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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.02.2011

Libyen-Experte sieht Proteste gegen Gaddafi als Jugendrevolte

Andreas Dittmann: Protestpotenzial aber nicht vergleichbar mit Nachbarländern

Andreas Dittmann im Gespräch mit Marcus Pindur

Beliebt bei den Alten, verhasst bei den Jungen: der libysche Staatschef Gaddafi. (AP)
Beliebt bei den Alten, verhasst bei den Jungen: der libysche Staatschef Gaddafi. (AP)

Nach Ansicht des Humangeografen und Libyen-Experten Andreas Dittmann von der Universität Gießen sind die gegenwärtigen Unruhen im Land Ausdruck einer Jugendrevolte. Vor allem Libyer unter 25 stellten sich gegen Staatschef Gaddafi.

Marcus Pindur: Ist das jetzt der Aufstand der Freiheitshungrigen in der arabischen Welt, den viele herbeigesehnt haben? Tunesien, Jemen, Ägypten, Bahrain und jetzt auch Libyen – überall Proteste, Bürgerunmut, und vor allen Dingen junge Leute, die endlich eine Zukunftsperspektive haben wollen. Welche Rolle spielt die Jugend im wachsenden Protestpotenzial in der arabischen Welt? Wir wollen uns den Fall Libyen genauer ansehen, und dazu begrüße ich jetzt am Telefon Professor Andreas Dittmann, er ist Anthropogeograf an der Uni Gießen. Guten Morgen, Herr Dittmann!

Andreas Dittmann: Guten Morgen!

Pindur: Zunächst mal, Herr Dittmann: Was ist ein Anthropogeograf?

Dittmann: Ja, die Geografie teilt sich in die beiden Teilbereiche der physischen Geografie und der Anthropogeografie. Die Anthropogeografie beschäftigt sich dabei mit eher geisteswissenschaftlichen Themen, dazu gehört zum Beispiel die Sozialgeografie, die Bevölkerungsgeografie oder die Stadtgeografie oder auch geografische Entwicklungsforschung, und die physische Geografie ist naturwissenschaftlich ausgerichtet, dazu gehören so geografische Teildisziplinen wie die Geomorphologie oder die Klimageografie oder Vegetationsgeografie.

Pindur: Alles klar. Sie sind Libyen-Experte als Anthropogeograf, Sie sind öfter auch in Libyen dort, Sie haben mir erzählt, Sie sind … seit Ihrem 18. Lebensjahr bereisen Sie das Land. Wie hoch schätzen Sie dort das Protestpotenzial ein?

Dittmann: Ja, die Frage lässt sich relativ klar demografisch erklären: Libyen ist ein Land mit einer Bevölkerungspyramide in einer wirklichen Pyramidenform, das heißt, mit einem hohen und höchsten Anteil junger und jüngster Bevölkerung. Der Anteil der libyschen Bevölkerung, die unter 25 Jahren sind, liegt bei über 50 Prozent, also allein 30 Prozent der Libyer sind jünger als 15 Jahre, und in diesem Bereich, in dem Bereich der Unter-25-Jährigen, die im Moment wenig Perspektiven in mehrfacher Hinsicht sehen, liegt ein großes Protestpotenzial. Also je jünger, desto mehr anti jetziger Regierungskurs.

Pindur: Geht es dabei eigentlich um wirtschaftliche Forderungen, geht es um politische Forderungen, also die politische Unfreiheit in der Diktatur, oder vielleicht eher einfach nur um einen offeneren Lebensstil, den diese jungen Leute haben wollen?

Dittmann: Ja, man muss bei der Erklärung der Proteste in Libyen, die sich ja jetzt in den letzten Tagen von Tag zu Tag verstärken, beachten, dass Libyen nicht mit der Situation im Nachbarland Ägypten oder Tunesien vergleichbar ist, vor allem nicht vor dem Hintergrund der materiellen Not. Es gibt zwar in Libyen auch eine gewisse Arbeitslosenquote, aber die jungen Libyer sind materiell nicht so unterversorgt, wie das zum Beispiel viele Tunesier waren. Das heißt, es ist hier eine Unzufriedenheit, die sich aus einem Gefühl einer allgemeinen Unfreiheit speist, eine Unfreiheit, die politische Meinungsäußerung unterdrückt oder sich auch in anderen Restriktionen ausdrückt. Aber es ist weniger die arme Masse, die aufbegehrt gegen einen reichen Herrscher.

Pindur: Da geht es also eher um Fragen des Lebensstils. Reden wir mal über die libysche Bevölkerung insgesamt. Es gibt ja auch Anhänger Gaddafis, die da demonstrieren. Ist das eine reine Propagandaschau oder hat er tatsächlich auch einen Rückhalt in der Gesellschaft?

Dittmann: Ja, das ist durchaus auch echt, also es kommt jeweils darauf an, ich bin mit meinen Studierenden häufiger auf Reisen in Syrien, mit wem man in welchem Alter redet: Junge Libyer sind wie gesagt eher anti Gaddafi eingestellt, während ältere Libyer so etwa in meinem Alter – also ich bin jetzt fast 52 – durchaus sehen, was Gaddafi in den letzten 20, 30 Jahren für das Land investiert hat. Und dort ist ein erhebliches Pro-Gaddafi-Potenzial.

Aber wie eingangs gesagt, der Anteil der älteren Libyer, die so die letzten drei bis vier Jahrzehnte Gaddafi-Herrschaft und Aufbauarbeit für das Land überblicken, ist natürlich die kleinere Gruppe, und die größere Gruppe sind die Unter-25-Jährigen, die all die Errungenschaften, die es zweifellos in Libyen gibt, schon als gegeben hingenommen haben, und nicht die Situation in Libyen vor Gaddafi oder in der frühen Gaddafi-Zeit kennen. Also es gibt durchaus ältere, echte Gaddafi-Anhänger in Libyen, das ist nicht ein gesamtes Volk, das hier gegen einen Herrscher aufbegehrt, sondern durchaus in verschiedene Gruppen gespalten.

Pindur: Und man sieht ja auch, dass Gaddafi sehr hart durchgreift, also es ist von Dutzenden von Toten die Rede. Glauben Sie, dass Gaddafi diese Proteste dauerhaft wird niederschlagen können, oder ist damit eine Initialzündung gegeben, ein Unruhefaktor, der sich nicht so einfach erledigen wird?

Dittmann: Ja, also Libyen hat schon ein sehr großes Potenzial an Polizei, an Geheimpolizei, an Quellen, die über Rumor im Volk seit Jahrzehnten berichten. Gaddafi ist nicht umsonst der dienstälteste Staatschef Afrikas, und hier kann man den Nahen und Mittleren Osten durchaus mit einbeziehen, es sind fast 42 Jahre seit der Septemberrevolution. Man hat also hier gelernt, mit Aufbegehren umzugehen, ich glaube, sehr viel besser, als das zum Beispiel in Tunesien oder in Ägypten der Fall war. Auch vor dem Hintergrund der Gesamtzahl der Libyer fällt sozusagen der Aufstand der Volksmassen meines Erachtens aus.

Die offizielle Staatsbezeichnung ist ja " Volks-Dschamahirija" das könnte man am besten mit "Herrschaft der Volksmassen" übersetzen, aber ein libysches Problem war immer, dass es eigentlich keine Volksmassen gibt. Vor 30 Jahren, da gab es noch weniger als zwei Millionen Libyer, jetzt sind es etwas mehr, auf über sechs Millionen, aber da fehlt allein schon von der Bevölkerungsanzahl her ein vergleichbares Potenzial etwa zu den Nachbarländern.

Pindur: Herr Dittmann, vielen Dank für das Gespräch!

Dittmann: Danke, Wiederhören!

Pindur: Professor Andreas Dittmann, Anthropogeograf an der Uni Gießen, zur Situation in Libyen.

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