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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2005

Liebe zu dritt

Der Klassiker "Jules und Jim" als Hörbuch

Rezensiert von Edelgard Abenstein

Mal liebt Kathe Jules, dann liebt sie Jim ... (Stock.XCHNG Michelle Seixas)
Mal liebt Kathe Jules, dann liebt sie Jim ... (Stock.XCHNG Michelle Seixas)

Francois Truffauts Film "Jules und Jim" wurde ein Welterfolg. Er basiert auf dem inzwischen vergriffenen Roman von Henri-Pierre Roché um die Zuneigung zweier Freunde zu der gleichen Frau. Gleichmütig und sanft trägt die Schauspielerin Eva Mattes die Geschichte über diese wilde Liebe als Hörbuch vor.

Unvergessen, wie die junge Jeanne Moreau mit einem Sonnenschirm, Ringelpulli und hautengen, dreiviertellangen Jeans, über den sonnenbeschienenen Strand tänzelte, zwei Männer im Schlepptau, Oskar Werner und Henri Serre, die nur damit beschäftigt waren, wie auch wir seinerzeit, sie und die Schönheit dieser Szene zu bewundern. Das ist lange her.

Francois Truffauts Film wurde 1961 ein Welterfolg und zum Maßstab aller Geschichten, die von der glücklich-unglücklichen Liebe zu dritt erzählen: Jules und Jim. Der gleichnamige Roman, auf dem der Film basiert, stammt von Henri-Pierre Roché und ist inzwischen leider vergriffen. Umso schöner, dass er uns nunmehr in einer klug gekürzten Fassung als Hörbuch vorliegt. Eva Mattes, als Schauspielerin Fassbinders Entdeckung, Zadeks Lulu vor vielen Jahren, liest ihn wie ein hintergründiges Märchen aus der Gegenwart.

" Paris. Jules kündigte Jim wieder einmal die Ankunft von Mädchen aus seiner Heimat an. Berlinerinnen diesmal ... weder blind noch auf den Mund gefallen ... Wenn sie zusammen tanzen gingen, verursachten sie einen Aufruhr. Kathe, sehr blond mit sonnenbrauner Haut ... hatte das Lächeln der Statue von der Insel. Sie war Jim gleich aufgefallen. Jules aber, diesmal schneller, setzte flugs ganz auf sie und traf sie jeden Tag und zwar allein. Er vermied es, sie mit Jim zusammenzubringen. Das ging so einen Monat lang. Dann kam er zu Jim. Er tat geheimnisvoll, was Jim als günstig auslegte. Er sagte zu Jim: Kommen Sie mit Kathe und mir zur Feier des 14. Juli... Aber er sah Jim sehr direkt an und artikulierte langsam und bedeutungsvoll. "Die da nicht, verstehen Sie, Jim?" – "Die nicht, Jules", entgegnete Jim."

Zwei junge Literaten, der deutsche Jules und der Franzose Jim, die sich 1907 in Paris kennen lernen, teilen ihre Tage und, weil sie verliebt ins Leben und in die Liebe sind, oft auch die Frauen. Es ist eine ganz besondere, eine exklusive Freundschaft, geprägt von Wertschätzung, von intellektuellem Gleichklang und auch von großer Zuneigung. Ihre Gespräche reißen selbst nach jahrelangem Schweigen nie ab. Sogar die einzige große Geliebte, die sie gemeinsam haben und die ihr Leben bestimmen wird, kann sie nicht trennen. Im Gegenteil, diese Liebe wird sie noch inniger aneinander binden.

Auf einer Reise nach Griechenland war ihnen das Urbild an Weiblichkeit begegnet, das sie vollkommen in ihren Bann schlug - eine Statue aus Stein. Als sie ihr im wirklichen Leben gegenübertreten, werden sie ihr beide für immer ausgeliefert sein.
Kathe ist schön, Kathe ist schrecklich, die aufregendste Frau, die sie je getroffen haben. Vorbehaltlos erkennen sie ihre Leidenschaft, ihren Witz und ihre Anmut an. Sie wird zur grausamen Königin ihrer Herzen.

" Für Jim war es so klar, dass sie zu Jules gehörte, dass er nicht einmal versuchte, sich über sie ein genaueres Bild zu machen. Das archaische Lächeln, unschuldig und grausam, schien auf ganz natürliche Weise um ihren Mund zu spielen, dieses Lächeln, das zu ihr gehörte und alles ausdrückte, was sie war. "

Erstmal hält Jim sich an den Wunsch seines Freundes. Jules und Kathe heiraten. Sie ziehen nach Deutschland, bekommen zwei Töchter, doch die Ehe wird nicht glücklich. Die freiheitsliebende, kapriziöse Kathe an der Seite des selbstgenügsamen Jules – immer wieder verlässt sie ihn, auf der Suche nach Abenteuern, um aber stets in die Zweisamkeit zurückzukehren. Bis Jim die beiden in ihrem idyllischen Haus auf dem Lande besucht.

" Kathe erwartete ihn in dem großen bäuerlichen Esszimmer, das immer so gut nach Harz roch. Sie trug einen weißen Pyjama und hatte sich aufgeputzt. Jim hatte sich schon den ganzen Tag nach ihr gesehnt. Sie glitt in seine Arme, auf seine Knie, ihre Stimme klang tief. Es war ihr erster Kuss, er dauerte die ganze Nacht, sie sprachen nicht, sie kamen sich näher. Sie zeigte sich ihm im vollen Glanz, im Morgengrauen fanden sie sich. Auf Kathes Zügen lag Jubel und unbeschreibliche Neugier, ihre Vereinigung war vollendet, die Verheißung des archaischen Lächelns erfüllt, Jim in tausend Banden geschlagen. Er wachte auf und fand sich gefesselt. Es gab keine anderen Frauen mehr für ihn."

Das wird so bleiben, für eine Weile zumindest, bis sie angesichts der Übermacht ihrer Gefühle, jeder zu einem Mittel greifen, das Vergeltungsmaßnahme heißt und ein ums andere Mal Trost zu versprechen scheint - die Arme anderer Frauen oder Männer. Zu denen gehört für Kathe immer wieder Jules, der duldsame, der sie nach der Scheidung ein zweites Mal heiraten wird.

" Jules gab ihnen stillschweigend seinen Segen. Er war allerdings etwas geängstigt, da er sie sich so aneinander verloren sah. Er sagte zu Jim: Geben Sie acht auf sie und auf sich. "

Die Geschichte dieser "amour fou" zu dritt ist faszinierend, umso mehr, als man weiß, dass es sie tatsächlich gegeben hat. Der scheue, leidensfähig-kontemplative Jules war der Schriftsteller und Übersetzer Franz Hessel, der "Flaneur von Berlin". Das Vorbild von Kathe ist die deutsche Journalistin Helen Grund, die viele Jahre als erfolgreiche Korrespondentin in Paris lebte, und mit dem kunstverständigen Frauenhelden Jim hat sich Henri-Pierre Roché selbst ein Denkmal gesetzt. Doch auch in Wirklichkeit war dieser Liebe keine Dauer beschert.

" Sie begannen noch einmal ganz von vorn, und sie bauten ihr Nest sehr hoch wie ungestüme Raubvögel. Immer waren sie von einer ängstlichen Unruhe besessen; wenn sie sich nach langer Trennung wiedersahen, fürchteten sie, der eine könne dem anderen nicht mehr als eine Wiederholung bieten. So wie man niemals den gleichen Sonnenuntergang zweimal erlebt, träfen sie sich nie als die gleichen wieder."

Truffaut bewunderte an Rochés Roman seinen "reichen" Konfliktstoff und den Gleichmut, mit dem er entfaltet würde. Er bewunderte seine "teilweise erschreckende Sanftmut".

Genauso gleichmütig und sanft trägt Eva Mattes die Geschichte über diese wilde Liebe vor. Sie ist keine Komplizin, von niemandem, sie ergreift keine Partei. Nichts entlarvt sie als frivol, grausam oder unmenschlich, was es schließlich auch ist. Sie fesselt uns, sie verführt zu diesem schönen Traum aus Ungestüm, der, weil alle gewohnten Regeln außer Kraft gesetzt sind, nicht gut ausgehen darf. Ein Märchen, heiter, böse und am Ende doch von dieser Welt.

Henri-Pierre Roché, Jules und Jim. Aus dem Französischen von Peter Ruhff. Gelesen von Eva Mattes. Hörbuch-Hamburg 2005, gekürzte Lesung. 3 CDs, 223 Minuten. Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk. 23,90 Euro

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