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Lobeshymne auf den Finanzkapitalismus

Robert J. Shiller: "Märkte für Menschen: So schaffen wir ein besseres Finanzsystem"

Rezensiert von Ulrike Heike Müller

Trotz Krise: Robert J. Shiller berfürwortet den Finanzkapitalismus.
Trotz Krise: Robert J. Shiller berfürwortet den Finanzkapitalismus. (AP)

Das Buch von Robert J. Shiller ist eine Kampfansage an die Kritiker des Finanzkapitalismus: Er legt keine Abrechnung vor, sondern eine Lobeshymne - und er kritisiert zahlreiche strukturelle Mängel, zum Beispiel das Scheitern bei der Steuerung von Immobilienrisiken.

Von einem hochkarätigen Wissenschaftler wie Robert J. Shiller erwartet das kritische Publikum eine Abrechnung mit den Exzessen auf dem Finanzmarkt. Schließlich halten die Folgen der Großen Finanzkrise auch mehr als vier Jahre nach ihrem Ausbruch die Euro-Länder in Atem, vor allem in Form einer gigantischen Staatsschuldenkrise.

Aber diese Erwartung wird bitter enttäuscht. Denn Shiller legt in seinem jüngsten Buch keine Abrechnung vor, sondern eine Lobeshymne auf den Finanzkapitalismus. So schreibt er im Vorwort:

"Die Probleme der Hypothekenbranche und vieler Banken waren für mich, anders als für viele andere, nie ein vernichtendes Zeugnis für unser Finanzsystem als Ganzes. So unvollkommen dieses sein mag, muss ich es dennoch unwillkürlich für seine Errungenschaften bewundern und stelle mir vor, wie viel eindrucksvoller es noch werden kann."

Damit hat er sein Programm umrissen. Und Leser mit anderer Meinung werden geneigt sein, das Buch aus der Hand zu legen. Doch das wäre schade, denn in kaum einem anderen Werk werden die Argumente der Befürworter liberaler Finanzmärkte so klar und prägnant entwickelt.

Die zentrale These von Shiller lautet: Die Krise ist nicht einfach die Folge von Gier oder mangelnder Ehrlichkeit der Menschen, die sich in der Finanzwelt bewegen. Shiller macht vielmehr fundamentale strukturelle Mängel verantwortlich, zum Beispiel das Scheitern bei der Steuerung von Immobilienrisiken oder bei der Regulierung des Fremdkapitalanteils. Diese Mängel sind Shiller zufolge noch nicht beseitigt. Doch er ist überzeugt:

"Das Finanzwesen kann wahrhaftig Hoffnung auf eine fairere und gerechtere Welt bringen."

Um diesen Standpunkt zu begründen, hat der Autor einen ziemlich geschickten Aufbau seines Buches gewählt: Er gibt sich den Raum, zunächst vor allem die Vorzügen des jetzigen Systems darzustellen.
Dieser recht umfangreichen Einleitung folgen zwei Teile.

Cover: "Robert J. Shiller: Märkte für Menschen"Cover: "Robert J. Shiller: Märkte für Menschen" (Campus Verlag)Im ersten porträtiert er die Menschen, die sich auf dem Finanzmarkt tummeln: Lobbyisten, Investmentbanker, Juristen, Finanzberater, Regulierer, Politiker, Versicherer. Doch deren Darstellung ist problematisch. Exemplarisch lässt sich das gut an dem Kapitel über Investmentbanker zeigen. Sie helfen Shiller zufolge Managern oder Unternehmern vor allem dabei, Aktien an Investoren auszugeben. Er schreibt:

"Es gibt keine Möglichkeit, diesen Prozess so zu gestalten, dass sich alle Beteiligten fair behandelt fühlen. Es bleibt ein mörderischer Kampf, bei dem Absurdität und Tragik oft Hand in Hand gehen. Doch im Großen und Ganzen gehen Aktienemissionen und Anreizpolitik viel sanfter und friedlicher vonstatten als bewaffnete Konflikte.

Investmentbanker sind in gewissem Sinne Diplomaten, die zwischen den widerstreitenden Parteien vermitteln und Übereinkünfte aushandeln, die am Ende eine Zusammenarbeit ermöglichen, damit das Geschäft weitergehen kann. In der Unternehmenswelt sind Investmentbanker in letzter Konsequenz Friedensstifter und Fortschrittsförderer."

Diesen Ausführungen muss widersprochen werden. Zum einen macht Shiller keine Aussage darüber, welche weiteren Geschäfte Investmentbanker machen. Sie handeln zum Beispiel auf eigene Rechnung mit Wertpapieren, also ohne Auftrag eines Kunden. Damit verdient ihre Bank in der Regel viel Geld. Oder sie helfen Firmen, ihre Schulden so zu gestalten, dass sie geschäftsfähig bleiben. Sie restrukturieren also Forderungen.

Dazu gehört auch die Umwandlung eines Wertpapiers in ein anderes. Das nennt sich Verbriefung. Sie können auch mehrere dieser verbrieften Wertpapiere zusammenfassen und wieder weiter verkaufen, Immobilienkredite zum Beispiel. Und als von diesen so genannten "strukturierten Forderungen" in den USA plötzlich massenhaft wenig werthaltige gehandelt wurden, war dies der Auslöser für die Immobilienkrise. Der folgten bekanntlich die Euro- und Staatsschuldenkrisen.

Es ist irreführend, dass Shiller diesen Zusammenhang im Kapitel über Investmentbanker ausblendet. Sie als Friedensstifter und Fortschrittsförderer zu bezeichnen, ist im günstigsten Fall eine Verkürzung der Tatsachen.

Der zweite, weitaus kürzere Teil des Buches trägt den Titel: "Das Unbehagen in der Finanzwirtschaft." Hier endlich setzt sich Shiller explizit mit den Problemen des Finanzsystems auseinander und macht Vorschläge, die Abhilfe schaffen sollen. Das Steuersystem zum Beispiel sollte helfen, die Ungleichheit in der Gesellschaft zu mildern.

Deshalb plädiert er für Erbschaftssteuern und eine entsprechende Konstruktion der Steuersätze. Ihm schwebt auch ein Finanzsystem vor, das für die Fehler einzelner weniger anfällig ist, und in dem die wirtschaftliche Macht nicht bei wenigen großen Firmen konzentriert ist. Er wünscht sich mehr Belegschaftseigentum an Unternehmen und eine staatlich subventionierte Finanzberatung, die sich jeder leisten kann.

"Das System muss wohlüberlegt in die Zukunft gelenkt werden. Vor allem aber muss es erweitert, demokratisiert und humanisiert werden, damit Finanzinstitute irgendwann noch weiter verbreitet sind und positive Effekte haben. Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen gleichberechtigt am Finanzsystem teilhaben können."

Das klingt gut. Aber Shiller widerspricht sich selbst. Denn er ist ja auf der anderen Seite auch überzeugt davon, dass der Finanzmarkt ein Schauplatz für Machtkämpfe ist. Er schreibt, diese Kämpfe seien oft mörderisch, und damit übertreibt er nicht. Derart brutale Geschäfte sind unvereinbar mit Demokratie und gleichberechtigter Teilhabe aller Menschen.

Es bedürfte schon grundlegend anderer Steuermechanismen, um ein System zu etablieren, das die von Shiller gepriesene Fairness ermöglicht. Die Regulierung durch den Staat, von der er sich so viel erhofft, kann die Folgen solcher Machtkämpfe eindämmen. Aber letztlich bleiben seine noch so gut gemeinten Vorschläge nur ein Herumdoktern an den Symptomen.


Robert J. Shiller: Märkte für Menschen
So schaffen wir ein besseres Finanzsystem

Campus Verlag, Frankfurt
376 Seiten, 34,99 Euro

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