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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.05.2006

Let the good times roll

Der Hamburger Star-Club damals und heute

Von Knut Benzner

Die Beatles 1964 (AP)
Die Beatles 1964 (AP)

Hamburg, St. Pauli, Große Freiheit 39. Eines Morgens war St. Pauli mit orangefarbenen Plakaten vollgeklebt: "Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!" Am 13. April 1962 wurde der Star-Club eröffnet. Er sollte in den 60er zum berühmtesten Beat-Club der Republik, Europas und, so sagen die von damals heute, der ganzen Welt werden.

Dass die Beatles im Star-Club auftraten, ist inzwischen Allgemeinwissen, aber weniger, dass Jerry Lee Lewis, Little Richard, Ray Charles und Jimi Hendrix hier spielten. In der Neujahrsnacht 1969/70 gingen die Lichter aus - der Star-Club musste schließen, 1976 brannte das Haus ab. Und heute?

Fascher: "Es waren alle da, die damals in der Welt ne Rolle spielten, außer Elvis, Elvis hab' ich versucht, nach Deutschland zu bringen, und hab' denn wochenlang versucht, den Colonel Parker ..."

Elvis' Manager...

Fascher: "Äh ans Telefon zu bekommen, hatt' ich auch am Ende, aber der hat mich denn irgendwie so abgeschmettert, dass ich den Mut verloren hatte, da jemals wieder anzurufen, und äh ja sonst waren sie alle da, von Ray Charles bis Jerry Lee Lewis oder Everly Brothers bis Brenda Lee oder Johnny & The Hurricanes bis ja die ganzen englischen Bands, die nachher auch Weltspitze wurden, vielleicht auch den Star-Club das mit zu verdanken haben, denn in Hamburg hatten sie Zeit zu üben, jeden Tag zu üben, und das lange Spielen, jede Nacht zwei mal ne Stunde, ich meine, das war viel. ... Ich mein', da muss man gut werden."

McCartney: "Oh, Jugendliche unter 18 Jahren."

Eine kleine Zeitreise ... und es gilt aufzupassen, nicht nur bei den Beatles zu landen, denn eigentlich ...

Fascher: "Ja? Bist Du zufrieden soweit denn?"

... man duzt sich in Hamburg, in gewissen Kreisen oder in gewissen Stadtteilen, etwa unten am Hafen ... Aber darum ging es nicht.
Eigentlich, darum ging's, geht es um diesen Mann, Horst Fascher, 70 geworden ...

Fascher: "70 geworden,..."

... im Februar ...

Fascher: "... ja, und äh, ne schöne Party gehabt, viele Freunde gekommen ..."

... es geht um den: Günter Zint.

Zint: "Äh, ich würd' Sie bitten, hier möglichst nicht zu rauchen."

Manchmal sietzt man sich, am Anfang.
Günter Zint also, 65 im nächsten Monat. Fotograf, Autor, Direktor des St. Pauli-Museums und als solcher Dokumentarist. Von St. Pauli.
Horst Fascher ...

Fascher: "Ja, ich wohn' direkt, nicht direkt St. Pauli, und zwar hier am Michel ..."

... ist Hamburger. Günter Zint Quiddje.

Zint: "Richtig."

Zugereister, vor langer Zeit, aus Fulda.
Es geht um ein paar andere, einige längst verstorben. Und eben doch immer wieder um die Beatles.
Fascher, Schiffszimmermann, Boxer, verkappter Zuhälter, Rüpel,...

Fascher: "Ja, wir waren damals einfach so ein melting pot von Künstlern und Gästen, wir hatten alle möglichen Gäste da, alle möglichen Nationen, und wir hatten auch alle möglichen Arten von Bands da."

Horst Fascher war der Gründer des Star-Clubs.

Fascher: "Ja, wir eröffneten am 13. April, das war ein Freitag, 1962, und hatten natürlich die Beatles als Eröffnungsband."

Er wusste, wer sie waren, Fascher war Kellner und Geschäftsführer im Top Ten gewesen, und im Top Ten hatten die Beatles schließlich auch gespielt.

Hamburg 1962. Fascher hatte die Idee zum Star-Club, weil er sich dachte, pro Abend, oder sagen wir: Pro Nacht nicht nur eine Band, sondern drei, vier, fünf auftreten zu lassen.
Fascher fühlte den Rock'n'Roll.

Fascher: "Rock is' ja der Rhythmus, und dieses rollen ist dieses äh äh rollen dabei."

Anders ausgedrückt:

Fascher: "Rütteln und schaukeln."

Und noch anders ausgedrückt:

Fascher: "Ja, genau, let's have a rock, baby, genau, das ist das, das sind die ursprünglichen Bewegungen."

Inhaber des Star-Clubs war Manfred Weißleder, eine Kiez-Größe.
Günter Zint, der Fotograph, der Beatles-Fotograph, Dokumentarist und Hausfotograf des Star-Clubs:

Zint: "Er hatte den Erotic-Night-Club, er hatte verschiedene andere Bars, wie die alle hießen, weiß ich nicht, er war auch manchmal beteiligt für kurze Zeit, an der 'Roten Katze' oder so was, was er nebenbei noch gemacht hat, er hat Erotik-Filme produziert, da ist er herumgereist mit Erwin Ross, hier mit unserem 'Rubens von der Reeperbahn', und da haben sie dann Mädels organisiert und ... mit diesen Filmchen, die er vorgeführt hat, was damals noch illegal war, hat er Geld verdient."

Mädels spielten eine große Rolle.

McCartney: "Aha, mh, ha, Herbertstraße."

Fascher: "Mädchen spielten 'ne große Rolle, wie sie immer im Leben, glaub' ich, wenn man jung ist, äh äh, meint man, man muss alles wahr nehmen, was da, was da angeboten wird, und das Angebot war riesengroß."

Und die Woche hatte sieben Tage.

Fascher: "Die Woche hatte sieben Tage, das war hard work, ja."

It's Been A Hard Day's Night – wie die Beatles später singen sollten.

Und nun?
Nun doch zu ihnen? Nun doch zu ihnen! Man kommt nicht um sie herum beziehungsweise man kommt halt immer wieder auf sie zu sprechen, sie sind präsent bis heute.
Günter Zint:

Zint: "Wenn man Paul McCartney heute noch fragt, ob er noch deutsch spricht, dann sagt er immer einen berühmten Satz, den er sich behalten hat, 'Jugendliche unter 16 Jahre verlassen sofort den Raum', haha, das sind seine Deutsch-Kenntnisse."

Weil McCartney diesen Satz jeden Abend hörte, wenn die Polizei gegen zehn wo auch immer aufkreuzte, um das Jugendschutzgesetz beachtet und vor allen Dingen befolgt zu wissen.
Wer war Zint der liebste...

Zint: "John! Ganz eindeutig. John war auch der Kopf, John war the brain."

Erinnerungen. Sind sie bei Zint - möglicherweise - abstrahiert, bei Horst Fascher kommen sie ... tja, von wo?, ...

Fascher: "Alle Bands hatten zu der Zeit einen Sänger, der Sänger war vorne und vier oder drei bzw. fünf Musiker waren hinten, und die Beatles waren das erste Mal drei vorne, und einer hinten. So hatten die Mädchen mehr Blickkontakt und konnten von denen, die vorne standen immer den jeweiligen aussuchen, für den sie am meisten Interesse zeigten. Und es lief."

Und wie!
Wer war sein Liebling?

Fascher: "Mein Liebling war und ist Paul McCartney. Weil er war einfach ein netter Kerl, man konnte sich auf ihn verlassen, er hat nie irgendwie äh äh übern Durst getrunken, wenn er arbeiten musste, wenn es noch anstand, ‘n zweiten Set zu machen, die andern waren jünger, George war ziemlich jung ..."

War der, als er zum ersten Mal in Hamburg war, nicht gerade erst 17?

Fascher: "... der hat manchmal nicht gewusst, wie viel er trinken konnte, durfte, und John hat das bewusst gemacht, weil John war einfach der, der wollt' das einfach wissen, das war der Rebell, das war äh, ja, der der Haudegen, er war immer irgendwie auf Krawall aus."

Der nette Kerl McCartney war so nett, großzügig in diesem Fall, dass er Jahre später die Kosten, Fascher war mal wieder pleite, die Kosten für eine Herzoperation an einem seiner Kinder in London übernahm.
Wie gesagt: Fascher kannte sie:

Fascher: "Ich kannte sie schon seit 1960, und zwar am 16. August, als sie das erste Mal nach Hamburg kamen und mit ihrem alten Ford-Bus vorm Kaiserkeller standen und darauf warteten, dass der Fahrer, das war damals ein gewisser Allen Williams, wieder nach oben kam, um mit den Jungs zu ihren Übernachtungsquartier fuhren. Also die fuhren nur die Freiheit runter, wir wussten gar nicht, wohin, aber unten an der Freiheit war ja das Bambi-Kino und da haben wir übernachtet, wie gesagt auf Strohmatratzen, auf der Erde und ganz schlechten Unterkünften."

Manchmal werden die Erinnerungen zum Erinnerungsmonopol.

Fascher: "Ja, ich meine, es geht ja nichts dran vorbei, ich hab' die Beatles kennen gelernt vom ersten Tag an, ich hab' sie die ganzen Monate bis '62 in Hamburg betreut, wenn sie in Hamburg waren, waren wir Tag und Nacht zusammen, wenn die Schwierigkeiten hatten, sind sie zu mir gekommen, wenn ich ihnen helfen konnte, hab' ich als erstes geholfen, und äh wenn auch ein anderer die Beatles nach Hamburg gebracht hat, war ich aber der jenige, der die Orignal-Weltband Beatles nach Hamburg geholt hat, und das war ich, das war kein anderer. Nech, ich mein', viele sagen, ich hab' dies und jenes mit den Beatles erlebt, wenn das irgendwo Kalamitäten gab, Ärger gab, weil sie irgendwo auf'm Affenfell, John Lennon auf'n Tisch sprang und Gäste aus'm Lokal liefen und stürzten, weil sie sich erschrocken haben, und keine Zeche bezahlten, ich wurde angerufen, äh, immer erst Horst, Horst, Horst, und das war's und äh ich glaube den Kontakt, den ich zu ihnen hatte, menschlich, aber auch geschäftlich, den hat keiner gehabt."

Sie kosteten bei ihm 500 Mark pro Mann pro Woche, dann 600.
Ray Charles kostete 64.000 Mark, inklusive seines Orchesters und der Raylettes. Seiner weiblichen Gesangsgruppe.

Fascher: "Hach, das war, ich mein', Ray Charles, das war Weißleders äh äh zweiter Halsbruch, sach ich mal, wovon er sich aber dann wieder erholt hat, aber sie haben ihn alle für verrückt erklärt, bloß, ehrlich gesagt, wenn solche Stars im Star-Club waren, dann kriegen wir Weltanerkennung, und das wollte er, und das hat er auch damit erreicht, glaube ich."

Little Richard gab's für 10 bis 12.000 Mark pro Woche.
Zum Teil wohnten sie in den Star-Club eigenen Wohnungen, zum Teil im Pacific, zum Teil im Atlantic.
Und Horst Fascher hat gut verdient.

Fascher: "Ja, das war auch 'n Ding, als ich damals anfing, hat Weißleder mir 650 Mark Gehalt zugesagt, laut Steuerkarte, und 2 Prozent vom Gesamtumsatz. Und schon im ersten Monat hatten wir 240.000 Mark Umsatz, das waren für mich noch Mal 4800 Mark. Da hatte ich über 5.000 Mark im ersten Monat verdient, da hab' ich gedacht, Horst, jetzt wirst Du Millionär. Wenn diese Gelder, ich hab' damals in der Woche 100, 120 Mark nach hause gebracht, und auf ein Mal kriegte ich im Monat über 5.000, das war sensationell. Ich habe mir einen amerikanischen Wagen gekauft, denn ich hatte ja auch gar keine Zeit, mein Geld auszugeben, ich hatte freies Trinken im Hause, ich konnte mir die Getränke kommen lassen, wie ich wollte, ich hatte die Mädchen, ich brauchte nicht groß Geld ausgeben, um mich zu amüsieren, natürlich meine Eltern unterstützt, das war natürlich für mich so 'ne Riesen Freude, dass ich meine Eltern auch denn unterstützen konnte und äh, das Geld was ich verdient hab', war wahnsinnig."

1965 war diese Zeit für Horst Fascher vorbei. Er ging in den Knast. Wiederholte Körperverletzungen. Als schmächtiger Kerl und ehemaliger Boxer.

Fascher: "Bis '65 war der Laden o.k. Und nach '65, ich behaupte es immer noch, war die Seele des Star-Clubs entzogen. Und das war ich. Ich war die Seele des Star-Clubs."

Drei Jahre. Bei anständiger Führung zwei, mit der Auflage eines St. Pauli- und Arbeitsverbotes im Nachtbetrieb.
Fascher ging nach Vietnam, in die Fremdenlegion, heiratete dort, und nach knapp drei Jahren kam er wieder.

Fascher: "Und als denn im Januar mein Sohn geboren wurde, am 06. Januar, da war der Star-Club schon sechs Tage dicht. Denn wir haben ja '69 auf '70 dicht gemacht."

Mit der Neujahrsnacht.

McCartney: "Hahadiha, good, isn't it? Yeah, it's a new song."

Hamburg bekommt einen Beatles-Platz. Günter Zint:

Zint: "Der ist am Kopfende der 'Großen Freiheit', wo jetzt das Nobistor ist, wo jetzt der Taxenplatz ist, da kommt eine so ungefähr 30 Meter im Durchmesser messende Schallplatte hin, mit einem Denkmal der Beatles drauf, was von unten beleuchtet wird, und äh dieser ganze Platz wird wie eine Schallplatte gestaltet mit Rillen und mit Sitzgelegenheiten rund rum, und in diese Rillen hinein kommen Anfänge von Liedern der Beatles, also die meisten haben's ja, mal 'n Titel der Beatles singen."

Vielleicht kommt Paul McCartney ja zur Eröffnung dieses Platzes.

Zint: "Er wird auf jeden Fall natürlich involviert in die Sache und wir werden auch am 18. Juni im Indra auf der Großen Freiheit 64 seinen 64. Geburtstag feiern, er hat sich ja damals, als er ein junger Bengel war. Sorgen gemacht, ob er noch genug zu essen hat, wenn er 64 ist, damit der arme Bengel nicht hungern muss."

Kontakt zu Zint, zu Klaus Voorman,...

Voorman: "Klaus Voorman, ich bin Grafiker und Musiker. Und jetzt fragste gar keine Fragen, oder was, oder wie?"

... Grafiker einiger Beatles-Cover und als Musiker mit John Lennon zusammen, Kontakt zu Astrid Kirchherr, ebenfalls Beatles-Fotografin und Freundin von Stu Sutcliffe, dem in Hamburg verstorbenen Ex-Beatle, hatte Fascher nie.

Facher: "Ja, ich kannte sie nur. Vom sehen, und man hat sich gegenseitig mit Kopfnicken begrüßt, ich hab' sie eigentlich äh äh nicht beachtet, in so fern, weil sie waren nicht mein Kaliber, sie waren aus einer ganz anderen Szene, ich kam aus der hafen-, aus der proletarischen Richtung, und die kamen aus der gehobeneren Gesellschaft, und so gaben sie sich natürlich auch, wir waren so'n bisschen die Rock'n'Roller und das waren so'n bisschen die Existentialisten, so wir wie sie damals genannt haben. Dass sie auf ein mal auch unsere Musik äh äh konsumiert haben, das war vielleicht auch ein großer Vorteil, dass die Beatles so gut diese Kommunikation herstellten, denn die Beatles wurden nachher auch von die Existentialisten geliebt, und somit wurde ihre Fangemeinde größer."

Der Star-Club. Fascher versuchte ihn, nachdem im Jahr 1970 aus ihm das Salambo, ein Sex-Club, geworden war, am Großneumarkt noch einmal wieder zu beleben. Vergeblich.
Günter Zint fotografierte: Brokdorf und Domenica. Und veröffentlichte Bildbände und Bücher.
Faschers Leben ging auch weiter, mit viel Tragik, er verlor zwei Kinder, und vielen Pleiten.
Und der Star-Club?
Zwei junge Dänen, die mit Software Geld gemacht haben, haben das Gelände Große Freiheit 39 gekauft. Die Hamburger Baubehörde, der Bauantrag der Dänen läuft seit letztem Jahr, wird demnächst entscheiden.
Das war's.
Klaus Voorman noch ein Mal:

Voorman: "Richtig, das war's."

Länderreport

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