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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2011

Liebesqualen eines Halbgeschwisterpaares

Emily Brontë: "Sturmhöhe", Manesse Verlag, Zürich 2011, 651 Seiten

In "Sturmhöhe" geht es um sexuelle Anziehungskraft, sozialem Aufstiegswillen und dem rohen Kampf der Generationen. (picture alliance / dpa)
In "Sturmhöhe" geht es um sexuelle Anziehungskraft, sozialem Aufstiegswillen und dem rohen Kampf der Generationen. (picture alliance / dpa)

Es ist eines der erstaunlichsten Bücher der Weltliteratur und wirkt wie aus der Zeit gefallen: "Sturmhöhe" von Emily Brontë, erschienen 1847.

Gemeinsam mit ihren Schwestern Charlotte und Anne hatten die drei Pfarrerstöchter Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen, unter männlichen Pseudonymen Gedichte und schließlich auch Romane herauszubringen. Während Charlottes Bildungsgeschichte "Jane Eyre" (1847) ein großer Saisonerfolg war, verstörte "Sturmhöhe" die Zeitgenossen. Allzu gewalttätig wirkten die Geschehnisse, allzu düster und ungestüm die Charaktere. Dabei ist es, so erkannte man um die Jahrhundertwende, der literarisch aufregendste Roman der "taubengrauen Schwestern", wie der Brontë-Verehrer Arno Schmidt das Dreiergespann taufte.

Denn Emily (1818-1848) war zwar mit den erzählerischen Traditionen Byrons und Walter Scotts bestens vertraut und operierte auf dem Hintergrund der gothic novel, jonglierte aber umso wagemutiger mit den Zeitstrukturen, verarbeitete gesellschaftliche Umbrüche und fertigte meisterhafte Charakterstudien an.

"Stärker als ein Mann, einfacher als ein Kind stand ihre Natur allein", beschrieb Charlotte ihre jüngere Schwester Emily. Beheimatet im einsamen Yorkshire, hatte sie schon in ihrer Jugend mit ihren Geschwistern Geschichten über die Märchenwelten Angria und Gondal erfunden. Die strenge Moral der viktorianischen Leserschaft mochte ihr aus einigen Internatsaufenthalten vertraut sein. Umso drastischer erzählt sie in "Sturmhöhe" von den Liebesqualen eines Halbgeschwisterpaares, sexueller Anziehungskraft, sozialem Aufstiegswillen und dem rohen Kampf der Generationen.

Die raue, atemberaubende Natur und die erstickende kulturelle Ordnung können nicht in Einklang gebracht werden. Eingebettet ist das Ganze in eine Rahmenhandlung, die 1801 einsetzt und ein Jahr später endet. Ein neuer Pächter tritt auf dem herrschaftlichen Thrushcross Grange sein Amt an und stellt sich bei seinem Herrn vor, dem Bewohner von Wuthering Heigths, der "Sturmhöhe", einem imposanten, harschen Mann, der tief verbittert wirkt. Als der Pächter erkrankt, zerstreut ihn seine Dienstbotin mit Berichten vom Schicksal der zwei Familien.

Der Besitzer Heathcliff war nämlich ein Findelkind, das von seiner Halbschwester Catherine geliebt und von seinem Halbbruder Hindley gehasst wurde. Catherine heiratete den gesellschaftlich opportunen Edgar Linton von Thrushcross Grange. Heathcliff schwor Rache und ruhte nicht eher, bevor alle unter der Erde kamen und er durch einen finalen Schachzug Catherines Tochter in eine unglückliche Ehe stürzte und selbst zum Herrscher beider Häuser aufstieg.

Genauso mitreißend wie vor 150 Jahren ist die ungezügelte Emotionalität der Figuren, die nicht domestizierbar scheinen. "Es handelt sich um einen verwirrenden, uneinheitlichen und unwahrscheinlichen Roman, und die Leute, die in dieses Drama verwickelt sind, das schon für sich genommen tragisch genug ist, sind Wilde, von rauerem Gemüt als zu Homers Tagen" hieß es in der Zeitung "Examiner" am 8. Januar 1848. Genau das macht "Sturmhöhe" bis heute so lesenswert.

Besprochen von Maike Albath

Emily Brontë: Sturmhöhe
Roman
Aus dem Englischen übersetzt von Ingrid Rein
Manesse Verlag, Zürich 2011
651 Seiten, 22,95 Euro

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