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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.11.2012

Lehren aus der Finanzkrise

Dan Ariely: "Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge", Droemer Verlag, München 2012, 320 Seiten

Gelegenheit macht Diebe - zumindest in der Finanzkrise geschehen. (picture alliance / dpa)
Gelegenheit macht Diebe - zumindest in der Finanzkrise geschehen. (picture alliance / dpa)

Der Mensch ist von irrationalen Gefühlen getrieben: einerseits egoistisch, andererseits will man auch als ehrlich gelten. Verhaltensforscher Dan Ariely hat untersucht, wann Menschen schummeln und warum sie wann ehrlich sind. Verblüffend.

Gelegenheit macht Diebe?! Wenn man - wie Dan Ariely - auf die Finanz- und Bankenkrise blickt, hat man den Eindruck, die Volksweisheit stimmt. Aber sind wir Menschen tatsächlich immer und überall auf unseren Vorteil bedacht? Auf Fragen wie diese sucht der Verhaltensökonom in "Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge" Antworten. Und er findet sie. Geschrieben in einer unterhaltsamen Mischung aus Experimenten, Anekdoten und Beispielen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, stets verbunden mit einem Nachdenken über die möglichen gesellschaftspolitischen Folgen, ist ein ebenso kluges wie lehrreiches Buch entstanden.

Ariely stellt sich gegen die klassischen Sicht der Wirtschaftswissenschaften, die davon ausgeht, dass menschliches Verhalten allein durch eine rationale Kosten-Nutzen-Analyse bestimmt wird - jeder nimmt, soviel er kann, und je höher die Strafe, desto geringer der Betrug. Stattdessen sieht Ariely zwei widerstreitende Kräfte am Werk: Man versucht zwar immer möglichst viel für sich selbst herauszuholen, doch gleichzeitig möchte man auch dem Bild eines ehrlichen Menschen entsprechen. Der Mensch ist also immer auch von irrationalen Kräften getrieben. Eine These, die auch vom Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman vertreten wird.

Dan Arielys große Stärke sind seine ebenso einfachen wie lebensnahen Experimente, deren vergnügliche Schilderungen zu den Highlights seiner Bücher gehören. So lässt er eine Gruppe von Studenten simple Aufgaben lösen, jede richtige Lösung wird vergütet. Eine Gruppe muss das Blatt abgeben, eine andere darf es vernichten und soll nur angeben, wie viele Aufgaben bewältigt wurden. Verglichen mit der ersten Gruppe waren die auf Treu und Glauben abgegebenen Werte der zweiten Gruppe zwar höher als die der ersten, aber nicht all zu viel. Dieser "Schummelfaktor" widerlegt die These vom maximalen Eigennutz und ist laut Ariely ein Indiz dafür, dass meistens genauso viel betrogen wird, wie es mit einem Selbstbild als ehrlicher Mensch noch in Einklang zu bringen ist.

Darüber hinaus untersucht er, welche Faktoren Unehrlichkeit begünstigen, darunter fallen Erschöpfung, Interessenskonflikte oder altruistische Motive. Zudem fällt es leichter zu betrügen, wenn andere es auch tun und wenn unehrliches Verhalten kulturell nicht sanktioniert wird.

Doch was lässt Menschen ehrlich bleiben? Auch das hat Dan Ariely erforscht, mit verblüffenden Ergebnissen. Die Höhe einer möglichen Strafe hat kaum Auswirkungen auf das Betrügen, dafür hilft es, den Menschen bei seiner Ehre zu packen. Das Leisten einer Unterschrift vor dem Anfang der Aufgabe senkte die Unehrlichkeit deutlich; ebenso wirksam sind moralische Gedächtnisstützen oder eine neutrale Beaufsichtigung.

Dan Ariely gehört zu den wichtigsten und interessantesten Wissenschaftlern unserer Tage, und versteht es immer wieder, seine Leser zu begeistern. Klug und selbstironisch geschrieben ist auch sein drittes Buch ein brillantes Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit unserer unvernünftigen Natur.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Dan Ariely: Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge. Wie wir andere täuschen und uns selbst am meisten
Droemer Verlag, München, Oktober 2012
320 Seiten, 19,99 Euro

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