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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.03.2015

Leipziger Buchmesse Mehr Licht für die Lyrik

Jan Wagner im Gespräch mit Nana Brink

Der Schriftsteller Jan Wagner (picture alliance / dpa /  Jens Kalaene)
Mit dem Schriftsteller Jan Wagner erhält erstmals ein Lyriker den Leipziger Buchpreis (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Der mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnete Schriftsteller Jan Wagner setzt darauf, dass seine Auszeichnung der deutschen Lyrikszene zu mehr Aufmerksamkeit verhilft. Die Szene in Deutschland sei aufregend und vielfältig.

Es gebe im deutschsprachigen Raum eine sehr vielfältige, aufregende jüngere Lyrikszene,  sagte Wagner am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Er habe deshalb schon bei der Nominierung darauf gehofft, dass vielleicht ein paar Vorurteile abgebaut werden könnten: "Wenn jetzt durch den Preis selbst ein bisschen mehr Licht darauf fällt, wäre das natürlich großartig", sagte Wagner über die Auszeichnung seines lyrischen Werkes.

Die kleinen Dinge im Mittelpunkt 

Im Titel seines Buches "Regentonnenvariationen" klinge bereits an, dass es ihm als Lyriker sehr stark um die kleinen Dinge des Lebens gehe. "Das kleine Ding ist in Wahrheit ein Schatz für jemand, der Gedichte schreibt", sagte Wagner. Die unbeachteten Dinge stellten sich als das richtige Material heraus, weil man sich an die großen, abstrakten Begriffe halten müsse. "Freiheit, Liebe, Tod - das schwingt ja immer mit, wenn man schreibt", sagte er. Wenn man sich auf das sinnliche Detail konzentriere und den winzigen Gegenstand umkreise, könne es sein, dass man unter der Hand plötzlich nach viel Arbeit und Feilen an der Sprache ein Gedicht schreibe, das dann ein Gedicht über die Freiheit, die Liebe oder den Tod werde.

 


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Gleich auf Anhieb hat er es geschafft: Jan Wagner bekommt den Preis der Leipziger Buchmesse, zum ersten Mal in der Geschichte des Preises wurde ja ein Gedichtband nominiert, nämlich Jan Wagners "Regentonnenvariationen", erschienen bei Hanser in Berlin. Jan Wagner lebt als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Sein erster Gedichtband "Probebohrung im Himmel" ist 2001 erschienen, und zuletzt wurde er in diesem Jahr mit dem Mörike-Preis ausgezeichnet. Und sein Lyrikband ist also nun das wichtigste Buch des Frühlings 2015. Jan Wagner, herzlichen Glückwunsch, ich grüße Sie!

Jan Wagner: Vielen Dank!

Brink: Sind Sie überrascht

Wagner: Ich bin sehr überrascht und war auch schon überrascht, als das Buch auf der Liste der Nominierten erschien. Und für mich war die Nominierung tatsächlich schon der Preis, muss ich sagen, schon der Gewinn. Und ich bin umso überraschter, dass es jetzt tatsächlich auch für den Preis gereicht hat, und werde eine Weile brauchen, um das zu verarbeiten. Für mich war immer das Schöne daran, dass die Lyrik überhaupt auf die Liste findet, denn es ist so, dass es im deutschsprachigen Raum seit Jahren eine sehr vielfältige und aufregende, gerade jüngere Lyrik-Szene gibt. Und meine Hoffnung war schon bei der Nominierung, dass vielleicht ein paar Vorurteile abgebaut werden können, dass ein bisschen mehr Licht fällt auf diesen Reichtum, der da ist und den man als Leser eigentlich nur aufheben muss und aufschlagen muss. Wenn jetzt durch den Preis selbst noch ein bisschen mehr Licht darauf fällt, wäre das natürlich großartig.

Brink: "Regentonnenvariationen" heißt Ihr Lyrikband, und wenn ich jetzt mal in eine Regentonne reingucke, dann sehe ich ja lauter kleine Dinge. Ist es das, was Sie fasziniert, die kleinen Dinge?

Wagner: Die kleinen Dinge, und das klingt ja schon im Titel auch, "Regentonnenvariationen", an, da ist ja das kleine Ding, die Regentonne, das übersehene Ding, kombiniert mit dem musikalischen Aspekt der Sprache, den Variationen – das kleine Ding ist in Wahrheit ein Schatz für jemanden, der Gedichte schreibt. Also all die Sachen, die wir, weil wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, Tag für Tag übersehen, und die doch unsere Aufmerksamkeit verdient hätten, stellen sich, wenn man Gedichte schreibt, im Grunde als das richtige Material heraus, weil man eben nicht sich halten muss an die großen und abstrakten letztlich Begriffe, die man für gewöhnlich mit Lyrik verbindet, also Freiheit, Liebe, Tod – das schwingt ja immer mit.

Wenn man schreibt, sind das immer Themen, die anklingen, die eine Rolle spielen. Aber wenn man sich hinsetzt und sagt, ich schreibe ein Gedicht über Freiheit oder über die Liebe, dann bleibt man im Abstrakten und schreibt meistens ein sehr leeres und kein gutes Gedicht. Aber wenn man sich konzentriert auf das Detail, das ganz sinnliche Detail, auf den winzigen Gegenstand, und den umkreist und sich ganz einlässt auf die sprachlichen Assoziationen, auf das Wesen des Dings sozusagen, dann kann es sein, dass man unter der Hand plötzlich, nach viel Arbeit und sehr viel Feilen an der Sprache, Arbeit mit der Sprache, ein Gedicht schreibt, das durchaus ein Gedicht über die Freiheit, über die Liebe oder über den Tod ist.

Die Faszination des Giersch

Brink: Ist das zum Beispiel der Giersch – also als Nichtgärtner war ich ja sofort komplett überfordert, aber die Gärtner unter uns wissen sofort, was ich meine, nämlich das Unkraut. Ist das der Giersch in ihren Gedichten?

Wagner: Der Giersch gehört zu diesen übersehenen Dingen, die in diesem Fall von Gärtnern gehasst werden natürlich, aber von Lyrikern Liebe verdient haben, weil in "Giersch" schon die Gier enthalten ist. Und das war, was mich fasziniert hat. Mich faszinierte der Sprach-Giersch und die Tatsache, dass man es schaffen kann, mit den Lauten des Wortes Giersch, des gierigen Gierschs, die Form selbst zu sprengen. Es ist ein Sonett, dieses Gewicht, eine Sonett-Überwucherung, weil eben der Giersch sich immer mehr ausbreitet und nachher gar nicht mehr zu bändigen ist und die Form sprengt sozusagen, wie der Giersch auch den Garten irgendwann vollkommen in Beschlag nimmt.

Brink: Also der Gärtner rauft sich die Haare, auch der Gärtner in Ihnen, nein der Lyriker nicht, gell?

Wagner: Ich bin ja kein Gärtner, sondern nur Balkonbesitzer, insofern habe ich kein Problem mit Giersch und auch nicht mit anderem Unkraut. Insofern konnte ich da vollkommen neutral und mit voller Konzentration auf den Sprach-Giersch mich einlassen.

Brink: Aber den richtigen Giersch müssen Sie ja in der Natur gefunden haben. Finden Sie da überhaupt Ihre Anregungen, also auch Ihre Sprachbilder, so wie den Giersch?

Wagner: Den Giersch habe ich tatsächlich gefunden im Gespräch mit leidenden Gärtnern. Ansonsten ist es so, dass man natürlich beim Spazierengehen, ob man in der Natur sich bewegt oder in der Stadt, die Augen offenhält, wenn man Gedichte schreibt, oder wenn man überhaupt schreibt.  Ossip Mandelstam, der fantastische russische Dichter, hat mal gesagt, dass die Grundtugend des Dichters das Staunen sei, und das ist, glaube ich, sehr wahr. Ich glaube, wenn man sich dieses sozusagen kindliche Staunen erhält, durch die Welt geht mit offenen Augen und alles als Material akzeptiert und alles auch als wunderbar und geeignet für den Eintritt ins Gedicht betrachtet, dann kann man kaum fehlgehen.

Gedichte immer wieder neu lesen

Brink: Wenn wir noch ein bisschen bei den Wundern, bei dem Staunen bleiben: Geht das für Sie in Ordnung, wenn man dann Ihre Gedichte als poetische Naturkunde sieht, vielleicht auch ein wenig weltabgewandt, also in dem Sinne, ohne aktuellen Bezug?

Wagner: Das Schöne an Gedichten ist, dass sie, wenn sie gelungen sind, immer einen aktuellen Bezug haben. Wir lesen heute Du Fu oder andere Dichter lesen Catull, und plötzlich sind diese seit Langem toten Dichter unsere Zeitgenossen. Gute Gedichte überdauern eben die Zeiten, das heißt, man kann sie immer wieder lesen, und man liest sie immer wieder neu, und lassen sich auch nicht unbedingt festlegen auf eine Aussage. Also, ein Gedicht, das sich mit einer Botschaft sozusagen erledigt hat, bei dem man nach einem einzigen Durchgang sagen kann, ich hab verstanden, was der Dichter mir sagen wollte, sind ein bisschen unbefriedigend. Und ich liebe Gedichte, die man mit 15 Jahren liest und vielleicht gar nicht versteht, die man dann mit 25 noch mal liest und dann erst aufgrund des eigenen Lebens und des eigenen Materials, das man heranträgt ans Gedicht, versteht. Oder indem man etwas lesen kann – die man dann noch mal 20 Jahre später neu liest, die einen ein ganzes Leben begleiten können und nie sich erschöpfen. Das sind wunderbare Gedichte, und das heißt, Gedichte sind im besten Falle nie alt und immer zeitgemäß. Und in meinen Gedichten ist es zwar so, dass ich nicht unbedingt das neueste Vokabular verwende, also keine Wörter aus der Internetsprache und so weiter und so fort, aber es gibt doch durchaus Bezüge zu Zeiten, die uns sehr nahe sind. Also, abgesehen von Tieren und Pflanzen trifft man auch auf Björn Borg und sein großes Finale gegen John McEnroe und andere Dinge, die durchaus uns sehr nahe sind, nach wie vor.

Brink: Sie haben gesagt, Sie haben Ihren literarischen Giersch nicht am Balkon gefunden, sondern in der Natur draußen. Wo schreiben Sie denn am liebsten? Neben der Regentonne?

Wagner: Nein, ich schreibe tatsächlich zu Hause. Ich habe einen sehr schweren Ohrensessel, der mehr wiegt als ein Kleinwagen, aber mich, wenn ich Glück habe, viel weiter trägt, sehr viel weiter reisen lässt als ein Kleinwagen. Ich liebe es, zu Hause, umgeben von Büchern zu sitzen, und am besten, wenn es dunkel wird draußen, man sich ein bisschen abschotten kann, sich ganz konzentrieren kann auf die Sprache, auf das Material, sich versenken kann in das, was vor einem liegt, nicht als Giersch vor einem wächst, aber doch in Gedanken da ist.

Brink: Jan Wagner, der diesjährige Preisträger der Leipziger Buchmesse. Danke für Ihre Zeit und herzlichen Glückwunsch noch mal, genießen Sie Ihren Preis!

Wagner: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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