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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.05.2005

"Liebe auf den ersten Blick"

Adolf Muschg zur neuen Akademie der Künste

Moderation: Frank Meyer

Besucher und Journalisten stehen auf der Terrasse der Akademie der Künste am Brandenburger Tor in Berlin (AP)
Besucher und Journalisten stehen auf der Terrasse der Akademie der Künste am Brandenburger Tor in Berlin (AP)

Die Akademie der Künste in Berlin eröffnet am 21. Mai ihr neues Domizil am Pariser Platz. Der Hausherr, Akademiepräsident Adolf Muschg, nannte den Bau eine Inspiration. Bei ihm sei es "Liebe auf den ersten Blick" gewesen. Er hoffe auf einen Ort des Dialogs, auch des Konflikts - Gemütlichkeit werde nicht einziehen.

Meyer: Die Berliner Akademie der Künste ist über 300 Jahre alt. Morgen wird sie ein neues Haus beziehen an historischer Stelle, gleich neben dem Brandenburger Tor und in Sichtweite des Reichstags. Ich habe den Präsidenten der Akademie, den Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, gefragt, wie er sich in dem neuen Haus fühlt.

Adolf Muschg, Schriftsteller (AP Archiv)Adolf Muschg, Schriftsteller (AP Archiv) Muschg: Wir konnten uns ja ein bisschen darauf vorbereiten und trotzdem war das Haus eine Überraschung. Vorher erlebten wir in der Baugeschichte unangenehme Überraschungen in Serie - über Jahre - und als man das Haus dann betrat, war das so etwas wie eine Liebe auf den ersten Blick bei mir. Das Haus ist unpraktisch, das Haus ist eigentlich zu klein, was man ihm gar nicht so ansieht, aber das Haus ist eine Inspiration. Dieses Haus beherbergt die Kunst nicht nur und redet nicht nur davon, sondern es ist innen selber eine und verbindet so programmatisch Dinge, die der Akademie wichtig sind, wie das Gedächtnis, Gestalt des Archivs, aber auch Gestalt der Ruine des wilhelminischen Teils. Und über dieser Basis, dieser Grundlage des Gedächtnisses, der Erinnerung, der Vergangenheit, die eigentlich an diesem Ort besonders schrecklich ist - ein Raum der Freiheit, ein Spielraum im wahrsten Sinne des Wortes, mit vielen Bühnen, Podesten, wie auf einem Schiffdeck möchte man sagen. Und das "Bespielen" ist nun plötzlich kein leeres Wort, man muss hier spielen. Und man muss die Spiele dazu finden.

Meyer: Sie hatten ja vorher auch schon ein angenehmes Zuhause, das Akademiegebäude im Tiergarten, also im Westen Berlins. Warum war es Ihnen so wichtig, an diesen Ort hier in der Mitte Berlins, am Pariser Platz, zurückzukehren?

Muschg: Es war beiden Akademien, der Ost- und der West-Akademie, wichtig, an einen Ort zurückzukehren, der - was die Geschichte der Akademie betrifft und die größere deutsche Geschichte - ein Ort der Schande war. Liebermanns Akademie, die kurzen Jahre der Weimarer Republik, war literarisch - die Sektion Literatur wurde ja damals erst gegründet -, es war künstlerisch ein Höhepunkt, man musste nicht fragen, welchen Auftrag die Akademie hatte, sie war mitten drin im politischen Kampf und sie hat ihren eigenen Präsidenten und 30 oder 40 ihrer Mitglieder, die unliebsam, jüdisch oder unbeugsam waren, ausgestoßen. Und hierher zurückzukehren ist zunächst einfach ein, möchte fast sagen, ein Akt der Ehrenrettung für die Akademie selbst.

Meyer: Wenn Sie aus dem Fenster schauen, dann sehen Sie den Reichstag, das Kanzleramt ist nicht weit, die Abgeordnetenbüros sind nicht weit. Sie haben ja auch eine politische Nachbarschaft, Botschaften sind ringsherum - wird das eine Rolle spielen? Wird die Akademie hier politischer werden?

Muschg: Ja, sicher. Der nächste Punkt, Bezugspunkt zu meinem Büro in diesem Glashaus ist ja nicht das Brandenburger Tor, sondern die Trikolore. Und das ist auch ein Stück Nachbarschaft, die für Europa zentral ist.

Meyer: Wegen der französischen Botschaft direkt gegenüber?

Muschg: Ja. Ob man von "Kerneuropa" redet oder nicht, Europa und die Heilung und der Zusammenschluss Europas hat über dem Graben Deutschland - Frankreich stattgefunden. Dieser Graben wurde geflickt und diese Nahtstelle muss gepflegt und weiter geheilt werden. Sie scheint geheilt, aber wir haben jetzt dieselben Aufgaben an der ehemaligen Ostgrenze, mit den neuen Ländern, wir haben sozusagen den doppelten Prozess neuer Bundesländer, deutscher und europäischer. Und die "Achse" - das Wort ist scheußlich, Herr Bush braucht es und vorher ist es noch schlimmer gebraucht worden -, aber sagen wir mal der "Anker" für diese europäische Entwicklung bleibt für mich die deutsch-französische Beziehung. "Freundschaft" ist ein zu großes Wort zwischen Nationen, aber in diesem Fall vielleicht einmal erlaubt.

Meyer: Das heißt, Europa wird ein Thema sein dieser Akademietätigkeit hier, das Sie ganz bewusst setzen und pflegen wollen?

Muschg: Ja, unweigerlich. Wir möchten ja auch bei der Mitgliederversammlung jetzt nicht nur alle anderen deutschen Akademien einladen - und ich bin sehr glücklich, dass die Präsidenten oder ihre Vertreter auch kommen -, sondern sieben europäische Länder kommen dazu, also sieben Akademien, sieben Länder hinzu, und da möchten wir jetzt bisschen das machen, was man neudeutsch "Networking" nennt, und das ist auch ein europäisches Projekt.

Meyer: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Adolf Muschg, dem Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, kurz vor der Eröffnung des neuen Akademiegebäudes am Pariser Platz. Wenn man beobachtet, was man hört von dieser Akademie, es fällt auf, Sie mischen sich ein in öffentliche Debatten, ihr Vorgänger, György Konrád, hat das oft getan - die Akademie als Ganzes tut das so gut wie nie, warum?

Muschg: Der berühmte Beratungsauftrag, der war natürlich unter den absolutistischen Fürsten etwas anders gemeint. Es wurde nicht erwartet, dass sich die Künstler in die Politik mischen, sondern den Fürsten beraten bei der Anlage von Schlössern und Gärten. Das hat sich schon geändert, und ich denke, dass dieser Passus im Gesetz und in der Satzung drin geblieben ist, hat ja etwas mit der Geschichte dieses Ortes, weil Deutschlands, zu tun. Die Zeiten sind etwas vorbei, wo Künstler und Intellektuelle nicht nur mitgeredet haben, sondern dafür auch anerkannt waren und gehasst, geliebt, vielleicht sogar ein bisschen gefürchtet. Ich denke, diese politischen Interventionen, über die dann die Medien berichten können, wird nicht das Zentrale sein. Aber ich wünsche mir diesen Ort als Ort der Begegnung, des Dialogs - und des Konflikts, auch mit den Spitzen der Politik und der Wirtschaft. Wir haben diesen wunderbaren Salon da vor unseren Türen, mit dem Blick auf den Pariser Platz - das soll nicht ein Aussichtspunkt werden, sondern auch ein Ort, wo wir unsere Partner in Politik und Wirtschaft peinlich befragen und auch von ihnen peinlich befragt werden. Also, Gemütlichkeit wird hier nicht einziehen. Es soll manchmal einfach ganz schön und festlich sein, ich hoffe, in den nächsten Tagen wird es so.

Meyer: Sie haben diesen prominenten Ort zurückgewonnen, Sie sind seit Anfang 2004 in die Trägerschaft des Bundes übergegangen. Heißt das auch, zusammengenommen, die Akademie der Künste hier in Berlin wird sich entwickeln zu einer Art nationaler deutscher Akademie?

Muschg: Das glaube ich schon darum nicht, weil die Nationalität einer Akademie schon für den ursprünglichen Gedanken der Akademie gleichgültig war. Sie ist eigentlich eine kosmopolitische und interdisziplinäre Einrichtung. Für die Verhältnisse zur Zeit Leibnitzens bestand Deutschland aus vielen kleinen Ausländern: Schiller ist von Stuttgart nach Mannheim bereits ins Ausland geflohen. Also, ein nationaler Anspruch wäre fatal, der Stolz oder auch das Bewusstsein dafür, einer bestimmten Nation anzugehören, das ist Voraussetzung, dass ich den anderen als anderen wahrnehme und auch gelten lassen kann und sogar neugierig auf ihn bin. Und meine eigene Nationalität ist gewissermaßen sprechender Beweis dafür, dass diese deutsche Akademie nicht dieselben Grenzen zieht wie die Politik oder die Bürokratie. Das ist wunderbar und so soll es bleiben. Unsere Schwesterakademien in Deutschland haben andere Geschichten, sie haben andere Schwerpunkte, die völlig unentbehrlich sind für das gesamte Gesicht der Kultur in Deutschland, wenn ich an Darmstadt denke, nicht nur wegen des Büchner-Preises, sondern auch der Spezialisierung auf deutsche Sprache, und was dazu zu sagen und was von ihr abzuwehren ist - das können wir hier nicht machen und machen wir hier auch nicht, aber wir sind froh, uns den anderen solidarisch anzuschließen, wenn sie es tun.

Meyer: Wir haben jetzt über Ihre Pläne gesprochen, über Ihren Blick auch auf die Veränderungen der Akademie und Sie schreiben in der Presseinformation zur Eröffnung des neuen Gebäudes hier: "Die Akademie wird großen kulturpolitischen und künstlerischen Erwartungen gerecht werden müssen". Was für Erwartungen erfahren Sie denn gegenüber der Akademie?

Muschg: Es können durchaus kleine, im Vergleich zu unserem bisherigen Aufwand, kleine Angebote die aktuellsten sein. Sagen wir, diese Fragestunde mit Politikern, sagen wir Formen des Straßentheaters im Haus - das Haus ist ja vorne offen. Und ich kann mir denken, dass die Akademie lernen muss, ganz kurzfristige Ereignisse anzuzetteln, sozusagen von gestern auf heute oder von heute auf morgen, die dann Passanten, Laufkundschaft, wenn Sie so wollen, anziehen, so dass sich herumspricht, in der Akademie redet heute - vielleicht fast so etwas wie ein Speaker's Corner - ein Gast der Stadt in einer Ecke über ein Thema, das andere Leute auch interessiert. Solche Sachen stelle ich mir vor mit "Ansprüchen".

Meyer: Ich habe mir Ihr Programm angeschaut für die nächste Zeit nach der Eröffnung und ich habe gesehen, eine Woche nach der Eröffnung beginnt eine Werkstatt "Junge Akademie" - ist das auch ein Signal: Seht her, die altehrwürdige Akademie, nach 300 Jahren Geschichte, öffnet sich ganz besonders für die Jungen?

Muschg: Das ist eine Gratwanderung. Es gehört ja auch ein gewisses Rollenverständnis und ein gewisser Rollenmut dazu, zu sagen, das ist eine alte Institution und sie hat auch Mitglieder, die reiferen Alters sind - die werden ja gewöhnlich reingewählt, wenn sie eine Lebensleistung vorzuweisen haben und das ist selten vor 50. Und wenn sie dann anerkannt ist, ist nicht einmal sicher, dass es wirklich die interessanten Künstler der Zeit waren - "akademisch" ist ja auch ein Schimpfwort. Also, wie viel Verjüngung vertragen wir, ohne lächerlich auszusehen? Müssen wir uns auf jung schminken? Das wäre falsch, davon bin ich überzeugt. Wir leben ja in einer Zivilisation, die eigentlich nur noch die Jugend und die ewige Jugend propagiert und respektiert. Also Nachrennen, Anschließen sich Trends, saisonalen Trends kann die Akademie von Haus aus nicht, und das muss sie nicht machen. Aber dass wir eine bessere Form finden können als dieses Stipendiatenwesen, das glaube ich schon, dass vielleicht das Haus auch Mut dazu macht, schließlich war die Akademie eigentlich von Anfang an auch, man möchte fast sagen: der Kern der Akademie war das Verhältnis von Meister und Schüler, war eigentlich eine Schule, Kunstschule, das ist jetzt seit - war in der DDR noch so in Grenzen, es ist jetzt nicht mehr so. Vielleicht finden wir auch für dieses Verhältnis Alt-Jung neue Formen, die auch die dummen Klischees revidieren, die darüber umgehen.

Meyer: Eine letzte Frage: Wenn Sie sich einen Moment zu träumen erlauben und sich einen idealen Tag vorstellen hier in dieser neuen Akademie am Pariser Platz, wie könnte der aussehen?

Muschg: Ich weiß schon ein bisschen, wie die ideale Nacht aussieht.

Meyer: Oder die.

Muschg: Ein Wettbewerb, den man unter Berliner Kindern ausschreibt, in dem es heißt: Also zwischen neun und zehn läuft auf der Fassade der Akademie der Künste etwas Besonderes, wer bemerkt es? Dann können wir etwas machen, Schattentheater, Figurenverschieben, irgendetwas, wo die Leute eine Stunde lang, wie man das jetzt ja kann, mit dieser Installation - wie heißt sie? - Mission of Art, wo Buchstaben über die Fassade huschen und dann die Kinder, die diesen Preis gewinnen, werden in die Akademie eingeladen und es wird musiziert, sie lernen Musiker kennen, lernen, dass man ganz anders musizieren kann, als sie es im Walkman hören, und so weiter. So stelle ich mir vor, kann man etwas machen, wo die Akademie sich nicht verleugnet, sondern eigentlich aus ihrer Stärke schöpfen kann, ohne sich künstlich zu verjüngen.

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