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Studio 9 | Beitrag vom 06.02.2016

Leibniz-Jahr 2016Was können Facebook-User von Leibniz lernen?

Von Julia Eikmann

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Eine Statue von Gottfried Wilhelm Leibniz auf dem Innenhof des Campus der Universität Leipzig (picture alliance / dpa / Peter Endig)
Eine Statue von Gottfried Wilhelm Leibniz auf dem Innenhof des Campus der Universität Leipzig (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Mehr als 300 Jahre vor Facebook und Co. betrieb der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz ein Soziales Netzwerk – mit 1100 Korrespondenzpartnern in aller Welt. Was können wir vom Urvater des Netzwerkens lernen? Das fragt ein Symposium der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Wir kennen Netze als

"Fischernetz, Spinnennetz, Eisenbahnnetz."

Ihre einfachsten Bestandteile sind

"Die Knoten und Verbindungen zwischen Knoten. Also im Grunde genommen sind das völlig elementare Bauteile: Du hast zwei Punkt und schlägst eine Verbindung zwischen denen",

sagt die Philosophin Sybille Krämer, Leibniz-Forscherin und Organisatorin des Symposiums "Leibniz - Netzwerk - Digitalisierung".

"Mit diesem extrem einfachen Ausgangsmaterial können jetzt Netze in unendlich vielfältiger Komplexität gewoben und eingerichtet werden."

Die Idee, Gottfried Wilhelm Leibniz als Netzwerker zu denken, ist profan und kühn gleichermaßen. Denn natürlich: Die Idee des Denkens in Verbindungen findet sich überall in Leibniz' Werk.

"Man weiß gar nicht, wo anfangen, weil das Faszinierende ist, dass dieses Netzprinzip sowohl in seiner Metaphysik ist, dass es sein ganzes Netzwerkdenken geborgen, dass es sein ganzes erkenntnistheoretisches Denken durchzieht."

Nachlass umfasst ein Konvolut von 15.000 Briefen

Und natürlich dachte auch der Ingenieur Leibniz in Netzwerken – bei den von ihm erdachten Kanälen der Herrenhäuser, Gärten oder der Wasserversorgung im Harzer Bergbau. Gleichzeitig gab es den Begriff des Netzwerks zu Leibniz' Zeiten noch gar nicht. Der Visionär ist ein Netzwerkdenker avant la lettre. Er dachte und arbeitete in Ordnungsformen des Netzes, bevor er sie benennen konnte.

Sein von ihm selbst akribisch gesammelter und geordneter Nachlass umfasst ein Konvolut von 15.000 Briefen, er stand im Dialog mit mehr als 1100 Korrespondenten. Der Schriftverkehr spannte ein - nun ja - Netz von Stockholm bis Beijing.

Und dieses Korrespondentennetz beginnt irgendwann zu wuchern: Es organisiert sich selbst. Die Historikerin Christine Roll:

"Mit der Zeit gibt es Personen, die man auch benennen kann, die bündeln die Informationen und vermitteln sie an Leibniz weiter. Und mit der Zeit weiß er, welche Personen er ansprechen muss.

Kommentarkultur war Triebfeder Leibniz' Wirken

Bis eine Antwort eintraf, vergingen durchaus Wochen. Die Briefe an die Jesuiten in China gehen in Russland immer wieder verloren. Kurzerhand denkt sich Leibniz ein eigenes Chiffre für die Korrespondenz mit den Ordensbrüdern aus - barocker Datenschutz.

Hätte er sich über ein Echtzeit-Netzwerk, ein Facebook des 17. Jahrhunderts gefreut? Einiges spricht dafür. Trotz der datenschutzrechtlichen Bedenken. Denn schon Leibniz nutzte die Kommentarkultur als Triebfeder seines Wirkens: Seine Ideen hat er auf einen, auf zwanzig Briefe geschrieben, sie an sein Korrespondentennetzwerk rausgeschickt und geschaut, was er für Antworten bekommen hat.

Sogar auf die in zeitgemäßen Chat-Konversationen unvermeidbare, aufs Kürzeste verknappte Zeichensprache – zwinkernde, weinende, feiernde Emoticons – hätte Leibniz vielleicht gemocht. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann

"Er hatte sich gewünscht, es könnte da auch eine Sprache geben, ein Zeichensystem, das die Gedanken eins zu eins abbilden kann und das Lüge und Missverständnis gar nicht mehr aufkommen lässt. Das war so eine Idee der Aufklärung, die natürlich auch gar nicht einlösbar war."

Nicht? So ganz weit weg ist die Entstehungsgeschichte des zur Seite geneigten Smileys nicht, den der Informatiker Scott Fahlman im Jahr 1982 vorschlug, um Missverständnissen in getippter Kommunikation vorzubeugen.

Wenig Interesse an öffentlichen Debatten

Auf einem anderen Feld allerdings unterscheidet sich Leibniz deutlich vom gemeinen Facebook-Junkie: Sein Interesse daran, ein Thema jenseits des privaten Briefwechsels für Dritte zu öffnen, war begrenzt. Ebbte die Korrespondenz zu einem Gedanken ab, so tat es auch Leibniz Interesse daran. Von narzisstischem Sendungsbewusstsein, dem Lebenssaft heutiger Sozialen Netzwerke, keine Spur. Aleida Assmann:

"Im Internet geht es darum, wie viele haben mich angeklickt, also ich muss viele Links haben. Im Grunde das Prinzip Vanitas, der Jahrmarkt der Eitelkeit."

Der Austausch von Wissen im Sinne von Informationen ohne Rücksicht auf Qualität ist nicht sein Ding. Für Leibniz ist Schreiben Korrespondieren mit jemanden. Diese Form des wissenschaftlichen Arbeitens birgt Vorteile - aber auch eine gewisse Tragik, wie das Fehlen eines in sich geschlossenen Gesamtwerks.

Und auch das Einnisten in Netzwerken will Leibniz letztlich nicht gelingen. Denn obwohl er Zeit seines Lebens versucht hat, Netzwerke aufzubauen, in denen er ein wichtiger Knoten ist, wurde er immer einsamer - privat wie professionell.Als Netzwerker ist der große Denker letztlich in gewisser Weise gescheitert

Mehr Informationen über das Symposium "Leibniz–Netzwerk–Digitalisierung" gibt es auf der Webseite der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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