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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.12.2015

Literatur Die Macht des Manuskripts

Christian Benne im Gespräch mit Barbara Wahlster

Im Büro des Schriftexperten Klaus-Dieter Stellmacher aus Cottbus (Brandenburg) ist eine alte Spitzfeder auf einem Schreibheft von 1880 zu sehen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul )
Bei manchen Autoren sind die Manuskripte umfangreicher als das veröffentlichte Werk. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul )

Der Literaturwissenschaftler Christian Benne widmet sich in seinem Buch "Die Erfindung des Manuskripts" der Frage, welche Rolle diese Texte in der Literatur spielen - und was sie für die Zukunft des Buches bedeuten.

Heute scheinen die Zeiten des handgeschriebenen Manuskripts eines Autors vorbei zu sein. Da gibt es Ausdrucke, Datenträger und Festplatten. Dabei ging die Entstehung der literarischen Moderne seit dem 18. Jahrhundert noch damit einher, dass die Anzahl literarischer Manuskripte ebenso wuchs wie deren Bedeutung. Der Buchdruck hatte die Handschrift keineswegs überflüssig gemacht, sondern provozierte im Gegenteil einen neuen, am Autographen ausgerichteten Literaturbegriff, wie der Literaturwissenschaftler Christian Benne in seinem neuen Buch "Die Erfindung des Manuskripts" ausführt.

Wann fingen Autoren an, ihre Manuskripte aufzuheben?

"Ich habe mich lange mit Autoren beschäftigt, bei denen mir auffiel, dass sie einen sehr komplizierten Nachlass hatten und wir eigentlich nicht so richtig wissen, was wir damit anfangen sollen", sagte Benne im Deutschlandradio Kultur zur Entstehungsgeschichte seines Buches. Autoren wie Friedrich Nietzsche, Robert Walser oder Friedrich Schlegel hätten zum Teil mehr in nachgelassenen Manuskripten geschrieben als im veröffentlichten Werk. Da habe sich die Frage gestellt, ob es Teil des Werkes sei und ob man es genauso studieren sollte wie die Bücher. Er sei dem nachgegangen und habe sich die Frage gestellt, wann Autoren eigentlich anfingen, ihre Manuskripte aufzuheben. Ihm sei aufgefallen, dass es erst im 18. Jahrhundert angefangen habe und zur literarischen Moderne gehöre. Da weder Archivare noch Literaturwissenschaftler darauf antworten konnte, habe er selbst in Archiven recherchiert und ein Buch darüber geschrieben.

Neue Chance für Sinnlichkeit des Lesens

Die Digitalisierung biete eine große Chance, die Sinnlichkeit des Lesens zurückzugewinnen, sagte Benne. Er führte eigene Erlebnisse bei seinem Besuch in Japan an, wo kaum jemand ein E-Book lese, sondern Bücher. "Wir werden weniger Bücher, aber schönere Bücher haben", sagte der Philologe über die zukünftige Entwicklung. Wenn man acht Stunden am Bildschirm gearbeitet habe, wolle man dies nicht in der Freizeit noch fortsetzen.

Christian Benne, "Die Erfindung des Manuskripts", Suhrkamp Wissenschaft, 28 Euro.

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