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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.03.2014

Leipziger Buchmesse"Sonntagsreden und wirtschaftliche Realität klaffen empfindlich auseinander"

Übersetzer kritisiert Bezahlung von Literatur-Übersetzungen

Hinrich Schmidt-Henkel im Gespräch mit André Hatting

Bücher in den Regalen der Staats- und Universitätsbibliothek in Hamburg (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Deutschland ist ein Übersetzerland, sagt der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel. (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)

Fast jedes zweite belletristische Buch in Deutschland ist eine Übersetzung. Übersetzer seien zwar sichtbarer als früher, doch was für diese Arbeit bezahlt wird, "reicht vorne und hinten nicht", sagt der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel. Er ist für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

André Hatting: Wenn Sie mal etwas von Michel Houellebecq gelesen haben, oder von Yasmina Reza, oder auch Henrik Ibsen, und zwar nicht im Original, sondern auf Deutsch, dann haben Sie vielleicht auch Hinrich Schmidt-Henkel gelesen. Er hat die genannten Autoren übersetzt. Herzlich willkommen im Studio!

Hinrich Schmidt-Henkel: Guten Morgen!

Hatting: Sie sind erster Vorsitzender des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer und damit vertreten Sie die Interessen einer sehr gewichtigen Branche, denn fast jedes zweite belletristische Buch in Deutschland ist ein ausländischer Titel.

Schmidt-Henkel: So ist es.

Hatting: Ist Deutschland ein Übersetzerland?

Schmidt-Henkel: Auf jeden Fall. Wir sind ein ganz gewichtiger Teil der Verlagswirtschaft, wenn man es mal so herum betrachtet, nicht vom kulturellen Gesichtspunkt aus, und die Verlagsprogramme bei uns bestehen in der Tat aus einem großen Anteil von Übersetzungen.

Hatting: Aber kann man ruhig auch aus kultureller Sicht sagen?

Schmidt-Henkel: Selbstverständlich! Das fällt einem immer als erstes ein.

Hatting: Ist denn eigentlich die Auftragslage für Übersetzer in Deutschland noch besser geworden, oder stagniert das? War das immer schon so gut?

Schmidt-Henkel: Sie ist recht gut, das ändert sich nicht groß. Es kommt natürlich sehr stark auf die Sprachen an. Englisch ist der größte Markt, da gibt es sehr viel mehr Angebote als Übersetzer. Da findet man auch immer mal einen Auftrag, wenn man eigentlich noch nicht so eingeführt ist. In kleineren Sprachen sieht das anders aus, das hängt immer sehr stark ab davon, wer gerade Gastland in Frankfurt bei der Buchmesse ist. Das zum Beispiel ist einer der Gründe, weswegen es so einen Peak geben kann. Es gibt eigentlich zu wenig qualifizierte Übersetzer, muss man sagen.

"Die Sonntagsreden würdigen uns auch immer wunderbar."

Hatting: Zum Beispiel aus dem Norwegischen, aus dem Sie ja auch übersetzen. Früher musste man den Übersetzer des Buches ja richtig suchen. Heute steht der Name sogar manchmal mit auf dem Titel.

Schmidt-Henkel: Ja.

Hatting: Fühlen Sie und Ihre Kollegen sich mittlerweile angemessen gewürdigt?

Schmidt-Henkel: Die Würdigung fehlt ja nicht. Es gibt Preise, es gibt Auszeichnungen, es gibt eine stärkere Sichtbarkeit als früher. Das stimmt. In den 60er-Jahren standen wir noch in Winzpunkt-Schrift irgendwo im Impressum versteckt und da galt es als natürlich, dass das vollkommen uninteressant ist. Das hat sich geändert. Wir wandern immer weiter ins Sichtbare auf den Büchern. Die Sonntagsreden würdigen uns auch immer wunderbar. Sonntagsreden und wirtschaftliche Realität, die klaffen allerdings empfindlich auseinander.

Hatting: Auch bei den Preisen, Sie haben das schon angesprochen. Sie selber sind nominiert in diesem Jahr auf der Leipziger Buchmesse für den Übersetzerpreis, und zwar für Ihre Diderot-Neuübersetzung "Jacques der Fatalist und sein Herr". Würden Sie rein pekuniär sagen, da kommen Sie jetzt auch in die Nähe der anderen Preise, oder ist es immer noch: erste Klasse der Originalautor, zweite Klasse dann die Übersetzer?

Schmidt-Henkel: Nein! Das ist ein wunderbarer Preis für Übersetzer. Die vier anderen Kollegen und ich, die wir nominiert sind, sind dadurch bereits ausgezeichnet, nominiert zu sein. Und die Projekte kriegen dadurch mehr Aufmerksamkeit, das ist eine tolle Sache. Preise und Förderungen sind natürlich immer Einzelereignisse. Das erlebst du im Übersetzerleben hier und da vielleicht mal, vielleicht ein seltenes Mal. Viele, die es verdienen würden, bekommen nie einen Preis.

Wir haben den deutschen Übersetzerfonds, der jedes Jahr eine große Anzahl von Stipendien vergibt. auch das ist etwas sehr, sehr Wichtiges, ist unentbehrlich. Aber man muss sagen auf der anderen Seite: Das was wir im Alltag durch unsere tägliche Arbeit erwirtschaften können, reicht vorne und hinten nicht.

"Diese neue Vergütungsregel hat das Zeug dafür, eine Einigung zu bringen."

Hatting: Und wer von Übersetzungen in Deutschland spricht, Übersetzerland hin oder her, der kommt am Wort Streit leider nicht vorbei, denn jahrelang haben sich Übersetzer mit den Verlagen darum gezofft, wie eine anständige Vergütung aussehen muss. Sogar Gerichte wurden eingeschaltet.

Schmidt-Henkel: Bis zum Verfassungsgericht!

Hatting: Bis zum Bundesverfassungsgericht. Jetzt nach über sechs Jahren ist offenbar ein Ende dieses Streites in Sicht. Wie sieht denn der Vorschlag zur Güte aus?

Schmidt-Henkel: Wir haben mit einer kleinen Gruppe, muss man sagen, von Verlagen, die kein eigenes Taschenbuch veranstalten, eine Vergütungsregel ausverhandelt, die wir jetzt unseren Mitgliedern vorlegen zur Abstimmung. Das ist bei uns das Gremium, das darüber zu entscheiden hat. Und diese neue Vergütungsregel hat das Zeug dafür, eine Einigung zu bringen. Wir sind darin auch zugange, auf Konzernverlage zuzugehen. In dieser Vergütungsregel gibt es bereits Regelungen, die für solche Verlage, die ein eigenes Taschenbuch machen, auch interessant sind.

Wir laden derzeit dringend weitere Verlage ein, daran teilzunehmen, und wollen momentan natürlich besonders unsere Mitglieder überzeugen. Wenn die für diese Vergütungsregel sind, sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Das Schöne an der jetzigen Situation ist: Wir haben mit den beteiligten Verlagen gezeigt, man kann sich einigen, mit Sachverstand und gutem Willen aus der Branche heraus, aus der Sachkenntnis der Branche heraus, ohne sich auf Gerichte zu verlassen. Natürlich spielen die Gerichtsurteile im Hintergrund eine gewichtige Rolle, aber hier zeigen wir, wir sind zusammen klüger als alle Gerichte.

Hatting: Ich habe mal versucht, die Vergütungsregel zu verstehen. Sie ist relativ komplex.

Schmidt-Henkel: Sie haben die sogar?

Hatting: Ja, genau. Es ist aber wirklich nicht ganz einfach. vielleicht kriegen wir es trotzdem hin, in einem Satz zu sagen, was ist der entscheidende Durchbruch, was ist für sie die Verbesserung, die Sie akzeptieren könnten?

Schmidt-Henkel: Eine bessere Absatzbeteiligung der Übersetzer, das heißt eine Beteiligung am Buchverkauf vom ersten Exemplar. Das sind Prozente von Prozenten. Und auf der anderen Seite geben wir was nach bei den Beteiligungen an Taschenbuchrechten. Da sind nach Rechtslage die Verlage sehr, sehr hart gefordert. Das war sozusagen ein bisschen die Verhandlungsmasse in diesen Gesprächen.

Hatting: Morgen wird die Leipziger Buchmesse eröffnet. Über die Bedeutung von Übersetzungen für den deutschen Markt habe ich mit Hinrich Schmidt-Henkel gesprochen, er ist erster Vorsitzender des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer und in diesem Jahr nominiert für den Übersetzerpreis der Buchmesse. Ich bedanke mich für Ihren Besuch hier bei uns.

Schmidt-Henkel: Danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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