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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.02.2015

Linie 4 in RotterdamEin Villenvorort weit unter dem Meeresspiegel

Von Annett Gröscher

Rotterdamer Straßenbahn (imago/UIG)
Rotterdamer Straßenbahn (imago/UIG)

Unterwegs mit der Straßenbahnlinie 4 erkundet die Journalistin Annett Gröschner für die Reihe "Originalton" Rotterdam. Diesmal besucht sie den Villenvorort Hillegersberg, in dem sich zeigt: viel Geld bedeutet nicht zwingend viel Geschmack.

Nach Hillegersberg, dem nördlichen Ende der Linie 4, gelangt man, indem man die Ringstraße und den Noorderkanal überquert und unter der Autobahn und der Bahnlinie hindurchfährt. Dann kommt der Bahnhof Noord. Und plötzlich ist man in einem stillen Villenvorort.

Stadtführer: "Und jetzt sind wir in Hillegersberg. Das ist schade, wir erfahren das nicht, wir sind in 200 Meter umgeben von Wasser und großen Seen."

Mit Berg hat Hillegersberg nichts zu tun, ein sogenannter falscher Freund. Keine Anhöhe ist gemeint, die gibt es in Rotterdam nicht, sondern ein Berg ist eine kleine Siedlung, ein Dorf. Das Gebiet liegt weit unter dem Meeresspiegel. Das Wasser ist hinter den dichten Hecken und Zäunen der Grundstücke verborgen. Nur an zwei Stellen ist der Blick aufs Wasser nicht privatisiert. Und wer Hildegard war, da scheiden sich die Geister.

1941, während des Krieges, wurde Hilligersberg eingemeindet. Der Ort war damals schon reich. Die zerstörte Stadt Rotterdam brauchte Steuern für den Wiederaufbau.

Stadtführer: "Denn hier, das werden wir sehen, hat auch die Elite der Stadt gelebt. Das alte Dorf ist nicht hier. Aber ich denke, ein- oder zweimal gibt es Durchsicht, dann sieht man Wasser. Und am Ende des 18. Jahrhundert war das Gebiet zu 80 Prozent Wasser. Warum? Man konnte es nicht kontrollieren das Wasser, wenn es kein Wind gab, die Windmühlen waren nicht zuverlässig. So die ärmere Leute sind umgezogen und erst seit 1860 haben wir das wieder kontrolliert."

Villen mit Türmchen und Zäunen mit Goldrand

Die Elite, von der mein Stadtführer spricht, hat von Anfang an gebaut, was das Budget hergab. Viel Geld hieß schon damals nicht zwingend viel Geschmack, es gibt Chalets und eklektizistische Villen mit Türmchen und schmiedeeisernen Zäunen mit Goldrand, es gibt englische Landhäuser und Gartenstadtkarrees. Aber einiges ist auch gelungen.

Auf der Bergse Dorpsstraat sieht man etwas von dem Reichtum, das sich im Konsumentenstatus widerspiegelt. Es gibt sehr teure Geschäfte.

Endstelle Molenlaan. Der Fahrer wechselt. Die Schaffnerin schwatzt noch ein wenig mit ihrer Ablösung. Ich schaue mich ein bisschen im Hinterland um und gerate in eine hier eher seltene Siedlung mit Sozialwohnungen. Meine Reise endet im Argonautenpark. Dort sitze ich mit Anna Seghers und Heiner Müller auf einer Bank und deklamiere aus der Landschaft mit Argonauten:

"Ich meine Landnahme mein Gang durch die Vorstadt Ich Mein Tod Im Regen aus Vogelkot Im Kalkfell Der Anker ist die letzte Nabelschnur."

Vor mir das Argonautenviertel, relativ neu, die Straßen sind nach Protagonisten der griechischen Mythologie benannt. Götter und Sterbliche. Viele Grüße aus der Cassandrastraße. Auf dem Rückweg mit der 4 in die Stadt denke ich darüber nach, warum es eine Jason-, aber keine Medeastraße gibt. Vielleicht aus Rücksicht auf dort lebende Kinder? Oder weil man mit der Adresse bei Banken und Versicherungen als unzuverlässig eingestuft würde?

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