Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.12.2005

Leidenschaftlicher Museumsmann

Porträt über Heinz Spielmann

Von Anette Schneider

Bucerius Kunst Forum in Hamburg (Ulrich Perrey, Hamburg)
Bucerius Kunst Forum in Hamburg (Ulrich Perrey, Hamburg)

Heinz Spielmann hat 45 Jahre im Dienste der Kunst gewirkt, die letzten davon als Künstlerischer Leiter des Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Zum Jahresende verlässt der 75-jährige Spielmann nun das Haus. Aber wohl kaum, um endlich in Ruhe seinen Lebensabend zu genießen.

Da sitzt er mit diesem typischen, etwas verschmitzten Lächeln, dass Kokoschka schon in den 60er Jahren auf Zeichnungen festhielt, die in der gerade laufenden Ausstellung zu sehen sind - und plaudert. Über 1960 zum Beispiel. Wirtschaftswunderzeit. Die Leute arbeiteten viel, um viel konsumieren zu können: Nierentisch, Eisschrank und Waschmaschine.

Heinz Spielmann war damals 30 Jahre alt. Er hatte in Aachen und Stuttgart Architektur, Kunstgeschichte und Philosophie studiert, als er das Angebot erhielt, Leiter der Modernen Abteilung am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu werden. Dort hatte der Kunsthistoriker Max Sauerlandt von 1918 bis 1933, bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten, erstmals zeitgenössische Kunst gesammelt und ausgestellt. Die Sammlung wurde später von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und größtenteils verkauft.

Heinz Spielmann: "Ich hatte mir kurz nach der Währungsreform für Altpapier und 4 Reichsmark ein Buch kaufen können von Max Sauerlandt, "Die Kunst der letzten 30 Jahre". Und als die Frage an mich gerichtet wurde, ob ich die Moderne Abteilung übernehmen würde - ich war noch nie an einem Museum gewesen - da habe ich zugesagt, weil es ja die Chance gab, das wieder herzustellen, was Max Sauerlandt hatte aufgeben müssen."

Schon in seinen ersten Ausstellungen zeigte Spielmann aktuelle Kunst. Anders als Sauerlandt, legt er dabei den Schwerpunkt nicht auf Gemälde, sondern auf zeitgenössisches Kunstgewerbe:

"Es war natürlich einmal die Aufgabe des Museums, angewandte Kunst und Design zu sammeln und zu zeigen. Ich habe vor allen Dingen die zweckgebundenen Arbeiten, Illustrationen, Plakate usw. der modernen Maler gezeigt. Das waren dann Ausstellungen von Picasso, von Bracque, Miró, Chagall, Max Ernst. Kokoschka, usw. Und natürlich ist von all dem auch etwas in die Sammlung gekommen, manchmal sogar sehr viel. Es war eigentlich eine sehr gute Stimmung, denn man konnte sehr vieles tun unter viel ökonomisch leichteren Bedingungen als heute."

In den 26 Jahren, die Heinz Spielmann am Museum für Kunst und Gewerbe ist, stellt er den Besuchern nicht nur immer wieder unterschiedlichste Facetten aktueller Kunst vor - ihm gelingen auch spektakuläre Ankäufe: große Konvolute seines Freundes Oskar Kokoschka kommen ans Haus. Und...

"Zum Beispiel Max Ernst mit der Maximiliana. Und es war natürlich sehr schön, wenn man in die Ateliers gehen konnte und kam mit bedeutenden Objekten zu günstigen Konditionen ins Museum zurück. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einem Koffer voll mit 54 Arbeiten von Max Ernst ins Museum zurückkam, und das gab natürlich Auftrieb, das so weiter zu treiben."

Neben der Museumsarbeit widmet sich Spielmann auch dem Nachwuchs: Viele Jahre unterrichtet er als Honorarprofessor in Münster.

"Es war eigentlich immer ein Vergnügen, zwischendurch zur Universität zu fahren, und dann mit jungen Leuten drei vier Tage intensiv zu arbeiten. Ich habe Vorlesungen gehalten, Seminare gehalten, manchmal auch Originale mitgenommen. Aber ich habe auch Exkursionen gemacht, wenn beispielsweise eine große Thorwaldsen-Ausstellung war, dann haben wir drei Tage Thorwaldsen gemacht, und dann hatten die mehr davon, als mit einer ganzen Vorlesung mit Dias."

1986 nimmt er eine neue Herausforderung an: Spielmann wird Landesmuseumsdirektor des Landes Schleswig-Holsteins. In dieser Funktion nutzt er alle Möglichkeiten, im hohen Norden eine kulturelle Landschaft aufzubauen. Die Zeit, so erinnert er sich, sei dafür bestens gewesen:

""Es war eine Zeit, in der relativ viel Geld da war. Wir haben etwa 35 Museen in Schleswig Holstein von Grund auf in Schuss gebracht. Es gibt auch Neugründungen. Beispielsweise wurde das Jüdische Museum in Rendsburg gebaut, das Museum in Niebüll. Es wurden Gelder besorgt, so dass sehr viele auch kleinere Orte aber auch größere Orte ein Museum bekamen."

1998 - Spielmann ist 68 Jahre alt - hört er in Schleswig-Holstein auf - doch mit der Kunst ist noch lange nicht Schluss. Er organisiert mehrere Ausstellungen in Japan, 2002 wird er Künstlerischer Leiter des neu gegründeten Bucerius Kunst Forums. Hier bearbeitet er noch einmal die Themen, die ihn in seinem langen Leben als Museumsmann besonders beschäftigten.

Gemeinsam mit der Kuratorin Ortrud Westheider zeigt er Ausstellungen über Picasso, Cranach, die Brücke, russische Ikonen, Willi Baumeister und - zum Abschied - Oskar Kokoschka, mit dem er jahrelang befreundet war, und über den er immer wieder forschte und schrieb. Doch natürlich war Kokoschka nicht die einzige beeindruckende Künstler-Begegnung in dem langen Leben des Museumsmannes.

"Das waren einige der Brücke-Leute noch, wie Schmidt-Rottluff und Heckel, das war Henry Moore, das war Max Ernst, das war sehr intensiv Oskar Kokoschka, das war Horst Janssen, das ist jetzt Klaus Fußmann, um nur einige wenige Namen zu nennen. Die Begegnung mit Künstlern gehörte für mich immer zum Schönsten, was einem Museumsmann passieren kann."

Nach 45 Jahren aktiver Museumsarbeit verlässt Heinz Spielmann zum Jahresende das Bucerius Kunst Forum. Die Leitung übernimmt die Kuratorin Ortrud Westheider. Heinz Spielmann aber, das ist gewiss, wird sich auch mit 75 Jahren nicht zur Ruhe setzen. Altersweise und mit diesem typischen, etwas verschmitzten Lächeln, meint er zum Abschied:

"Die Pläne sind das eine, die Möglichkeiten, die sich bieten, das andere. Warten wir, was sich bietet, und dann werden wir etwas Neues angehen."

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

Internationaler Leibniz-KongressEuropa als Universum der Gelehrten
Blick auf die Leibniz Universität in Hannover (Juli 2016) (imago/Rust)

Unter dem Motto "Für unser Glück oder das Glück anderer" wird Hannover im Rahmen des Internationalen Leibniz-Kongresses Schauplatz von mehr als 300 wissenschaftlichen Vorträgen. Dabei setzt die Europa-Vision des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz einen besonderen Akzent.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur