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Länderreport | Beitrag vom 23.03.2016

Lindenau-Museum im thüringischen AltenburgBilder im kritischen Zustand

Von Henry Bernhard

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Ausstellungsraum im Lindenau-Museum in Altenburg (Thüringen). (Lindenau-Museum Altenburg)
Ein Ausstellungsraum im Lindenau-Museum Altenburg (Thüringen). (Lindenau-Museum Altenburg)

Das Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg gilt als "museales Juwel", als eine "versteckte Perle". Aber das Museum ist in einem schlechten Zustand: Zu wenig Platz, undichtes Dach, zugige Fenster, im Depot schimmeln die Bilder.

"Einzigartig", eine "versteckte Perle", ein "museales Juwel im grünen Herzen Deutschlands" loben die großen Zeitungen Deutschlands das Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg. Ein "Geheimtipp" sei es, ein "vergessenes Juwel", "eines der schönsten Kunstmuseen Deutschlands", es versammle "den abendländischen Kunstkanon unter einem Dach". Und wirklich: Das so gepriesene Museum, ein zweistöckiger Neorenaissance-Bau am Fuße des Altenburger Schlossparks ist schon von außen eine Augenweide. Wer das Museum durch den Haupteingang betritt, dessen Blick fällt sogleich in einen prächtigen Saal mit sonnendurchfluteten Fenstern, in dem Gipsabgüsse klassischer Plastiken stehen, ein Wald von Körpern und Gestalten, von Meisterwerken der Antike und der italienischen Renaissance, wie verirrt in der mitteldeutschen Provinz. Ein Genuss auf jeden Fall. Wer das Museum jedoch von hinten, durch den Personaleingang betritt, der wähnt sich um Jahrzehnte zurückversetzt, der betritt eine heruntergekommene Rumpelkammer. Die Direktorin des Museums, Julia Nauhaus, ist sich dessen wohl bewusst, denn auf dem Weg in ihr Büro passiert sie täglich Wände von alten Schränken, Kisten, Kartons, Bistrotischen. 

"Das steht dann alles mehr oder weniger im Gang. Bei den Tischvitrinen ist es z.B. dass die in Einzelteile zerlegt werden müssen und auch in Einzelteilen eben dann ein oder zwei Etagen per Hand und Fuß nach oben transportiert werden, weil wir eben keinen Aufzug haben. Und auch die Bücherkartons stapeln sich, weil eben auch die Schränke voll, weil einfach das Museum aus allen Nähten platzt."

Das Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg. (Lindenau-Museum Altenburg)Das Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg. (Lindenau-Museum Altenburg)
Depot tut den Bildern nicht gut


Julia Nauhaus, eine Kunsthistorikerin, 40 Jahre alt, ist nicht mehr lange in Altenburg. Bald wird sie die neue Leiterin der Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste Wien sein. Die Altenburger Landrätin wollte ihr den auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Sie haben, so heißt es, keinen gemeinsamen Ton gefunden. Umso entspannter kann Nauhaus mit ihrer Kritik an die Öffentlichkeit gehen. So hat sie ein Gutachten über den Zustand der in den Depots lagernden Gemälde anfertigen lassen und auch Journalisten darüber informiert. Eine Lokalzeitung titelte daraufhin: "Im Lindenau-Museum verrottet die Kunst". Also gehen wir hinab in die Depots.


"Das Lindenau-Museum hat ja nicht nur eine international berühmte Italiener-Sammlung, sondern wir haben ungefähr tausend vorwiegend auf Leinwand gemalte Gemälde aus dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart; die Sammlung ist sehr interessant, sehr schön. Aber die Depotverhältnisse sind leider nicht so, wie man sich das wünschen würde."

Wir stehen im größten der fünf Depots. Wer sich einen hellen, klimatisierten, klinisch reinen Raum vorstellt - der liegt falsch. 

"Es gibt nur einen Luftaustausch, wenn man das Depot betritt, was aber nicht ständig der Fall ist. Und es gibt einfach auch sehr viel Staub und Dreck, der im Grunde ständig wieder aufgewirbelt wird, ständig sich auf den Gemälden niederlässt."

Das Depot ist ein muffiger Kellerraum, zwar trocken, aber es macht nicht den Anschein, den Bildern wirklich gutzutun. Eine Untersuchung fast aller im Bestand befindlichen 1.000 Gemälde hat ergeben, dass 83 Gemälde in einem "instabilen Zustand" sind, 125 in einem "kritischen Zustand". 

Jedes zehnte Bild von Schimmel befallen

"Es gibt eben dieses Problem auch des mikrobiellen Befalls von einer Reihe von Gemälden, die im Grunde eben auch in einem größeren Projekt behandelt, restauriert werden müssten." 
 
"Das heißt: Schimmel!?"

"Schimmel, genau, ja!"

Julia Nauhaus zieht eine Gitterwand heraus. Die ist nicht mehr ganz neu, die Bilder zittern bei jedem Zentimeter. Das Biedermeier-Porträt einer jungen Frau ist von einem grauen Schleier überzogen. 

"Der verbreitet sich nicht weiter, solange die Klimabedingungen stabil sind, also solange es trocken ist. Aber die Schimmelsporen sind trotzdem in der Luft. Ich sag mal, das ist auch nicht unbedingt gesund jetzt für den Menschen."

Etwa jedes zehnte Bild im Depot ist von Schimmel befallen. Wieder ruckeln die Bilder, als Julia Nauhaus die Gitterwand zurückschiebt. 95% der Bilder, also fast alle, könnte man im heutigen Zustand nicht sofort ausstellen.

Das Lindenau-Museum hat keinen eigenen Restaurator. Im Etat stehen 4.000 € für Restaurationen – pro Jahr.

"Und vor zwei Jahren hatte ich ja eine Ausstellung hier im Lindenau-Museum gezeigt, ‚Zu Hilfe! Zu Hilfe! Restaurierungspaten gesucht!‘ Und wir haben einen überwältigenden Spendenfluss - kann man richtig sagen - bekommen. Insgesamt sind wir jetzt bei 95.000 € an Spenden von Stiftungen, aber auch sehr, sehr vielen Privatmenschen. Und wir haben im Moment in unserer Ausstellung ‚In Szene gesetzt‘ 37 frisch restaurierte Porträts und Gemälden zu sehen, die eben alle mit privaten Spenden restauriert werden konnten."

Dach undicht

Nicht nur die Direktorin ist unzufrieden mit dem Zustand des Hauses und der Sammlung. Auch der Vorsitzende des Förderkreises, Lutz Woitke, würde das Lindenau-Museum gern erweitern.

"Und wir haben sicher ungünstigere Bedingungen. Wenn sie nur mal sehen, dass da kein Raum vorhanden ist, in dem man sich Grafiken vorlegen lassen kann. Also, auch in der Hinsicht wäre eine Erweiterung erforderlich."

Julia Nauhaus führt weiter in den Skulpturensaal, dem überwältigenden Prachtstück des Museums.

"Und wir haben zum Teil hier noch die Fenster aus dem Jahr 1876, aus der Entstehungszeit, was architekturhistorisch sehr interessant ist, aber für ein Museum im 21. Jahrhundert große Probleme mit sich bringt. Also, wir heizen sicher auch einen Gutteil des Parks mit im Winter."

Momentan wird das Dach in Angriff genommen, an dem es diverse undichte Stellen gibt. 600.000 € kostet die Neueindeckung. Oben angekommen werden die Räume höher und lichter. Nicht alle Probleme sind auf den ersten Blick erkennbar.

 "Ja, also die wunderbaren Oberlichtsäle sind sehr schön. Aber auch an den Oberlichtern müsste etwas gemacht werden, die sind nämlich aus Plexiglas. Da möchte man auch keinen Brandfall haben; das tropft nämlich auf den Fluchtweg. Und auch die Oberlichter entsprechen natürlich nicht den heutigen Museumstandards. Sie haben keine richtige Verschattung; im Sommer wird es hier teilweise 38°! Das haben wir im vergangenen Jahr schon festgestellt, als es sehr, sehr heiß war, dass die Schäden größer geworden sind. Das sieht man wirklich."

Platzmangel ist am Schlimmsten

Nebenan, bei den italienischen Tafelmalereien, dem Highlight des Lindenau-Museums, sieht es etwas besser aus. Sie hängen abgeschattet, aber dafür nicht besonders vorteilhaft beleuchtet. Julia Nauhaus staunt manchmal, wie sie leuchten, wenn einige von ihnen als Leihgabe in Sonderausstellungen anderer europäischer Museen hängen und richtig in Szene gesetzt werden. Dann finden die Bilder auch innerhalb weniger Wochen mehr Besucher als in Altenburg in einem ganzen Jahr. Aber die technischen Probleme mit Bildern und deren Präsentation sind gar nicht die größten Probleme im Lindenau-Museum. Am schlimmsten ist für die Direktorin der Platzmangel.

"Wir haben zwei Toiletten für Besucher, also eine für Frauen, eine für Männer. Wenn dann so eine 50 Personen starke Busgruppe kommt, dann dauert das schon eine Weile, bis alleine das erledigt ist. Und wir haben z.B. auch keinen eigenen Veranstaltungsraum, so dass eben Veranstaltungen, Eröffnungen immer in den veranstaltungsräumen stattfinden, was letzten Endes aber immer auch eine Gefährdung der Kunstwerke mit sich führt."

Einzig sinnvolle Lösung für Nauhaus wäre ein Erweiterungsbau an dem historischen Museum, für Depots, Lager, Toiletten, Veranstaltungsraum. Mehrere Gutachten haben dies auch empfohlen. Gesamtpreis für Anbau und Generalsanierung: um die 17 Mio. €. Aber der Denkmalschutz hat Einwände gegen den Anbau im historischen Park. Die Landrätin Michaele Sojka als Trägerin des Museums hält auch nichts von der Idee. Es müsse Platz im bestehenden Museum gefunden werden.

"Also, diese Zahlen sind deswegen vom Tisch, weil ein Anbau nicht mehr geplant ist. Wir haben mitbekommen auch durch den beauftragten Architekten, dass wir durchaus im Bestandsgebäude noch Räume und Flächen aktivieren können. Und mit modernen Mitteln ist das durchaus möglich, unseren Solitär soweit weiter zu entwickeln, dass er wieder zum Glänzen kommt, ohne dass man einen Anbau braucht."

Landkreis als Träger überfordert

Die Depots sollen in städtische Gebäude ausgelagert werden. Übrig blieben immer noch Sanierungskosten von sieben bis zehn Millionen Euro. Julia Nauhaus bezweifelt aber, dass genügend Platz im Museum gefunden werden kann. Aber sie ist ja bald auf ihrer neuen Stelle in Wien. Lutz Woitke, der Vorsitzende des Förderkreises, bemüht sich jedoch um Fassung, als er vom Ende der Anbau-Idee hört.

"Das kenne ich in der Form noch nicht, also dass das so hart formuliert wurde. Es hieß, es gab Bedenken von Seiten des Denkmalschutzes, aber das muss einfach diskutiert werden. Es gibt ja sehr viele Museumsbauten in Deutschland, die auch aus einer vergleichbaren Zeit stammen, und wo ein Erweiterungsbau sehr gelungen an das Gebäude herangesetzt wurde. Von der Warte gibt es sicherlich auch Gesprächsbedarf, wie ich sehe, vielleicht auch mit der Landrätin. Es sind Visionen gefragt!"

Letztlich ist der Landkreis als Träger mit dem Lindenau-Museum ohnehin hoffnungslos überfordert. Deshalb trägt der Freistaat Thüringen die Hälfte der laufenden Kosten und wird auch neben dem Bund und der EU bei der Finanzierung der Sanierung oder gar Erweiterung einen bedeutenden Anteil übernehmen müssen. Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff ist optimistisch.

"Beim Lindenau-Museum ist es so, dass wir als Land schon zugesagt haben, dass wir uns um Unterstützung für Fördermittel für das Museum bemühen. Wir sind da auch schon relativ weit. Wir werden europäische Fördermittel nutzen, um in die Sanierung dieses Museums zu gehen."

Die Frage, ob ein Erweiterungsbau nötig wäre, stellt sich für Hoff – trotz bereits bestehender Studien – noch nicht. Ohne Visionen für die Zukunft des Lindenau-Museums aber, die in Altenburg selbst entwickelt werden, wird sich auch in Erfurt nichts Grundsätzliches bewegen. Nun muss erst einmal Julia Nauhaus‘ Posten neu besetzt werden. Die Landrätin trifft die Wahl, der Kulturminister will mitreden. Gesucht wird ein Sanierer, der mit dem Bestehenden klarkommt.

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