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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.07.2015

Lokalradios in IndonesienFür die Gemeinschaft on air

Von Mandy Fox

Herr Komar, Moderator bei GreviFM, spricht mit Jakub Nugraha über eine Versicherung gegen das Dengue-Fieber. (Mandy Fox)
Herr Komar, Moderator bei GreviFM, spricht mit Jakub Nugraha über eine Versicherung gegen das Dengue-Fieber. (Mandy Fox)

Sie trommeln Freiwillige vor dem Vulkanausbruch zusammen oder informieren über Versicherungen gegen Dengue-Fieber: Community Radios in Indonesien senden jeweils für ein paar hundert Hörer, sind aber eine wichtige Stütze der jungen Demokratie.

"Next, there is Miss Mandy that comes from Germany. We will talk a bit with Miss Mandy about what her purpose here all the way from Germany."

Mandy: "I was curious to find out about Community Radio in Indonesia especially what is their aims, how they empower their communities and how is this radio scene developing in a very young democracy in Indonesia ..."

Das bin ich - im Community Radio GeviFM in West-Java. Die Moderatorin Ida Yurinda Hidayat hat mich überrumpelt. Ich wollte eigentlich selbst Fragen stellen, um mehr zu erfahren über die Community-Radio-Szene in Indonesien. Aber jetzt muss ich erzählen, live - was ich hier will. Warum faszinieren mich diese nichtkommerziellen, lokalen Bürgerradios, die es zu Hunderten gibt in dieser jungen Demokratie - betrieben und aufgebaut von der jeweiligen Dorfgemeinschaft.

GeviFM ist Mitglied im Community Radio Netzwerk für Farmer und Fischer in West-Java, das mittlerweile 290 Radiosender zu seinen Mitgliedern zählt. Die Vorsitzende ist Moderatorin Ida Yurinda Hidayat.

"Einige hören zu Hause das Community Radio, manche nehmen ihr Radio mit zur Arbeit aufs Feld und hängen es an ein Büffel-Horn. Warum? Weil es das einzige Medium für Bildung und Information in der Community ist. Es ist das beliebteste Medium und wirklich ein Bestandteil ihres Lebens, neben der Arbeit. Kommerzielle Radios oder nationale Radios wie Radio Republik Indonesien bedienen einfach nicht die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung. Sie kümmern sich nur um ihren wirtschaftlichen Erfolg."

In ganz Indonesien gibt es rund 600 Community Radios. Sie stehen im starken Gegensatz zur hippen und technologieversessenen Großstadtmetropole Jakarta. Denn im Sendegebiet vieler Community Radios gibt es keine Smartphones, kein Internet und keine Leuchtreklame. Es sind abgelegene Gebiete ohne sonstige Kommunikationsmittel außer den Radiosignalen.

Hier haben die kleinen Sender ihre große Bedeutung. Sie geben Informationen und verbreiten Wissen, dass für die Communities unerlässlich ist. 17.000 Inseln zählen zu Indonesien. Ungefähr 85 Prozent des Archipels können durch Radio erreicht werden.

Viele Sendestationen sind weit abgelegen - wie GeviFM in West-Java. Ida Yurinda Hidayat lotst mich vorbei an weiten Feldern und üppig grünen Bergen.

Herr Komar, ein Moderator bei GeviFM, muss die Sendung unterbrechen. Der Dorf-Chef hat die Freigabe erteilt Moskitos auszuräuchern. Ein junger Mann trägt dafür eine Art Staubsauger über der Schulter und versprüht im Vorgarten weißen, stinkenden Rauch aus einem langen Rohr. Dieser Chemie-Cocktail wabert durch die offenen Fenster ins Haus und ins Studio. Wir werden eingenebelt, husten und halten uns Tücher vor den Mund.

Es ist Regenzeit und Moskitos, die Dengue Fieber übertragen, breiten sich massiv aus. Laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation treten 15 Prozent der jährlich registrierten Fälle in Indonesien auf. Versicherungsvertreter Jakub Nugraha ist zu Gast im Studio, um aus aktuellem Anlass, eine Mikro-Versicherung gegen Dengue-Fieber vorzustellen. Eine Versicherung, die sich Menschen aus einkommensschwachen Schichten leisten können. Der Moderator hat viele Fragen an den Versicherungsvertreter:

Komar: "Wenn ich eine Dengue Fieber Versicherung bei ihnen abschließe und werde krank - wen kontaktiere ich dann? Gibt es eine Hotline, oder ein Versicherungsbüro in der Nähe? Und ist die Versicherung nur für Dengue Fieber oder auch für andere Krankheiten?"

"Verbreiten, wie wichtig eine Versicherung ist"

Versicherungen sind im Allgemeinen nicht bekannt auf dem Land. Traditionell sind die Familie und die Dorf-Gemeinschaft in einem Ernstfall die Versicherung und das Auffangnetz. Besonders auf dem Land ist die Erkrankung verheerend, wenn es den Haupternährer einer Familie trifft. Wird das Fieber nicht, oder zu spät behandelt kann es tödlich sein. Dafür will Moderator Komar seine Hörer sensibilisieren.

Komar: "Wir müssen die Information verbreiten, wie wichtig eine Versicherung ist. Wenn sie heute mehr darüber erfahren möchten, liebe Hörer, dann bleiben sie dran, denn wir sprechen gleich weiter mit dem Experten von Asuransi Central Asia."

Ob die Mikro-Versicherung ankommt, wird sich zeigen. Aber eine schlechte Performance kann sich das Versicherungsunternehmen in West-Java nicht leisten, wenn sie neue Märkte erschließen wollen. Beschwerden und Kritik werden auch über den Äther der Community Radios geschickt und bilden somit ein machtvolles Kontrollinstrument.

Das war schon in der Vergangenheit so: Während der 33 Jahre dauernden autoritären Herrschaft unter Präsident Suharto bis Ende der Neunzigerjahre konnten unabhängige Medien in Indonesien nur im Untergrund existieren. Sie waren geheim, aber wichtig.

Die Wirtschaftskrise von 1997 in Südostasien erfasste auch Indonesien und führte zu massiven Protesten, die letztlich den Rücktritt von Präsident Suharto im Jahr 1998 zur Folge hatten. Das Land trat in die „Reform Ära" ein und wurde 2004 nach den Präsidentschaftswahlen auch international als demokratischer Staat anerkannt.

Neugründungen alternativer Medien schossen in die Höhe und zeugten von dem Wunsch am einsetzenden Demokratisierungsprozess partizipieren zu wollen. Sehr zum Missfallen der Regierungseliten. In der weltweiten Rangliste zur Pressefreiheit, die von "Reportern ohne Grenzen" jährlich herausgegeben wird, liegt Indonesien weiterhin abgeschlagen auf Rang 138 von insgesamt 178 Ländern.

Moderator Abah Ridwan (links) und Gast (Mandy Fox)Lokalradio in Indonesien - hier mit Moderator Abah Ridwan (links) und Gast (Mandy Fox)

Ich bin auf dem Weg nach Yogyakarta in Zentral-Java. Die Stadt ist mit ihrer Vielzahl an Universitäten das Bildungszentrum Javas und das Zentrum der javanischen Kultur. Eine weltoffene, vibrierende Studenten- und Künstlerstadt. Mario Antonius Biworo ist meine erste Anlaufstelle. Er ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaften der Atma Yaya Universität und ist spezialisiert auf Community Medien in Indonesien. Seine Universität gehört zu denen, die viele Gemeinschaftsprojekte mit Community Radios haben.

Anton: "Die Menschen gründen ihre eigenen Bürgermedien - mit ganz einfachen Mitteln. Einige sagen das Community Medien primitiv sind, aber ich denke sie unterschätzen die Stärke dieses Mediums. Das ist der authentische Weg der Leute sich selbst auszudrücken. Einfache Mittel können sie sehr vielfältig einsetzen."

Er fährt mit mir zu Radio Balai Budaya Minomartani in Yogyakarta. Sie sind auch Mitglied in einem Netzwerk, das circa 80 registrierte Radios vertritt. Der Fokus liegt bei Radio Balai Budaya Minomartani auf der Bewahrung der eigenen Kultur und Identität.

Vor ein paar Jahrzehnten kam ein katholischer Pfarrer in den Bezirk, der überwiegend von Muslimen bewohnt wird und baute eine Kultur-Halle, um einen öffentlich Raum für alle zu schaffen - denn so etwas existierte kaum während der Ära von Präsident Suharto. Und so musizieren Christen, Muslime und Hindus gemeinsam im Gamelan-Orchester oder entwickeln Choreografien für javanische Tänze. Vor zehn Jahren kam das Community Radio dazu.

"Katastrophenmanagement über Lautsprecher"

Ein junger Mann steht vor dem Mikrofon und singt ein Liebeslied. Jeder kann das Radioprogramm aktiv mit gestalten. Die Studio-Tür knarrt und wird meistens gar nicht verschlossen. Unbeeindruckt von dem Stimmengewirr im Vorraum und dem ständigen Kommen und Gehen wird moderiert oder mit Anrufern gesprochen.

Kuncoro: "Wir haben ein Ethikkodex für das Radio. Wir wollen keine Songs spielen, die pornografisches Material, oder beleidigende Sprache enthalten. Wenn jemand nach solchen Songs fragt, sagen wir 'Oh, das tut uns Leid', die haben wir nicht im Programm', oder 'oh, die können wir aus Copyright Gründen nicht spielen'. Wir wollen nicht zensieren, oder verbieten, aber wir können filtern. In dieser Community haben wir ungefähr 70 Haushalte, aber unser Senderadius reicht darüber hinaus, so dass wir ungefähr 1000 Leute erreichen können. Das heißt natürlich nicht, dass alle unser Radio auch hören."

Kuncoro, Techniker und Produzent bei Radio Balai Budaya Minomartani.

Kuncoro: "Im Bereich Sicherheit war es so: Als in der Nachbarschaft eine Kuh gestohlen wurde, haben wir im Radio dazu aufgerufen, sie zu suchen. Der Dieb flüchtete daraufhin und ließ die Kuh zurück. Wir haben auch Freiwillige zusammengetrommelt, als der Vulkan Merapi 2010 ausbrach. Weil viele Kinder von der Katastrophe betroffen waren, haben wir Spielsachen und Filme gesammelt und ins Flüchtlingscamp gebracht."

Kuncoro, der Techniker, gibt mir die Adresse von Radio "Lintas Merapi", und ich mache mich auf den Weg zum aktiven Vulkan Merapi, der 30 Kilometer von Yogyakarta entfernt liegt. Dort sendet, als letzter Vorposten, das Community Radio. Es betreibt "Katastrophenmanagement über Lautsprecher" und hat einen eigenen Evakuierungsplan für die umliegenden Dörfer entwickelt, weil die Regierung bei Naturkatastrophen immer sehr spät reagierte.

Die Straße wird nur durch Löcher zusammengehalten und das Auto ruckelt langsam den Berg hinauf. Mein Mobiltelefon hat keinen Empfang mehr und das Dorf habe ich lange hinter mir gelassen. Hier oben, so nah am Krater, herrscht eine gespenstische Ruhe, die nur manchmal durch glucksende Hühner gestört wird. Ich bin angekommen bei Radio Lintas Merapi.

Herr Sukiman, der Leiter des Radios, begrüßt mich. Der Mann mit dem schwarzen Schnauzbart und dem T-Shirt "Stopp killing Orang Utans" - also "Hört auf, Orang Utans zu töten" - bittet mich auf der Veranda Platz zu nehmen. Ich räume die bunten Holzbausteine seiner Kinder beiseite und setze mich auf das zerschlissene Sofa.

"Viele Indonesier beschweren sich andauernd", sagt Herr Sukiman "und es scheint so, als wären sie wirklich abhängig davon, dass jemand anderes, zum Beispiel die Regierung, ihnen hilft. Mit dieser Mentalität bin ich nicht einverstanden. Es gibt auch viel Korruption im Regierungsapparat, deshalb ist es besser die Dinge selbst in die Hand zu nehmen".

Herr Sukiman (Mandy Fox)"Viele Indonesier beschweren sich andauernd", sagt Herr Sukiman. (Mandy Fox)

Sukiman: "Ich benutze die Frequenz 106. Das ist eigentlich per Gesetz verboten. Die Community Radios sollen über die 107 senden. Aber dort sendet ein islamisches Gebetsradio, das von einer politischen Partei unterstützt wird und sich einfach als Community Radio registriert hat. Sie senden mit viel mehr Watt als erlaubt und das unterminiert die anderen Community Radios hier in dieser Gegend. Aber die lokale Rundfunkkommission lässt uns in Ruhe, denn sie wissen genau, dass wir mit unserer Radioarbeit das leisten, was die Regierung eigentlich leisten müsste. Deshalb kommen sie nicht, um unser Studio zu räumen, sondern sagen 'ja, es ist ok diese Frequenz zu benutzen'. Wir organisieren und helfen uns selbst. Ohne die Regierung."

Radio-Macher arbeiten ehrenamtlich

Vor 13 Jahren begann Sukiman mit vier Freunden, die Radiostation aufzubauen. Sie waren ein illegales Radio, bis zum neuen Rundfunkgesetz im Jahr 2002, welches die Community Radios offiziell anerkannte. Von Aktivisten als ein Meilenstein gefeiert, ist die Euphorie allerdings der Ernüchterung gewichen. Alle Community Radios stecken seit Jahren im Registrierungsprozess fest und senden so weiterhin illegal.

Deshalb sind sie jederzeit von der Schließung durch die Behörden bedroht. Die Regierung stellt für den Lizenzerwerb die gleichen Anforderungen wie für kommerzielle Radios und das verschlingt viel Geld, das die Communities nicht haben. Bis heute besitzt keines der rund 600 Community Radios eine Lizenz.

Aber das trübt das Engagement der Radio-Amateure nicht. Das Studio des Senders am Vulkan liegt im ersten Stock seines Hauses. Es ist ein ungedämmter Raum, so lang und breit wie ein ausgerollter Schlafsack.

Die Tür steht offen, der Moderator raucht und sitzt vor einem kleinen Mikrofon mit Mischpult. Daneben steht ein Computer und seit kurzem haben sie sogar Internet. Ein Fenster gibt den Blick auf einen Gemüsegarten am Hang frei.

Sukiman: "Von dem Geld der Community kann das Radio überleben. Jede Hilfe ist willkommen. Manche bringen uns Essen vorbei, oder putzen das Haus. Und wenn ich zu Vorträgen eingeladen werde, gehen 20 Prozent des Honorars an das Radio, um in neues Equipment zu investieren. Wenn wir Geld brauchen, dann drucken wir T-Shirts und wenn jemand eines für 30.000 Rupia kaufen möchte, bitte ich ihn, 50.000 Rupia zu geben, als Spende für unser Radio."

Die Radio-Macher arbeiten alle ehrenamtlich und senden in einem geographisch begrenzten Raum für oft nicht mehr als ein paar hundert Hörer. Sie haben die Auflage nicht-kommerziell zu sein, dürfen keine Werbung ausstrahlen und das führt wie im Falle des T-Shirt Drucks zu kreativen Methoden Geld zu sammeln.

Viele Radio-Macher glauben, dass die Regierung es nicht ernst meint, sondern nur der internationalen Gemeinschaft eine indonesische "Vorzeigedemokratie" vorspielen will. Seit Jahren gibt es keine Modifizierung des Rundfunkgesetzes.

Und so hoffen viele Indonesier auf den neuen Präsidenten Joko Widodo. Seit seinem Amtsantritt im Oktober 2014 ist im Bereich Community Medien allerdings noch nichts passiert. Professor Mario Antonius Biworo ist dennoch optimistisch:

"Ich glaube an die Community Radios, denn sie sind smart, sie haben es unter Beweis gestellt in der Suharto Ära und bis heute. Ohne Intervention von außen, ohne Geld von außen, ja sie haben bewiesen, dass sie unabhängig sein können aus gemeinsamer Kraft heraus. Sie werden überleben."

 

Mehr zum Thema:

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