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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.06.2012

Lieber gründlich als intuitiv

Daniel Kahneman: "Schnelles Denken, Langsames Denken", Siedler, Berlin 2012, 624 Seiten

Lieber Igel als Hase oder: Wer langsamer entscheidet, erreicht im Leben manchmal mehr
Lieber Igel als Hase oder: Wer langsamer entscheidet, erreicht im Leben manchmal mehr (AP Archiv)

Verhilft Intuition oder Nachdenken zu besseren Entscheidungen? Daniel Kahneman ist der erste Psychologe, der einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten hat. Seine Antwort: Überlegte Entscheidungen sind unter heutigen Umständen meistens die besseren.

Kahnemans neustes Buch ist eine Art wissenschaftliche Autobiografie in drei Teilen. Ausgangspunkt von Kahnemans Forschungen war die Feststellung, dass Menschen mit zwei Systemen denken. System eins repräsentiert die Intuition: Es reagiert schnell und nutzt unbewusst gelernte Regeln, Gefühle und vor allem Ähnlichkeiten. System zwei ist das klassische Nachdenken: langsam, dafür systematisch und logisch.

Leider ist System zwei faul und überlässt meist System eins das Feld. Das funktioniert gut, sogar sehr gut, so die gängige Meinung der Wissenschaftler. Stimmt nicht, sagt Daniel Kahneman. Intuition bewährt sich in einer stabilen Umwelt, aber wir leben und entscheiden häufig unter unsicheren Bedingungen. Und da führe System eins meist in die Irre. Es reagiere auf unwichtige Umstände: So sind etwa Richter nach dem Essen nachweislich milder gestimmt - der Blutzuckerspiegel beeinflusst über System eins wichtige Entscheidungen.

Und das ist nur eins von zahlreichen Bespielen, die Daniel Kahneman über die Verzerrungen des Denkens in seinem lesenswerten Buch beschreibt. So macht er sich unter anderem daran, eine Lieblingstheorie der Wirtschaftswissenschaften anzugreifen: den rationalen Marktteilnehmer. Der sei eine Fiktion, so Kahneman. Denn meist entscheide nicht die Ratio, sondern System eins und für das ist beispielsweise ein Verlust schmerzlicher, als ein gleich hoher Gewinn. Was zur Folge hat, dass schlechte Aktien oft zu lange gehalten werden. All das erklärt er so plausibel, dass selbst Planungsfehler, wie jüngst beim Berliner Flughafen, nachvollziehbar werden.

Einen wichtigen Teil seines Buches nimmt das Thema "Wohlbefinden" ein. Überzeugend erklärt er hier, dass es zwei "Selbst" gibt: eines, das erlebt und eines, das erinnert. Der wichtigste Unterschied: In der Erinnerung werden Episoden durch einen typischen Moment repräsentiert, ihre Dauer spielt kaum eine Rolle. Diese Verzerrung führt dazu, dass etwa eine Zahnbehandlung als gar nicht so schlimm erlebt wird, obwohl sie quälend lange anhielt. Klingt gut, bis man sich klarmacht, dass die positiv gefärbte Erinnerung über die nächste Zahnbehandlung entscheidet!

Im Sachbuchstreit zwischen Intuition und Nachdenken hat das Nachdenken einen Punktsieg davongetragen. Wenn es darauf ankommt, führt das Bauchgefühl häufig in die Irre. Daniel Kahnemans Buch ist ein Augenöffner für vielfältige Denkverzerrungen. Sie zu überwinden ist anstrengend, lohnt sich aber. Am wichtigsten ist es, auch andere zu fragen – so der Autor. Die wissen oft besser, was für uns gut ist. Leider ist das Buch mit seinen 624 Seiten wahrhaft gewichtig. Vieles wiederholt sich und ist umständlich erzählt. Mein erlebendes Selbst war beim Lesen oft ermüdet, mein erinnerndes Selbst aber wird einige interessante Episoden, überraschende Erkenntnisse und wertvolle Ratschläge im Gedächtnis behalten.

Besprochen von Volkart Wildermuth

Daniel Kahneman: Schnelles Denken, Langsames Denken
Übersetzt von Thorsten Schmidt
Siedler, Berlin 2012
624 Seiten, 26,99 Euro