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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.04.2007

Loblied auf die neuen Medien

David Pfeifer: "Klick. Wie moderne Medien uns klüger machen", Campus Verlag, Frankfurt/New York 2007, 177 Seiten

Internet-Nutzer
Internet-Nutzer (AP)

Machen Fernsehen, Computer und Internet Kinder und Jugendliche dumm und gewalttätig? - Nein, im Gegenteil, behauptet David Pfeifer: Computernutzung erhöht die schulische Leistungsfähigkeit und verbessert die soziale Kompetenz. In seinem Buch holt Pfeifer zu einem Rundumschlag gegen alle Medienkritiker aus und macht sich die Marketingphrasen der Brachen distanzlos zu eigen.

Am 20. November vergangenen Jahres betrat ein junger Mann schwer bewaffnet das Gebäude einer Realschule in Emsdetten. Bastian B. schoss wahllos um sich, verletzte eine Reihe von Schülern und tötete sich anschließend selbst. Nachdem bekannt geworden war, dass der 18 Jahre alte Amokläufer in seiner Freizeit das Computerspiel Counter Strike gespielt hatte, entbrannte ein Streit um das Verbot so genannter Killerspiele, der schon bald allgemeinere und leicht hysterische Züge annahm.

Wissenschaftler wie der Kriminologe Christian Pfeiffer oder der Psychiater Manfred Spitzer ("Vorsicht: Bildschirm") warnten vor dem verantwortungslosen Umgang mit den neuen Medien und wollten im ausdauernden Fernseh- und Internetkonsum von Teenagern die Hauptursachen der deutschen Bildungsmisere erkennen.

Hier ging es vor allem um "gefühltes Wissen", die Faktenlage hinter den Behauptungen war reichlich dünn. Wenn der Journalist David Pfeifer mit seinem Sachbuch "Klick" diesen "berufsmäßigen Mahnern" und ihrer angeschlossenen "Warnungsindustrie" nun den Kampf ansagt, ist das darum zunächst einmal zu begrüßen. Pfeifer, der in 90er Jahren Chefredakteur des "Stern"-Ablegers "Konr@d" war, möchte ein für alle mal Schluss machen mit den weit verbreiteten Ressentiments gegenüber Fernsehen, Computer und Internet und der "deutsch-romantischen Abwehr alles Technischen".

Pfeifer möchte zeigen, "wie moderne Medien uns klüger machen", der Untertitel deutet es bereits an. Also zitiert er aus einer OECD-Studie, nach der 15-Jährige mit Computerkenntnissen höhere schulische Leistungen erbringen, und weist auf Untersuchungen hin, nach denen Simulationen wie "Die Sims" die sozialen Fähigkeiten ihrer Mitspieler fördern. Er lobt die "Qualitätssteigerung" bei Computerspielen und führt innovative Fernsehserien wie "Lost" oder die "Sopranos" als Beleg dafür an, dass die "Medieninhalte anspruchsvoller werden".

Besonders originell ist das nicht. Viele der angeführten Beispiele kennt man aus der Zeitung lesen, andere, man muss es leider sagen, hat David Pfeifer schlicht und einfach aus einem sehr viel sorgfältiger recherchierten und intellektuell anspruchsvolleren Essay eines amerikanischen Kollegen übernommen: "Die neue Intelligenz. Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden" von Steven Johnson. (Die deutsche Übersetzung erschien im vergangenen Jahr bei Kiepenheuer & Witsch.)

Doch lassen wir die unter Sachbuchautoren durchaus verbreitete Praxis des "copy and paste" außen vor. Interessanter ist der Eifer, mit dem der 1970 geborene David Pfeifer seine Erkenntnisse vorträgt und dabei nicht nur auf die bereits erwähnten "Profi-Mahner" abzielt, sondern am liebsten jedem den Mund verbieten würde, der einen distanzierten Blick auf die neuen Medien wirft. Die Haltung des Kritikers sei schließlich "die bequemste im Leben", höhnt Pfeifer, und kann von diesem Standpunkt zuletzt sogar die umstrittene Entscheidung des Suchmaschinenbetreibers Google rechtfertigen, auf seinen chinesischen Seiten regierungsfeindliche Inhalte auszublenden: "Die absolute Freiwilligkeit der Benutzung" sei hier das "alles entscheidende Gegenargument". Vor dem Hintergrund der chinesischen Realität ist das eine reichlich naive und darüber hinaus zynische Behauptung.

Tatsächlich müssen in diesem Buch reflektiertere Überlegungen immer wieder hinter Marketingphrasen und dürftigem Key-Note-Geschwätz zurücktreten. Mit keinem Wort erwähnt David Pfeifer zum Beispiel die erbitterte Diskussion über die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Wikipedia und anderen kollektiv strukturieren Internetangeboten, die Jaron Lanier angestoßen hat und die in den Vereinigten Staaten seit einiger Zeit unter dem Stichwort digitaler Maoismus" geführt wird. Stattdessen preist er die vermeintlichen Segnungen der "kollektiven Intelligenz", die sich in den Wikis, Blogs und Foren des Internets manifestiert, und schwärmt von "Meinungsfreiheit" und "Gegenöffentlichkeit".

Schöne neue Welt, und fertig: Mit diesem zwanghaft optimistischen Blick auf die Zukunft stellt "Klick" sich in eine Reihe mit Veröffentlichungen wie dem im vergangenen Herbst abgefeierten Titel "Wir nennen es Arbeit", in dem Holm Friebe und Sascha Lobo die prekär beschäftigten Angehörigen der kreativen Klasse zu selbst bestimmten "digitalen Bohemiens" verklärten.

Jammern, das war gestern. Heute begegnet man den sich verändernden Strukturen auf dem Arbeitsmarkt "mit einem hohen Maß an innerer Motivation" (Friebe/Lobo) und macht sich im Sinne David Pfeifers selbst in der Freizeit und an der Spielkonsole noch fit für ein Berufsleben, in dem "verlangt wird, dass ich blitzschnell umschalten kann zwischen unterschiedlichen Anforderungen, gleichzeitig den Überblick behalte und einen andauernden Abgleich vornehme, zwischen dem, was ich tippe, schalte oder lenke, und dem eigenen Denken".

Damit schlägt die High-Tech-Propaganda in die ideologische Verklärung der Leistungsgesellschaft um: "Der Umgang mit modernen Medien", so Pfeifer, "trainiert uns Menschen."

Spätestens an dieser Stelle stehen die "digitale Boheme" und die selbst ernannten Freunde der neuen Medien dann Schulter an Schulter mit den Vertretern der medienskeptischen "Warnungsindustrie", die sie sich eigentlich zum Feind erkoren haben. Ob man in der ausufernden Beschäftigung mit Ego-Shootern nun ein Hindernis für die Bildungskarriere oder in einer Runde "Grand Auto Theft" die Vorbereitung auf eine erfolgreiche Laufbahn als Selbstunternehmer erkennen will – es läuft in beiden Fällen darauf hinaus, das Individuum den ökonomischen Anforderungen der Informationsgesellschaft unterzuordnen.

Bücher wie David Pfeifers "Klick" nehmen das nur allzu bereitwillig hin.

Rezensiert von Kolja Mensing

David Pfeifer: Klick. Wie moderne Medien uns klüger machen
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2007
177 Seiten, 17,90 Euro