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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.05.2012

"Letztendlich haben wir uns vom Unterrichten verabschiedet"

Eine Schülerin und die Schulleiterin erklären den Erfolg der Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum

Dass sie mit einer Schülerin zum Interview komme, sei Teil des Gemeinschaftskonzepts, erklärt Margret Rasfeld.
Dass sie mit einer Schülerin zum Interview komme, sei Teil des Gemeinschaftskonzepts, erklärt Margret Rasfeld. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Für Shana Kleeberg ist wichtig, dass sie sich an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) die Inhalte und die Zeit der einzelnen Fächer selbst einteilen kann und die Schüler anders gemeinsam lernen als in normalen Schulen. Die Schulleiterin Margret Rasfeld würde am liebsten auch nach der 8. Klasse keine Noten geben, das gehe aber leider nicht.

Susanne Führer: Seit fünf Jahren gibt es die Evangelische Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum, die ESBZ, das ist eine Schule in freier Trägerschaft, vulgo eine Privatschule mit dem Anspruch, die Lernkultur radikal zu verändern. Jetzt ist gerade das Buch "EduAction" erschienen, in dem die Schulleiterin Margret Rasfeld gemeinsam mit Peter Spiegel das Konzept ihrer Schule erläutert, und dazu gehört auch, dass die Lehrer nicht belehren, sondern begleiten, und Schüler Verantwortung übernehmen. Und deswegen ist Margret Rasfeld zusammen mit der Schülerin Shana Kleeberg zu uns ins Funkhaus gekommen. Hallo, herzlich willkommen an Sie beide!

Shana Kleeberg: Hallo!

Margret Rasfeld: Hallo!

Führer: Wie sieht denn diese radikal andere Lernkultur an Ihrer Schule aus?

Kleeberg: Das beginnt damit, dass die Schüler zusammen lernen, anders lernen, in jahrgangsübergreifenden Klassen, bis zum Stundenplan, bis zu den Schulfächern und auch zu den Regeln. Oder die Schwerpunkte, die wir setzen, sind anders, wie zum Beispiel Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft zusammen leben. Und für mich besteht auch darin der große Unterschied, dass wir aufs Leben vorbereitet werden.

Führer: Und wie sieht der Stundenplan anders aus?

Kleeberg: Wir haben in Blöcken Unterricht, also nicht diesen 45-Minuten-Takt, und von der siebten bis zur neunten Klasse wird auch im Lernbüro gelernt. Das heißt, ich komme in die Schule und habe vier Räume: Der eine ist ein Deutsch-Raum, der nächste ein Mathe-Raum, Englisch-Raum und Natur-Gesellschaftslehre-Raum. Und ich kann mich entscheiden: In welchen Raum möchte ich jetzt gehen und gehe dann dort in diesen Raum und finde Bausteinkästen vor mir mit Karteikarten, die ich dann also selber bearbeiten kann oder auch mit Partnern, wo dann verschiedene Aufgaben zu einem Thema drinstehen.

Führer: Und es gibt keine Noten, Frau Rasfeld, bis Klasse neun?

Rasfeld: Bis Klasse neun gibt es keine Noten, wir müssen leider in Klasse neun dann Noten geben. Eine Note ist ja lange nicht so aussagekräftig wie eine persönliche Rückmeldung, wo man die Stärken und auch das, was man noch besser machen kann, darstellen kann. Und letztendlich haben wir uns vom Unterrichten verabschiedet, bei uns gibt es in der Sek I so gut wie keinen Unterricht mehr.

Führer: Noch mal kurz zurück zum Lernbüro, Shana: Du hast gerade gesagt, man sucht sich dann aus, was man machen will, und ich gehe dann jeden Tag zu Deutsch.

Kleeberg: Genau. Es gibt natürlich auch Einschränkungen: Ich muss eine gewisse Anzahl von Zertifikaten – so etwas wie eine Urkunde, wo auch noch mal draufsteht, was ich genau gut gemacht habe, wo ich mich verbessern müsste –, ich muss eine gewisse Anzahl für jedes Fach schaffen. Das heißt, ich muss mir die Zeit selber einteilen. Aber ich kann zum Beispiel sagen, ich bin in Mathe total super, allerdings brauche ich für Deutsch mehr Zeit. Das heißt, ich kann sagen, okay, ich gehe eine Stunde weniger die Woche zu Mathe und mache dafür mehr Deutsch.

Führer: Und ist das Lernen selbst dann anders? Also ich meine, Vokabeln müssen ja wahrscheinlich trotzdem auswendig gelernt werden, lateinische Grammatik muss gepaukt werden, oder?

Kleeberg: Klar. Zum Beispiel Englisch: Wenn wir dort die Sachen bearbeiten und wir haben Vokabeln, die wir nicht kennen, dann schreiben wir die auf, und man muss es selber herausfinden, die Lösungen. Und das ist nicht so irgendwie, schlagt das Buch auf und bearbeitet diese Aufgabe und hinten stehen die Lösungen oder wir vergleichen das gleich mit der Klasse.

Führer: Also man muss es selbst herausfinden und man muss es sich sogar auch selbst organisieren, selbst aussuchen. Das klingt sehr anspruchsvoll, Frau Rasfeld. Können das wirklich alle Schüler?

Rasfeld: Wenn das alle am Ende zehn können, haben wir viel erreicht. Manche schütteln sich das aus dem Ärmel, manche kommen auch schon von Grundschulen, die jahrgangsübergreifend montessori-mäßig zum Beispiel gearbeitet haben, und andere brauchen eine Zeit. Wir haben aber eine sehr gute Einführung, und dadurch, dass wir ja jahrgangsübergreifend arbeiten, sind ja immer Schüler dabei, die auch mal helfen können, und so ich denke nach einigen Monaten haben das die meisten geschafft.

Und dieses ganze freie Konzept hat noch einen wesentlichen Stabilisierungsbereich, das ist der Tutor. Lernen läuft ja über Beziehung, und jeder Schüler hat einen Lehrer oder eine Lehrerin, die sein Tutor oder seine Tutorin ist. Das bedeutet: Man trifft sich jede Woche zum Gespräch. Das ist ein Coaching, und da baut sich auch ein Vertrauensverhältnis auf. Und Schüler führen ein Logbuch, wo sie ihren ganzen Tagesablauf dokumentieren, und so hat man Anlässe, und so kann man einen Schüler begleiten.

Wenn man zum Beispiel merkt, jemand hat jetzt drei Themen in Englisch bearbeitet, aber nie den Test geschrieben – die melden sich ja selber zum Test an –, dann ist natürlich die Frage: Was ist los? Ach, ich habe Angst vor dem Test. Dann kann man daran arbeiten. Oder mit manchen muss man die nächste Woche besprechen: Wie willst du deine Zeit einteilen, wo willst du hingehen? Und manche arbeiten ganz frei. Weil, jeder ist ja individuell, und dieses System ermöglicht eben eine Stützung der individuellen Lernwege.

Führer: Ja, jeder ist individuell, aber es gibt ja vielleicht auch welche, die mit so viel Eigenverantwortung und Selbstorganisation nicht so gut zurechtkommen.

Rasfeld: Genau, die kriegen dann eben einen Wochenplan, der zusammen besprochen wird.

Führer: Evangelische Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum heißt Ihre Schule, also die hat natürlich als Gemeinschaftsschule den Anspruch, alle mitzunehmen. Wie nehmen Sie denn diese Kinder wirklich mit, die, wie man so schön sagt, erhöhten Förderbedarf haben, also die lernschwachen Kinder, die behinderten Kinder?

Rasfeld: Also wovon wir gerade sprechen, dieses Lernbüro, da geht es ja mehr um die klassischen Fächer, Deutsch, Englisch, Mathe, da werden ja zum Schluss auch die zentralen Prüfungen geschrieben, die Basics sozusagen. Und wir haben dann für diesen ersten Block auch ein Lernbüro plus, und Lernbüro plus bedeutet: Dort ist anderes Material, dort ist auch ein Plus an Helfern und ein Plus an zusätzlichem haptischen Material.

Und dort können Kinder hingehen, die zum einen jetzt Förderbedarf haben – sie arbeiten ja auch nach einem Lehrplan –, dort können aber auch Kinder hingehen, die vielleicht jetzt in Mathe Dyskalkulie haben, haben Schwierigkeiten, und dort - mit anderem Material und noch mit mehr Hilfe - können die da arbeiten.

Führer: Das klingt also mehr nach klassischer Schule, wenn ich das jetzt so sagen darf.

Rasfeld: Nein, die arbeiten ja auch mit Bausteinen, nur da ist zum Beispiel eine Lehrerin, die kennt sich mit LRS aus, manche kommen in die siebte Klasse und haben noch nie ein Wort geschrieben...

Führer: Also Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Rasfeld: ... ja, und haben noch nie geschrieben. Also die lernen genauso frei und selbstständig, aber mit mehr Unterstützung und mit zusätzlichem Material.

Führer: Margret Rasfeld und Shana Kleeberg sind zu Gast im Deutschlandradio Kultur, wir sprechen über ihre Schule, das ist die Evangelische Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum. Diese Schule setzt ja auf ein sehr hohes Engagement, also von allen Seiten, vonseiten der Schüler, der Lehrer und der Eltern. Da habe ich mich gefragt: Hat die Schule eigentlich auch Platz für Kinder aus bildungsfernen Schichten?

Rasfeld: Ja, hat sie. Jeder Mensch will sich engagieren und jeder hat das Bedürfnis, irgendwo mitzuhelfen. Und die Frage ist eben, wie man Menschen anspricht und wie hoch man die Schwelle legt. Also oft wird ja gesagt, sie kommen nicht zum Elternabend – das ist aber klar, dass die nicht zum Elternabend kommen. Wer geht denn an den Ort des Scheiterns, wo er vielleicht aufgerufen wird?

Und wenn man aber jetzt, sagen wir mal ein Fest organisiert und wenn man erst mal ganz anders mit diesen Eltern in ein Vertrauensverhältnis kommt, dann kommen sie auch. Und Engagement bei uns ist ja auch breit gefächert. Es kann bedeuten, man nimmt am Bauwochenende teil: Wir renovieren die Schule selber, wir streichen. Da können sich viele dann total ausleben.

Führer: Also, dass Sie sie jetzt mit Absicht ausschließen, wollte ich gar nicht unterstellen, nur: Die Schule hat ja diesen Anspruch an dieses Engagement, und ich kann mir vorstellen, dass für viele die Schwelle, von der Sie gerade sprachen, doch ziemlich hoch ist. Ich weiß nicht, Shana, wie das ist mit deinen Mitschülern?

Kleeberg: Was ich als Schülerin schon merke an der Schule, ist: Es sind natürlich alle Eltern interessiert, dass ihre Kinder auf eine gute Schule gehen, und da merke ich schon einen Unterschied im Gegensatz zu anderen Schulen.

Führer: Wenn wir noch mal beim Engagement bleiben: Ich habe gehört, Frau Rasberg, vielleicht stimmt es nicht – also es gibt auch Kollegen, die Kinder oder Freunde haben, wo die Kinder auf Ihre Schule gehen –, ich habe gehört, dass die Lehrerfluktuation sehr hoch sein soll, dass das Kollegium sehr, sehr jung sein soll und viele Lehrer nach zwei bis drei Jahren wieder gehen, weil das Engagement eben so hoch ist, dass sie sagen, so, puh, jetzt bin ich erst mal erschöpft. Stimmt das?

Rasfeld: Das stimmt nicht. Also wir haben zuweilen Lehrerwechsel, das liegt aber daran, dass ich ein junges Kollegium habe, viele Frauen, die dann Kinder bekommen. Die kommen aber später wieder. Und manchmal kommt es auch vor: Unsere Lehrer müssen, können zwei Jahre befristet arbeiten und müssen, um einen unbefristeten Vertrag zu bekommen, einer christlichen Religion angehören. Und es kommt auch schon mal vor, dass jemand dann nicht in die Kirche eintreten will und deshalb geht.

Führer: Wir haben gerade über die Lernbüros und so weiter gesprochen. Shana, du bist jetzt in der elften Klasse. Wie sieht denn das in der Oberstufe aus? Bleibt das dann weiter so bei diesem relativ offenen und eigenverantwortlichen Lernen, oder wird es da etwas konventioneller?

Kleeberg: Es ändert sich schon, weil es kommen diese Prüfungen, die zusammen geschrieben werden müssen, ich kann nicht mehr mich freiwillig zum Test anmelden und entscheiden, wann ich das mache – wir schreiben das zusammen in einer Klasse. Wir sind dann auch in einer Klasse, nicht mehr jahrgangsübergreifend. Was geblieben ist, ist eine Studierzeit beispielsweise, wo wir dann ... Immer donnerstags sitzen wir dort in unserem Raum und können halt das bearbeiten, woran wir gerade arbeiten möchten.

Führer: Aber ansonsten gibt es schon einen klassischen Stundenplan dann?

Kleeberg: Genau. Man muss dazu sagen, ich bin im ersten Jahrgang der Schule, und mit uns wird so ein bisschen auch ausprobiert.

Führer: Liegt das daran, Frau Rasberg, dass dieser reformpädagogische Gedanke - für Grundschulen ist der ja schon sehr weit entwickelt und wird ja auch häufig schon umgesetzt, aber eben für die weiterführenden Schulen, gerade für die Oberstufe, eben doch noch eine rechte Baustelle ist?

Rasfeld: Ja, für die Oberstufe doch sehr. Man muss ja auch rechtlichen Vorgaben genügen. Und wir versuchen jetzt, in der Oberstufe aber tatsächlich zum einen diesen rechtlichen Vorgaben zu genügen und zum anderen alle Freiräume auszuschöpfen. Das bedeutet, wir arbeiten in Profilen. Profil bedeutet: Ein Leistungskurs und ein Grundkurs zusammen bilden ein Profil, zum Beispiel Englisch und SoWi.

Führer: SoWi ist Sozialwissenschaften.

Rasfeld: Sozialwissenschaften. Und dann legen wir die Stunden hintereinander, also Leistungskursstunden und Grundkurs hintereinander. Dann hat man einen Block von fünf Stunden, das heißt, man kann wieder die Schule verlassen, ohne dass andere Fächer beteiligt sind und Ähnliches. Und jeder Schüler soll ein Projekt verfolgen, das er bis zum Abitur in die Welt bringt und das dann auch als fünfte Prüfungskomponente ins Abitur einbringt.

Führer: Liegt dieses etwas starre Konzept in der Oberstufe vielleicht auch nicht nur an den rechtlichen Vorgaben, sondern auch an den Eltern, dass die dann irgendwie doch auch leistungsbewusster werden? So in der Grundschule haben sie eher gesagt, na ja, lass die Kleinen mal spielen und so, aber jetzt geht es aufs Abi zu und ...

Rasfeld: Also ich glaube, dass ... Diesen Teil haben wir dann schon hinter uns. Wir sind sehr gefragt, wir haben einen Riesenüberhang, wir haben jeden Tag Anrufe, dann wollen alle unbedingt auf die Schule, und dann werden Eltern auf einmal unsicher: Lernen die hier genug? Das ist dann, glaube ich, aber mit den Prüfungen Ende zehn, die gut ausfallen – und wir haben jetzt auch eine wissenschaftliche Evaluation, die sehr gut ausgefallen ist –, dann werden die beruhigter. Man muss eine Phase durchhaben, bis man so ein eigenes Vertrauen hat. Aber es ist natürlich ein Wagnis, sage ich jetzt mal, weil man ist ja so verhaftet in diesen alten Strukturen.

Führer: Sagt Margret Rasfeld, Leiterin, und Shana Kleeberg, Schülerin von der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum. Schönen Dank, dass Sie da waren!

Rasfeld: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.