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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2005

Legenden-Killer

Tom Segev über die Gründung des Staates Israel

Vorgestellt von Jochen R. Klicker

Die israelische Fahne (AP)
Die israelische Fahne (AP)

Der Historiker Tom Segev hat in "Es war einmal ein Palästina" viele bislang unerschlossene Quellen zu einem spannenden und verblüffenden Werk verarbeitet, das mit zahlreichen Fehlinformationen über die Staatswerdung des neuzeitlichen Israel aufräumt.

Die höchst unglückselige Ursache des Nahostkonfliktes - also des jüdisch-arabischen Gegensatzes - datiert aus dem Ersten Weltkrieg, besteht aus ein paar Briefzeilen und hat einen Namen: Balfour Declaration. Der britische Außenminister Arthur James Balfour schrieb damals an Lord Rothschild als Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in England, ...

"... dass die Regierung Ihrer Majestät die Errichtung eines Nationalheimes für das jüdische Volk in Palästina mit Sympathie betrachtet und sich nach besten Kräften bemühen werde, die Verwirklichung dieses Vorhabens zu erleichtern."

Balfour bat, diese Erklärung an die zionistische Weltorganisation weiterzuleiten; nicht ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, ...

"... dass selbstverständlich nichts unternommen werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte existenter nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina präjudiziert."

Doch genau das tat die Balfour Decleration, indem sie nämlich eigentlich die Quadratur des Kreises versprach. Denn wie sollten in einem Land, in das jüdische Einwanderer mit dem Ziel einströmten, einen eigenen Staat zu gründen, Rechte und Status der ansässigen arabischen Bevölkerungsgruppen unberührt bleiben?
Kaum war der Erste Weltkrieg beendet und Großbritannien als Mandatsmacht des Völkerbundes für Palästina installiert, bestimmte das Dilemma der Erklärung die praktische Politik von Anfang an. In der Einleitung zu seinem Buch schreibt der israelische Historiker und Publizist Tom Segev:

"Mit einem Federstrich war das Gelobte Land nun zwei Parteien zugesagt. Obwohl die Briten "ein vollständiges und unversehrtes Palästina" von dem Osmanischen Reich als bisherigem Herren übergeben bekamen und in Besitz nahmen, wie der Hochkommissar formell bestätigte, war Palästina zerrissen, noch bevor die Regierung Seiner Majestät die Amtsgeschäfte aufnahm."

"Es war einmal ein Palästina - Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels" lautet der Titel des Buches, das mit Sicherheit zum Standardwerk über die hilflose Politik der britischen Mandatsherrschaft werden wird. Wobei der deutsche Titel trefflich die "Stimmungslage" des Buches wiedergibt: Es war einmal - so fangen alle Märchen an. Segev verweist viele bisher umlaufende Geschichten zur palästinensischen Geschichte der Jahre 1917 bis 1948 ins Land der Märchen. Und er betätigt sich mehrfach als Legenden-Killer. So zum Beispiel gegenüber der Behauptung, in Jerusalem der Zwischenkriegszeit habe es drei gleichberechtigte Gesellschaften gegeben - eine arabische, eine jüdische und eine englische. Segev bestreitet diese Behauptung - mit guten Gründen, die er - wie öfter in seinem Buch - auf neu erschlossene Quellen stützt:

"In Jerusalem hat es nur zwei, nicht drei Gesellschaften gegeben - eine anglo-arabische und eine jüdische, und beide waren miteinander unvereinbar."

Und er sagt auch, warum das so gewesen ist:

"Die arabische Intelligenzija besitzt französische Kultur, ist amüsant, gebildet, tragisch und heiter. Verglichen damit wirken die Juden verkrampft, bourgeois, mitteleuropäisch."

Wer hier antisemitische Töne heraushört, liegt durchaus richtig. Denn mehrfach belegt Segev, dass ganz entgegen der bisher herrschenden Ansicht von der anti-arabischen Linie der Mandatsmacht diese des Öfteren bestimmt gewesen sei von unverblümtem Antisemitismus.

"Mehrere britische Premierminister, darunter auch Winston Churchill, glaubten es bei der zionistischen Bewegung mit einer Weltmacht zu tun zu haben, ja, sie meinten, die Juden lenkten den Lauf der Geschichte."

Spätestens mit dem arabischen Aufstand Ende der 30er Jahre wurde London klar, dass es keinen Kompromiss zwischen Arabern und Juden mehr geben werde. Im Gegenteil zeichnete sich damals bereits die jüdische Unabhängigkeit ab. Noch vor Zweitem Weltkrieg und Holocaust stand fest:

"Der zionistische Traum stand vor seiner Verwirklichung."

Und Tom Segev benennt auch die wichtigste Konsequenz aus dieser Sicht der Dinge:

"Die häufige Behauptung, die Staatsgründung sei eine Folge des Holocaust gewesen, entbehrt daher jeder Grundlage. "

Alles in allem ein pralles, anschauliches und spannendes Buch des reichlichen Legenden-Killings. So dramatisch und zugleich vergnüglich muss geschrieben werden, wenn Geschichtsschreibung wirken, gar politisch wirken will..

Tom Segev: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels
Aus dem Amerikanischen von Doris Gerstner
Siedler Verlag München
2005; 672 Seiten, 28.- Euro

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