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Lektüre für Kinogänger

Emilie Bickerton: "Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma", Diaphanes Verlag, Zürich 2010, 191 Seiten

In der Zeitschrift Cahiers du cinéma war Kino mehr als bloße Unterhaltung.
In der Zeitschrift Cahiers du cinéma war Kino mehr als bloße Unterhaltung. (AP)

Alter allein ist kein Verdienst, und so wird wohl auch der bevorstehende sechzigste Geburtstag des französischen Filmmagazins Cahiers du cinéma weniger Anlass zur Verklärung als vielmehr zu kritischer Würdigung dieses "letzten Projekts der Moderne" sein. Vorweggenommen ist diese bereits jetzt - in einem Buch der in Paris lebenden Autorin Emilie Bickerton. Die Mitherausgeberin der Zeitschrift "New Left Review" hat "Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma" verfasst.

"Über drei Jahrzehnte haben die Cahiers du cinéma die Art und Weise geprägt, wie wir Filme sehen und verstehen – im populären wie im wissenschaftlichen Bereich. Heute wirkt das Magazin kaum anregender als die Bordlektüre im Flieger zum nächsten Filmfestival", heißt es darin.

Es ist ein wichtiges Buch, informativ und kenntnisreich geschrieben, klar und leidenschaftlich. Auch wer sich als gewöhnlicher Kinogänger nicht unbedingt mit Geschichte und Theorie des Films auseinandersetzen will, wird nach der Lektüre bewusster auf die Leinwand schauen – und sich vielleicht auch plötzlich für Retrospektiven von Regisseuren wie Alfred Hitchcock, Howard Hawks oder Nicholas Ray interessieren.

Für die schwärmten Francois Truffaut, Jacques Rivette, Eric Rohmer und Jean-Luc Godard – allesamt in den 50er-Jahren Redakteure der Cahiers du cinéma. Es ging ihnen darum – anfangs am Beispiel dieser amerikanischen Regisseure –festzustellen, wer "Autor" eines Films sei, wie man Film als Kunstform etabliere, welche Funktion die Filmkritik habe.

Schnell wurde das monatlich erscheinende 30-Seiten-Magazin im gelben Umschlag zu einem einflussreichen Kampfblatt: Ästhetische Theorien und leidenschaftliche Begeisterung kamen zusammen, hier war Kino mehr als bloße Unterhaltung. Die Cahiers du cinéma wurden zu einer "Schule des Filmemachens" - und zu einer Schule des Sehens.

Die Autoren des Magazins – zukünftige Regisseure der Nouvelle vague – argumentierten international inspirierend für den künstlerischen Wert von Filmen und die Fähigkeit der Filmemacher, ihre persönliche Vision der Welt darzustellen.

In den 60er-Jahren veränderten sich durch zunehmende Politisierung der Gesellschaft auch die Cahiers du cinéma. Spielarten von Psychoanalyse, Strukturalismus und Marxismus flossen in Sicht- und Darstellungsweisen der Filmkritiker ein. Neue Köpfe bestimmten Inhalt und Aussehen der Zeitung, sie wurde politisch militanter, ideologischer. 1973 war die Zeitschrift kaum wiederzuerkennen: "ein strenges, dickes Heft ohne Fotos". Der Maoismus hielt Einzug in die Redaktion.

Emilie Bickerton zeichnet die Entwicklung der Cahiers du cinéma bis heute nach. Nicht die übermäßige Ideologisierung ist inzwischen das Problem. Am Beispiel des Magazins - das mittlerweile einem britischen Konzern gehört und Mainstream Filme hypt - erfahren wir, wie unsere Gesellschaft sich verändert hat: Kommerzialisierung und Marketing schränken unser Sehvermögen ein, "negative Kritik ist rar", ästhetische und moralische Diskussionen wie in den Cahiers von einst finden nicht mehr statt.

Am Ende ihrer kurzen Geschichte der Zeitschrift fordert die Autorin einen "neuen, kompromisslosen Ansatz der Kritik". Und verweist auf die Tradition: "Aus der Asche der Cahiers du cinéma können tausend Phönixe wiedergeboren werden." Nach der Lektüre will man es glauben.

Besprochen von Carsten Hueck

Emilie Bickerton: Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma
Aus dem Englischen von Markus Rautzenberg
Diaphanes Verlag, Zürich 2010
191 Seiten, 19,90 Euro

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