes. Das können beispielsweise Runen sein, die benutzt werden zum Beispiel als grafische Codes. Es können aber auch Namen sein, die in gewisser Weise codemäßig sind. Wenn man zum Beispiel sagt, Gottvater Odin, man nennt sich also Gottvater Odin, dann heißt das eigentlich, man ist selbst so wie Odin oder Odins Tochter, Sohn Vidars oder so etwas, Wotans Krieger.

Das sind in gewisser Weise Codes, weil sie verdunkeln, was eigentlich dahinter steckt – zumindest für denjenigen, der sich mit germanischer Mythologie zunächst mal nicht auskennt. Insofern schaffen sie einen Gruppenzusammenhalt und, wie ich schon sagte, sie zeigen einfach, diejenigen, die dazu gehören, die etwas wissen, die sind überlegen, die sind exklusiv.

Brink: Nun gibt es ja eine breite Fantasy-Welle unter Jugendlichen: Harry Potter nehmen wir mal, viel früher war es der Herr der Ringe. Warum interessieren sich denn jetzt viele Jugendliche für germanische Mythen?

Schuppener: Gut, dass Sie das ansprechen. Man sollte hier in dem Zusammenhang sagen, nicht jeder, der sich für germanische Mythologie interessiert, ist auch rechtsextrem. Das muss man sehr deutlich voneinander trennen. Es gibt auch eine breite Bewegung des Neuheidentums, die also doch auch unter Jugendlichen Interesse findet.

Die Gründe dafür sind recht vielfältig. Ich sagte bereits, dass das Thema ja in gewisser Weise tabuisiert ist, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg als ein Thema galt, das von den Nationalsozialisten vereinnahmt und missbraucht worden ist, und deswegen hat man sich damit nicht beschäftigt. Das ist der eine Punkt. Tabuisierte Sachen sind natürlich immer reizvoll, auch insbesondere für Jugendliche.

Und dann zum anderen bietet das Identitätsstiftung mit bestimmten Dingen, die ansonsten in unserer Gesellschaft vielleicht nicht so stark betont werden, wie Körperlichkeit, Gewalt oder Durchsetzung gegenüber anderen.

Brink: Wie können denn Eltern und Lehrer diese verschlüsselten Botschaften, also diese Codes, von denen Sie ja auch schon erzählt haben, erkennen?

Schuppener: Das ist zum Teil einfach, zum Teil ist das aber auch schwierig. Ich sagte bereits, dass germanische Mythologie nicht gleichzeitig bedeutet, dass jemand rechtsextrem ist, dass jemand sich mit Rechtsextremismus identifiziert.

Brink: Also ich muss mir keine Sorgen machen, wenn mein Sohn oder meine Tochter jetzt plötzlich irgendwie von Wotan reden?

Schuppener: Nicht unbedingt. Aber wenn er ein T-Shirt an hat, das beispielsweise die Aufschrift trägt "Odin statt Jesus" und dann vielleicht noch ein Symbol dazu, ein Adler, der einen Fisch zerfleischt, dann ist da schon irgendwo eine aggressive Tendenz zu erkennen und dann deutet doch schon einiges darauf hin, dass es in Richtung Rechtsextremismus geht.

Was ich damit sagen will: Es ist nicht in jedem Fall einfach zu erkennen, was denn gemeint ist. Insofern sind diese Codes oftmals auch nur im Zusammenhang zu erkennen.

Brink: Der Germanist Professor Georg Schuppener von der Uni Erfurt. Schönen Dank, Herr Schuppener, für das Gespräch.

Schuppener: Ja. Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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