Montag, 1. September 2014MESZ09:39 Uhr

Meridian 11 / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

Live vom Fischkutter und aus der Fischhalle in Heiligenhafen

Fischkuttervor der Fischhalle in Heiligenhafen
Fischkuttervor der Fischhalle in Heiligenhafen (Fischverwertung Heiligenhafen-Neustadt eG)

"Auf einer Uferhöhe an der Ostsee liegt hart am Wasser hingelagert eine kleine Stadt ..." – so eröffnet der Dichter Theodor Storm seine Novelle "Hans und Heinz Kirch”. Gemeint ist Heiligenhafen im Kreis Ostholstein, Schleswig-Holstein, an der Ostseeküste.

Die "kleine Stadt am Meer” mit vier Kilometern Sandstrand, heute das staatlich anerkannte Ostseeheilbad Heiligenhafen ist ein über 700 Jahre altes Fischerstädtchen. Von seiner langen Geschichte zeugen die typischen Backsteinbauten der Altstadt, der historische Salzspeicher oder das Rathaus, erbaut 1882 als Sitz eines reichen Reeders.

In der Kleinstadt Heiligenhafen wohnen derzeit rund 9200 Einwohner. Jedes Jahr kommen circa 64.000 Gäste bei circa 500.000 Übernachtungen. Der Fremdenverkehr bildet eine der Haupterwerbsquellen im Ort.

Der Ortskern liegt an einer Bucht (deren künstlich abgetrennter Teil als Binnensee bezeichnet wird, jedoch Zugang zur Ostsee hat), die durch eine vorgelagerte Landzunge, bestehend aus Steinwarder und Graswarder, von der Ostsee getrennt ist. Der Graswarder ist Vogelschutzgebiet. In der Nähe des Ortes befindet sich auch eine Steilküste, man kann hier also drei für die Ostseeküste typische Elemente des Uferbereiches überblicken, das Kliff, die Strandwälle und den Sandstrand.

Einladend ist der Badebetrieb auf dem Steinwarder, der Gegensatz hierzu bildet das benachbarte Naturschutzgebiet Graswarder (Warder = alte Bezeichnung für Landzunge). Der Graswarder ist in Jahrhunderten entstanden, weil die Parallelströmung das Kliff im Westen der Stadt abgetragen und es im Osten wieder angelagert hat. Heute sind im "Naturschutzgebiet Graswarder” mehr als 40 zum Teil seltene Brutvogelarten zu beobachten, wie zum Beispiel Seeschwalben, Austernfischer, Säbelschnäbler, Sturmmöwen und Brandgänse.

Wassersportler können sich hier auch gut aufgehoben fühlen: zwei Segel- und Surfschulen sowie Deutschlands größte Segelcharterflotte sorgen dafür. Die Küste vor Ostholstein gilt als Deutschlands schönstes Segelrevier. Heiligenhafen hat einen der schönsten und besten Yachthäfen an der deutschen Küste, die Fünf-Sterne Marina, und er liegt praktischerweise auch mitten im Ort. Etwa 1000 Liegeplätze stehen zur Verfügung. In den vergangenen 15 Jahren hat die Stadt Heiligenhafen kontinuierlich in die Infrastruktur des Stadthafens investiert und ihn zu einem der schönsten Häfen an der Ostseeküste gemacht.

Die Hafenstadt Heiligenhafen ist bis heute ein wichtiger Fischereistandort. Der Fischereihafen beherbergt zehn Hochseeangelbetriebe und elf große und kleine Kutter. Der Ort besitzt einen der größten Fischanlandehäfen an Deutschlands Ostseeküste: jährlich werden hier circa 2000 Tonnen Frischfisch angelandet.

Die Ostsee ist Lebensraum für zahlreiche Speisefische. Als Binnenmeer mit nur einem kleinem Zugang zur Nordsee ist sie relativ salzarm. Dies hat einen wesentlichen Einfluss auf die Population der wichtigsten Speisefische der Ostsee, den Dorsch und den Hering. Durch den schmalen Zugang zum salzreichen Nordatlantik tauschen sich die Wassermassen nur unter bestimmten Witterungsverhältnissen (Winde und Stürme) ausreichend aus. Findet dieser natürliche Austausch nicht regelmäßig statt, verringert sich der Sauerstoff- und Salzgehalt der Ostsee und wirkt sich negativ auf die Population der Fische aus. Das ökologische Gleichgewicht wird zusätzlich durch den Einfluss des Menschen, durch den Fischfang, die Verunreinigungen etc. beeinflusst.

Die Fischverwertung Heiligenhafen-Neustadt eG., zu Deutsch die Fischereigenossenschaft Heiligenhafen, mit ihrem Geschäftsführer Ulrich Elsner, ist eine Genossenschaft, die einen Teil der Fischer in Schleswig-Holstein vertritt. Sie hat 42 Mitglieder und betreibt direkt am Hafen von Heiligenhafen auch eine ganzjährig für Touristen und Einkäufer geöffnete Fischhalle mit Gastronomie. Die Genossenschaft kümmert sich um die zeitnahe Vermarktung des Fisches, den die größtenteils selbständigen Fischer, die mit ihrer Mannschaft meist auf hoher See sind, fangen. Sie melden noch von hoher See aus der Genossenschaft, was ihnen ins Netz gegangen ist. Das Vermarkten ist eine Kunst für sich, denn man weiß nie genau, wann die Kutter wieder reinkommen – das kann bei schlechtem Wetter schon mal ein Tag früher oder später als geplant sein. Oder auch in einem anderen Hafen, wo der Fisch dann per Lastwagen abgeholt werden muss. Die Ware muss trotzdem einen Abnehmer finden, der genau zur richtigen Zeit die richtige Menge Fisch benötigt. Das geht nur mit jahrelanger Erfahrung, guten Kontakten und sehr viel Telefoniererei.

Dorsch, Hering, und Plattfische wie Flunder, Scholle oder Steinbutt holen die Fischer der Heiligenhafener Flotte aus der Ostsee. Sie klagen über niedrige EU-Quoten für die Fischentnahme und niedrige Fischpreise, hohe Abgaben, viel Bürokratie und immer restriktivere Sicherheitsbestimmungen. Ein massives Problem der Fischerei heute ist das fallende Preisniveau für Frischfisch, das auch mit der globalen Finanzkrise zusammenhängt. Es liegt etwa 40 Prozent unter dem des Vorjahres. Lag der Durchschnittspreis für ein Kilo Dorsch aus der Ostsee 2008 noch bei 1 Euro 85, so liegt er im Moment bei 1 Euro 05 oder weniger. Zu schaffen macht den deutschen Fischern auch die ausländische Konkurrenz: Kabeljau aus Norwegen und Island oder Pangasius aus Vietnam.

Obwohl die Fischerei an der Ostsee wirtschaftlich an Bedeutung verloren hat, spielt sie gerade für die Versorgung der Region eine wichtige Rolle. Denn hier wird traditionell viel und gern Fisch gegessen. Kleine Flotten in Fehmarn, Travemünde, Kiel, Eckernförde und Kappeln – die größte liegt in Heiligenhafen – sorgen dafür, dass in Schleswig-Holstein immer frischer Fisch zu haben ist.

Während die Bestände in der östlichen Ostsee nach wie vor hervorragend sind, sieht es in der westlichen Ostsee, wo Heiligenhafen liegt, schon seit längerem nicht mehr so rosig aus: die Fischjahrgänge 2003/2004 fehlen, sagt Ulrich Elsner von der Fischereigenossenschaft, die genauen Gründe sind unbekannt, Überfischung, Umweltfaktoren werden u.a. genannt.

Doch Elsners Prognose auch für die westliche Ostsee ist gut: Kleine Dorsche gebe es bereits genug, wenn sie herangewachsen seien, werde sich die Lage für die Fischer hier auch schlagartig bessern, ein Optimismus, den nicht alle Fischer so teilen. Sie haben das Gefühl, nicht mehr wie früher wirklich Umsatzbringer zu sein, sondern nur noch touristische Attraktion und fürchten um ihre Existenz.