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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.05.2014

Linkes ManifestWie ist der Kapitalismus zu schlagen?

Armen Avanessian: "#Akzeleration"

Von Ingo Arend

Blockupy-Protest in Frankfurt: Polizisten verlassen im Juni 2013 ihren Einsatzort. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Blockupy-Protest in Frankfurt: Polizisten verlassen ihren Einsatzort. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Mit Verweis auf den Klimawandel konstatieren die Autoren des Manifests eine "Krise des Kapitalismus". Zwar wissen sie selbst nicht genau, wohin die Reise gehen soll. Trotzdem regen sie eine spannende Debatte an.

Bekämpft man den Kapitalismus mit einer radikalen Alternative? Oder soll man ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen? Auf diesen Nenner ließe sich die jüngste Debatte im Dunstkreis der politischen Linken bringen. Denn das ist der Kern von "#Accelerate. Manifest für eine akzelerationistische Politik", 2013 veröffentlicht von den Londoner Netzphilosophen Nick Srnicek und Alex Williams. Im Feuilleton und auf Tagungen in Berlin und New York Ende vergangenen Jahres ist darüber ein heftiger Streit entbrannt.

Der Akzelerationismus positioniert sich vehement gegen den Neoliberalismus. Mit Verweis auf den Klimawandel konstatiert das Manifest eine "langfristige Krise des Kapitalismus", die die Welt an den Rand einer Apokalypse manövriert habe.

Zu überwinden sei das System aber nur, indem man seine fortgeschrittensten Möglichkeiten ergreife und sie "beschleunigt". Und nicht mit dem "transzedentalem Miserabilismus" oder dem "neo-primitivistischem Lokalismus" der traditionellen Linken.

Der Akzelerationismus hält es lieber mit Lenins Plädoyer für die "großkapitalistische Technik". Das "Gebot des Plans" will er dabei "mit der improvisierten Ordnung des Netzwerks" versöhnen. Wie die Euphorie mit den Beschleunigungs-Befürwortern durchgeht, kann man an Armen Avanessian studieren. Der Berliner Literaturwissenschaftler, der das Manifest mit ein paar kritischen Beiträgen zu einem Reader zusammengebunden hat, beschwört einen "Zeitenwechsel" und den "Willen zur Zukunft".

Selbstermächtigungsfantasien einer linkstechnokratischen Elite

Ob man nun diesen frappierenden Politikentwurf als etwas ganz Neues oder, wie der italienische Medientheoretiker Franco Berardi, stattdessen als "Variante radikaler Immanenz" begreift – auch das neofuturistische Manifest der selbsternannten Speed-Linken beweist deren notorisches Unvermögen, theoretische Großannahmen in praktische Politik herunterzubuchstabieren. Denn die "Politik der geosozialen Kunstfertigkeit und gekonnter Rationalität", die die Akzelerationisten propagieren, klingt so gut wie ungenau: Sie wollen die "materiellen Plattformen von Produktion, Finanzwesen, Logistik und Konsum für postkapitalistische Zwecke" umformatieren, linke Think Tanks gründen, eine "Medienreform" durchführen und das Prekariat zu einer neuen "Klassenmacht" zusammenbinden.

Doch was hieße es konkret, den "Prozess der technologischen Evolution zu beschleunigen"? Noch sicherere Atomkraftwerke entwickeln? Und welche psychosozialen Folgen hat der Akzelerationismus? Der Kapitalismus, so Berardi, beschleunige schon jetzt mit einer Geschwindigkeit, dass "einem der Schädel platzt".

Um der Gefahr zu entgehen, nur eine linke Spielart der Politik des "Höher, Schneller, Weiter" zu kreieren, will die australische Philosophin Patricia MacCormack "Zeit als Intensität" verstehen und nicht als Geschwindigkeit.

Spätestens wenn der Akzelerationismus "Geheimhaltung, Vertikalität und Exklusion" gegen die linken Fetische Offenheit, Horizontalität und Inklusion favorisiert, wird man den Verdacht nicht los, dass das Manifest vor allem die Selbstermächtigungsfantasien einer linkstechnokratischen Elite spiegelt, die gern auf's Gaspedal drückt, ohne zu wissen, wohin genau die Reise gehen soll. Dennoch regt der Band eine spannende Debatte über neue Wege in eine menschenwürdige Zukunft an, eine Debatte, die die klassische Politik fast vollständig aufgegeben hat.

Armen Avanessian (Hg.): "#Akzeleration. Manifest für eine akzelerationistische Politik"
Merve Verlag, Berlin 2014
96 Seiten, 10 Euro

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