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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.03.2007

Liebhaber verkrachter weiblicher Existenzen

Lilian Faschinger: "Stadt der Verlierer". Hanser Verlag, München 2007. 316 Seiten

Kaffehaus in Wien (Stock.XCHNG /  Gerd Marstedt)
Kaffehaus in Wien (Stock.XCHNG / Gerd Marstedt)

Matthias Karner ist ein Frauenheld, der nicht viel von Frauen hält. Er strotzt nur so vor Zynismus und Lebensekel, bis er eines Tages im Park eine leblose Frau findet. Alles deutet auf Selbstmord hin, doch die Frau überlebt und dankt ihrem Retter auf ihre Weise. Lilian Faschinger bedient sich in "Stadt der Verlierer" dramaturgischer Kniffe, um die Spannung zu halten und zeichnet zugleich ein groteskes Porträt der Stadt Wien.

Matthias Karner ist ein Frauenheld, blond, schlank, gut gebaut, wenig behaart und mit heller Haut. Er hat es vor allem auf ältere Frauen abgesehen, die von ihren Männern verlassen wurden: Das macht sie gefügig und demütig.

Als er aus der Wohnung einer Wiener Geliebten kommt, findet er im Lainzer Tiergarten eine junge Frau: äußerlich ist sie sein weibliches Pendant, ein Nicole-Kidman-Typ. In anmutiger Haltung liegt sie da, in einem hellen wadenlangen Seidenkleid mit Stehkragen, eine Brust entblößt, an ihrem rechten Fuß ein aparter weinroter High Heel. Neben ihr liegen drei Medikamentenschachteln und zwei leere Whiskeyflaschen. Alles sieht nach Selbstmord aus. Doch die Sanitäter treffen rechtzeitig ein. Sie überlebt. Zum Dank besucht sie später ihren Retter. Und eine gefährliche Liebschaft beginnt.

Man kennt die 1950 geborene Österreicherin Lilian Faschinger schon lange als eine leidenschaftliche und unerschrockene Erzählerin. Sie liebt starke Plots, hat ein ausgeprägtes Gespür für dramaturgische Kniffe und eine sinnliche, gern auch derb zugreifende Sprache, die kurz und ruppig werden kann, wenn es der Sache dient. In "Magdalena Sünderin", dem Roman, der sie vor zwölf Jahren bekannt gemacht hat, erzählte sie von einer siebenfachen Männermörderin, die in schwarzer Motorradkluft einen Priester kidnappt, um ihn mit ihrer Lebensbeichte zu verführen.

In ihrem neuen Roman spielt sie mit Elementen des Kriminalromans und mit Filmszenarien, die sie geschickt für ihre eigenen Zwecke einsetzt. Das ist gelegentlich hart an der Grenze zur Kolportage, manchmal auch etwas überkandidelt, bleibt aber bis zum Schluss auf intelligente Weise spannend und psychologisch genau, ohne den Leser damit übermäßig zu traktieren. "Stadt der Verlierer" erzählt die Geschichte eines Mannes, der eine Frau zu nah an sich heran lässt, näher als ihm - und damit auch ihr - gut tut.

Lilian Faschinger hat für ihren Roman eine raffinierte Doppelperspektive gewählt. Es gibt gleich zwei Erzähler: einen neutral, in der dritten Person sprechenden Erzähler, der ein skurriles Detektivduo ins Auge fasst - die gescheiterte Altertumswissenschaftlerin Dr. Emma Novak und ihren allergiegeplagten und esoterikanfälligen Assistenten Mick - ; sowie einen Ich-Erzähler, der vor Zynismus und Lebensekel nur so strotzt, eben jenen Matthias Karner, der die Frauen verachtet, mit denen er schläft. Einen derart bösen Blick auf ihre Geschlechtsgenossinnen könnte sich die Autorin wohl kaum leisten, wenn sie dafür nicht in das Hirn eines vom Leben gebeutelten Mannes kriechen würde.

Der mittlerweile dreißigjährige Matthias litt unter den Demütigungen seiner Adoptiveltern. Seine Adoptivschwester Silvia tröstete ihn gern auf jede erdenkliche Art. Als die Mutter herausbekam, dass Bruder und Schwester miteinander ins Bett gingen, zwang sie ihn, es auch mit ihr zu tun. "Nicht dass es unerträglich gewesen wäre, es hatte seinen Reiz."

So wie er es auch später gar nicht übel findet, für ein bisschen Sex und ein paar Komplimente bei einsamen Frauen unterzukriechen und sich aushalten zu lassen. "Frauen, die nerven, machen mich scharf", erklärt er seine Vorliebe für frustrierte Frauen. Ein ganzes Potpourri verkrachter weiblicher Existenzen zieht am Leser vorbei. In Matthias Augen sind sie "Huren, alle miteinander". In Emma Novaks Augen, die im Auftrag der leiblichen Mutter den Sohn sucht, sieht das anders aus: Sie erkennt sich in ihnen wieder.

Die leibliche Mutter und die schöne Scheintote aus dem Park treten zum gleichen Zeitpunkt in Matthias Leben. Dass das nicht gut gehen kann, ahnt der Leser bald. Die Mutter ist eine kalte, aufgedonnerte, etwas dümmliche Geschäftsfrau, die Scheintote dagegen könnte seine Rettung sein. Doch dafür ist es in ihrer beider Leben längst zu spät.

"Stadt der Verlierer" ist auch ein in Hassliebe geschriebenes Wien-Porträt. "Wien ohne Wiener, das wäre ideal", sagt Matthias Karner einmal: "Die Stadt ist ein Fall für die Neutronenbombe".

Rezensiert von Meike Feßmann

Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer
Roman. Hanser Verlag, München 2007.
316 Seiten, 19,90 Euro.

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