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Religionen / Archiv | Beitrag vom 02.03.2013

Liebe zu einem Menschen, nicht zu Gott

Entscheidung gegen den Zölibat

Von Marlene Halser

Entweder irdische oder göttliche Liebe. Beides ist in der katholischen Kirche immer noch nicht möglich.   (picture alliance / dpa Foto: Maximilian Schönherr)
Entweder irdische oder göttliche Liebe. Beides ist in der katholischen Kirche immer noch nicht möglich. (picture alliance / dpa Foto: Maximilian Schönherr)

Katholische Priester, die einen Menschen lieben, bleiben entweder ihrem Gelübde treu, sie leben die Beziehung im Geheimen oder sie machen es wie Frank Gmelch: Er kehrte der katholischen Kirche den Rücken.

Frank Gmelch war erst 30 Jahre alt, als er als Pfarrer nach Ansbach kam. Sein ganzes Leben lang hatte er Priester werden wollen. Er ging auf ein von Jesuiten geführtes Internat, studierte Theologie und ließ sich mit 26 zum Priester weihen.

"Natürlich war jetzt vor allem im Studium und dann im Priesterseminar immer wieder die Anfrage: Was ist mit dem Zölibat, kannst du das leben? Gut, dadurch, dass ich diesen stringenten Wunsch hatte, Pfarrer zu werden, habe ich das gleich immer in Kauf genommen. Hab gesagt: Das geht schon. Wenn mich der liebe Gott auf den Weg führt, Pfarrer zu werden, dann wird er mir auch die Kraft geben, den Zölibat zu leben."

Auch die damals 20-jährige Martina war schon ihr ganzes Leben lang in der Kirche engagiert: Als Ministrantin, auf Jugendfreizeiten, im Kirchenchor. Bei einem Besuch der Partnergemeinde in Afrika lernten sie sich kennen.

Frank Gmelch: "Das Glück war, dass wir eben in Tansania, in der Stadt Musoma, wo wir wohnten, zwei Zimmer nebeneinander hatten im Bischofshaus, und diese beiden Zimmer jeweils über einen Balkon verfügten, so dass es dann am Abend, immer wenn wir alle Besichtigungen, alle Veranstaltungen absolviert hatten, uns immer wieder trafen, zu Balkongesprächen."

Martina Gmelch: "Wirklich ganz ohne Hintergedanken habe ich nur mal gefragt, warum er denn Pfarrer geworden ist. In dem Alter, ob man sich da nicht auch vorstellen könnte, mal eine Familie zu haben, oder so. Und da hat er dann eben einmal geäußert: Ja, wenn ich zehn Jahre jünger wäre, oder wir uns vielleicht eher kennengelernt hätten, wer weiß, was dann gewesen wäre. Und da bin ich dann schon sehr erschrocken, da habe gedacht: Eijei, was redet der denn da? Und trotzdem hat man sich dann natürlich ein bisschen anders betrachtet."

Wieder zurück in Ansbach, verspürten die beiden Sehnsucht nacheinander. Sie begannen einander SMS zu schicken.

Frank Gmelch: "… bis ich dann auch mal gewagt hab, übers Handy zu schreiben, diese Kurzform hdl. Und war gespannt drauf, wie sie antwortet. Und es kam auch etwas Entsprechendes zurück (lacht vor Freude glucksend)."

Frank Gmelch merkte, dass seine Gefühle für das Mädchen mit den klaren blauen Augen und dem ansteckenden Lachen immer stärker wurden. Er wollte, dass diese beginnende Liebe mit Martina weiterging – platonisch.

"Wir haben uns öfter getroffen und haben auch mal darüber gesprochen, aber damals hab ich immer gesagt: Martina, es ist dieser Rahmen, der uns vorgegeben ist, und in diesem Rahmen können wir uns bewegen, aber mehr geht halt nicht. Ich find‘s klasse, mit dir zusammen zu sein und ich genieße das und ich find es total super, aber halt… ich bin der Pfarrer."

Aber da war auch die Einsamkeit, die Frank immer stärker spürte. Abends, wenn er zurück ins Pfarrhaus kam, wartete dort niemand auf ihn. Und das – so wurde ihm bewusst – würde so bleiben, wenn er sich für den Zölibat entschied. Er traf eine Entscheidung:

"Zu spüren, da ist einer, der seine ganze Liebe, seine ganzen Gefühle einem schenken will, das spüren dürfen, wiegt doch viel schöner und auch schwerer, als zu sagen: Ich gelobe diese Ehelosigkeit und bin nur für die Gemeinde da."

Sieben lange Jahre hielten Frank und Martina fortan ihre Beziehung geheim. Nur ihre Eltern hatte Martina eingeweiht:

"Des ist jetzt schwierig. Das haben sie schon gesagt. Und mein Vater hat auch gesagt: Ja, Mensch, hättest du dir nicht einen anderen aussuchen können? Aber vom Prinzip her war das natürlich kein Problem. Und die haben gesagt: Also wir stehen hinter Euch und unterstützen Euch da halt."

Nach Sonnenuntergang trafen sich die beiden im Haus der Eltern – oder fuhren zusammen fort. Erwischt wurden sie nie.

Anfangs mag die Heimlichtuerei aufregend gewesen sein. Umso länger die Beziehung währte, umso belastender wurden die Lügen. Als 2005 Papst Johannes Paul II. starb, beteten die beiden für einen Nachfolger, der die Kirche reformieren sollte.

Martina Gmelch: "2005 wurde dann ja Ratzinger gewählt. Und das war natürlich … Des war … Das war ein Schlag für uns …"

Frank Gmelch: "Als die Meldung eben kam, Ratzinger wird Papst, hab ich erst mal drei Schnäpse gebraucht, weil das für mich eine große Enttäuschung war."

Martina Gmelch: "Da wussten wir, der Karren fährt rückwärts, und da brauchen wir nichts mehr zu erwarten. Und das war für uns ein bisschen eine Zäsur, dass wir gesagt haben, jetzt müssen wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, da brauchen wir nicht drauf hoffen, da tut sich nichts."

Als Martina ihr Referendariat zur Hauptschullehrerin abgeschlossen hatte, ging Frank zum zuständigen Bischof in Bamberg und schilderte ihm die Lage. Er wurde vom Dienst suspendiert. Danach trat das Paar gemeinsam vor die Gemeinde, um allen die Wahrheit zu sagen.

"Die Kirche war voll abends, und wir waren dann selber erst noch in der Bank gesessen. Und als es dann sechs war, 18 Uhr, dann sind wir halt vorgegangen an den Ambo, und wir haben noch gar nichts gesprochen gehabt, da sind die ganzen Leute schon aufgestanden und haben geklatscht. Die haben das dann natürlich gleich kapiert, erstens dass wir zwei das sind, zweitens um was es geht und drittens, dass wir uns jetzt trauen, vor sie hin zu gehen."

So schön dieser Abend war, so eisig waren die Reaktionen einiger Gemeindemitglieder wenig später. Heute leben Frank und Martina in Ulm. Sie hat dort eine Stelle als Lehrerin, er einen Job in einem Bestattungsunternehmen. Sie haben standesamtlich geheiratet und erwarten im August ein Kind.

Martina Gmelch: "Unser Leben jetzt ist gut."

Mit dem Festhalten am verpflichtenden Zölibat hat sich die katholische Kirche aber um zwei engagierte Gläubige gebracht, die ihr Leben sehr gerne gemeinsam in Dienste der Gemeinde gestellt hätten.

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