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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.04.2005

Liberaler Außenseiter: Kardinal Jose da Cruz Policarpo

Die Papstmacher

Von Gottfried Bohl

Kardinäle kämpfen mit dem Wind bei der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. (AP)
Kardinäle kämpfen mit dem Wind bei der Beisetzung von Papst Johannes Paul II. (AP)

Jose da Cruz Policarpo, der Kardinal von Lissabon, gilt als eher liberaler Außenseiter bei der Papstwahl. Dem 69-Jährigen werden aber dann durchaus Chancen eingeräumt, wenn die Kardinäle einen Kandidaten für einen Kurswechsel suchen – weg vom römischen Zentralismus hin zu mehr Kollegialität und Eigenständigkeit der nationalen Bischofskonferenzen. Denn dafür bringt der studierte Philosoph und Theologe nach Ansicht vieler Experten gute Voraussetzungen mit.

Als Portugiese könnte er eine Brücke schlagen zwischen Europa und Lateinamerika. Und sein Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie in den ehemaligen portugiesischen Kolonien Madagaskar und Ost-Timor ist auch in Afrika und Asien wohlwollend aufgenommen worden. Ähnlich wie sein Engagement beim Dialog mit Nicht-Christen.

Unter den Kardinälen sei Policarpo sehr beliebt, heißt es. Und dass er bisher nur für eine kurze Studienzeit in Rom gelebt hat, muss nicht gegen ihn sprechen. Vor allem nicht bei denjenigen Papstwählern, die der römischen Kurie einen zu starken Zentralismus vorwerfen.

Vor gut eineinhalb Jahren hatte sich Policarpo in einem langen Interview der italienischen Tageszeitung "La Republica" ungewöhnlich offen zu den Herausforderungen für den künftigen Papst geäußert. Dabei hatte er unter anderem den Behördenapparat der katholischen Kirche kritisiert:

"Die Kirche ist zu oft gefangen in einer Struktur, die sich an der staatlichen Bürokratie orientiert. Sie sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren und auf weniger wichtige Dinge verzichten!"

Außerdem wünschte er sich einen Papst, der sein Amt auch mit Blick auf Nichtglaubende und Anhänger anderer Religionen ausübe. Darüber hinaus brauche das nächste Kirchenoberhaupt Intelligenz, Unterscheidungsgabe, Mut und die Fähigkeit zum Dialog. Policarpo sprach auch aktuelle pastorale Herausforderungen an:

"Eine der wichtigsten Aufgaben für die nahe Zukunft ist die Seelsorge für die Großstadtbevölkerung. In den großen Städten müssen wir neue Wege der Verkündigung finden, um die Menschen zu erreichen."

Allein die Tatsache, dass er sich schon zu Lebzeiten Johannes Pauls II. über einen möglichen Nachfolger geäußert hatte, dürfte Policarpo aber auch Minuspunkte beim aktuellen Konklave einbringen. Genau wie seine kritischen Worte zu einigen Erklärungen aus dem Vatikan. Oder die Tatsache, dass er auch schon mal radikale Abtreibungsgegner in Portugal öffentlich in die Schranken gewiesen hat, weil diese liberalen Politikern die Kommunion verweigert hatten.

In der Sache selbst beeilte sich Policarpo anschließend aber, die offizielle Linie der katholischen Kirche in Sachen Lebensschutz zu bekräftigen. Vorsichtig war er dann auch bei den Themen Zölibat und Priesteramt für Frauen:

"Dieses Problem können wir nicht lösen. Das kann nur der Heilige Geist."

Ganz auf der Linie Johannes Pauls II. ist Policarpo in seiner Marienverehrung, insbesondere in seiner besonderen Beziehung zum portugiesischen Wallfahrtsort Fatima. Aber auch bei seinen kritischen Worten zur Globalisierung und zur Europäischen Vereinigung:

"Ich habe die Sorge, dass die Wirtschaft die geistigen Werte erdrückt. Da zeigt sich ein neuer Materialismus, geprägt von Kapitalismus und Neoliberalismus. In den letzten Jahren hat sich die Konsumgesellschaft sehr entwickelt. Menschliche Werte wie Solidarität sind darüber in Rückstand geraten."

Jose da Cruz Policarpo aus Lissabon: Alles in allem ein Außenseiter bei der Papstwahl – doch einer, dem auf Seiten der liberaleren Kardinäle noch am ehesten eine Überraschung zugetraut wird.

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