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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 16.08.2009

Lernen nach Humboldt

Vor 200 Jahren wurde die Universität Berlin gegründet

Von Christian Berndt

Wieder in Berlins Mitte: Ein Hörsaal in der Humboldt-Universität  (AP)
Wieder in Berlins Mitte: Ein Hörsaal in der Humboldt-Universität (AP)

Napoleon hatte Preußen besiegt - und dabei auch die Hälfte aller Hochschulen des Landes für sich beansprucht. Um den Wiederaufstieg des gedemütigten Preußens zu erreichen, galt Bildung als patriotische Staatsaufgabe. Eine Universität in der Hauptstadt musste her. Damit beauftragt wurde Wilhelm von Humbolt.

Preußen 1806. Das Land liegt am Boden, die Armee wurde von den französischen Truppen unter Napoleon vernichtend geschlagen. Die Hälfte des Territoriums geht verloren, und damit auch die wichtigsten Hochschulen. Pläne, in der Hauptstadt Berlin eine Universität zu gründen, gab es bereits vorher, aber auch Widerstand. Viele Gelehrte befürchten einen verderblichen Einfluss der Metropole auf die Studenten, sämtliche deutschen Universitäten sind in der Provinz. Aber die Hauptstadt setzt sich durch, auch um die Bedeutung des Projektes zu unterstreichen.

Denn die Niederlage hat auch die Rückständigkeit der erstarrten Monarchie offenbart, und die Reformer in der preußischen Regierung erkennen, dass ein besseres Bildungssystem die Voraussetzung für Modernisierung und Wiederaufstieg des Landes ist. Beauftragt für die Reformen wird ein preußischer Adliger, der nie eine öffentliche Schule besucht und nur wenige Semester studiert hat: Wilhelm von Humboldt. Der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth:

"Der Humboldt ist aufgewachsen und hatte einen der berühmtesten Pädagogen der Zeit als Lehrer, den Joachim Heinrich Campe. Der hat sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen, welche Struktur die neue Bildung haben muss. Mit dem Campe war er in Paris während der französischen Revolution, die haben darüber gesprochen, welche Rolle der Bildung bei der Konstitution neuer, republikanischer Gesellschaften zukommt. Also, der ist hierher gekommen und hatte große Ideen."

Humboldt ist preußischer Gesandter in Rom, als er 1809 zum Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im preußischen Innenministerium wird. Nur widerwillig nimmt der Italienliebhaber an:

"Was lässt sich jetzt im Preußischen tun, wo man so wenig Mittel hat? Gelehrte dirigieren ist nicht viel besser, als eine Komödiantentruppe unter sich zu haben."

Doch in kürzester Zeit entwickelt Humboldt wegweisende Konzepte zur Schulpolitik. Das Herzstück seiner Reformpolitik aber wird die Hochschule für Berlin. Am 16. August 1809 verfügt König Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder zur Errichtung der Berliner Universität. Ihren Sitz erhält sie im früheren Palais des Prinzen Heinrich Unter den Linden. Humboldt entwickelt zügig das Programm für die neue Hochschule, deren Vorlesungsbetrieb bereits 1810 beginnt. Die Ideen dazu haben bereits Gelehrte vor ihm geliefert, aber Humboldt bündelt die Konzepte und plant eine Universität als Gemeinschaft von Lehrenden und Studenten im Dienste der Forschung. Humboldts Modell wird später oft als ein Bildungsbegriff des zweckfreien Lernens interpretiert.

"Er will schon, dass man sich ohne den Druck der Berufstätigkeit eine gewisse Zeitlang dem Nachdenken und der Forschung hingibt, aber er hatte nie erwartet, dass die Leute nur vor sich hinstudieren, sondern er wollte ganz deutlich, dass sie am Ende ein Examen haben, er führt ja das Staatsexamen selbst für die Leute neu ein. Dieses Zweckfreie, das die irgendwas vor sich hinstudiert hätten oder so, das ist ein Mythos, das stimmt nie."

Im 19. Jahrhundert wird die Hochschule, die ab 1828 den Namen "Friedrich-Wilhelms-Universität" trägt, zum weltweiten Vorbild, allerdings auch zum Hort konservativ-nationalistischer Gesinnung. In der Weimarer Republik ist die Mehrzahl des Lehrkörpers antidemokratisch, und die Anpassung an den NS-Staat erfolgt reibungslos – die Entlassung eines Drittels der Angestellten – darunter alle jüdischen Dozenten – wird akzeptiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Hochschule in Humboldt-Universität umbenannt und zur sozialistischen Kaderschmiede der DDR. Seit der Wiedervereinigung steht die Universität wieder im Zentrum der vereinten Hauptstadt. Die Konflikte und Ost-West-Diskussionen im Zuge der Umstrukturierung nach 1990 spielen für die heutigen Studenten der Universität keine Rolle mehr – jetzt heißt das Thema Bologna-Reform. In der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge, die das Studium europaweit vereinheitlichen und effizienter machen sollte, sehen viele Studenten das Ende der Humboldtschen Universitätsidee.

"Ich würde sagen, nach der Bologna-Reform, nach der Einführung von Bachelor und Master, ist das Studium zu einem Schmalspurstudium verkommen. – Es heißt zwar immer Vertiefung, aber es wird eigentlich auch immer nur oberflächlich behandelt, und wir müssen im Grunde nur noch auswendig lernen. Wir sind im Grunde eine ganz andere Generation Studenten."

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