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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 24.03.2007

Liebe auf Distanz als Zeichen der Zeit?

Zu Gast: Peter Wendl und Berit Brockhausen

Ein zärtlicher Kuss (AP)
Ein zärtlicher Kuss (AP)

Wir leben im Zeitalter der Mobilität und Flexibilität – beides beschwören zumindest Politiker gern, wenn es um die Jobsuche geht. Die Schattenseite: Immer mehr Paare und Familien müssen getrennt leben, schätzungsweise jede achte Partnerschaft in Deutschland ist eine Fern- oder Wochenendbeziehung. Tendenz steigend.

Doch die Liebe auf Zeit und nach Kalender ist eine harte Belastungsprobe für alle Beteiligten. Das ist auch die Erfahrung des Theologen Peter Wendl. Er leitet das Projekt "Mobilität und Partnerschaft" am Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Der Kommunikationstrainer berät Manager ebenso wie Politiker und Studenten. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war lange Zeit die Betreuung von Bundeswehrangehörigen und ihrer Familien, die – durch die neuen Einsatzgebiete (Kosovo, Somalia, Afghanistan) - vermehrt über Beziehungsprobleme klagen. Sein Buch "Gelingende Fern-Beziehungen. Entfernt zusammen wachsen", erschienen im Herder-Verlag, ist Ergebnis dieser Arbeit.

"Viele Fragen werden in einer solchen Situation aufgeworfen: Wird man sich treu sein? Lebt man sich auseinander? Wie gestalten wir die gemeinsame Zeit?"

Seine Erfahrung:
"Es gibt vier Säulen, die darüber entscheiden, ob ein Paar seine Beziehung als erfüllend oder belastend erlebt: Emotionale Verbundenheit, Intimität, gelingende Kommunikation und eine erfüllte Sexualität."
Dies gelte auch für normale Partnerschaften, die zusätzliche Hürde bei der Liebe auf Distanz: Es bleiben immer nur wenige Tage, in denen diese Säulen immer wieder neu gestärkt werden müssen.

"Die Fernbeziehung ist das Trainingslager schlechthin für jede Beziehung, weil ich lernen muss, über Gefühle zu reden."
Peter Wendl, der selbst jahrelang von seiner Freundin und heutigen Frau getrennt gelebt hat, bezeichnet sich als "Fan der Fernbeziehung": "Sie ist auch riesige Chance dafür, die Beziehung weiter und tiefer zu entfalten, sowohl im Hinblick auf die Lebendigkeit der Partnerschaft als auch im Hinblick auf die Entwicklung der Persönlichkeit beider Partner. Den Partnern wird intensiv vor Augen gestellt, was ihnen an der Partnerschaft und am Partner besonders wichtig ist, und was eben überhaupt nicht wichtig ist und darum geändert werden sollte."

Auch die Psychologin und Paartherapeutin Berit Brockhausen warnt davor, die Liebe auf Distanz zu dämonisieren: "Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass es in einer ‚normalen’ Beziehung anderes läuft. Da tauschen sie die Nachteile der Fernbeziehung nur gegen die Nachteile der Nahbeziehung aus."

Das Wichtigste, was sie in ihrer Berliner Beratungspraxis "Desafinado" mit den Fernbeziehungs-Paaren zu klären versucht: "Wie regeln sie Nähe und Distanz und zwar sowohl, wenn sie entfernt sind, aber auch, wenn sie zusammen sind."

Ehrlichkeit spiele dabei eine große Rolle, auch zuzugeben, wenn man keine Lust hat, mit dem anderen zusammen zu sein oder Sex zu haben. Auch wenn es ausgerechnet an einem der raren gemeinsamen Wochenenden ist.

"Die Bedürfnisse schwanken wie Ebbe und Flut und oft sind die eben nicht synchron. Das müssen sich die Paare, aber auch jeder einzelne, eingestehen und gegenseitig akzeptieren. Wichtig ist auch, wie stellen die beiden Gemeinsamkeiten her, Verbindendes?"

"Liebe auf Distanz als Zeichen der Zeit?" Über Fernbeziehungen und wie sie gelingen können, diskutiert Dieter Kassel heute von 9:07 bis 11 Uhr gemeinsam mit dem Kommunikationstrainer Peter Wendl und der Psychologin Berit Brockhausen. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/22542254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.


Literaturhinweis:
Peter Wendl: "Gelingende Fern-Beziehung. Entfernt zusammen wachsen", Herder-Verlag, 2007

Informationen über Berit Brockhausen im Internet unter: www.desafinado.de

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