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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 11.01.2017

LebensstandardDie Krise der Mittelschicht

Von Konstantin Sakkas

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Eine Frau mit Sonnenbrille läuft vorbei an einem Bettler in der Brienner Straße in der Münchner Innenstadt. (picture-alliance/ dpa / Markus C. Hurek)
Arm und reich in München (picture-alliance/ dpa / Markus C. Hurek)

Die fetten Jahre des Kapitalismus sind vorbei. Auf der einen Seite explodieren die Einkommen, auf der anderen Seite stagnieren sie. Womöglich befinden wir uns bereits auf dem Weg in den Neofeudalismus.

Ausgerechnet der Kapitalismus hat den sozialistischen Traum von der klassenlosen Gesellschaft nahezu verwirklicht. Denn heute lassen sich rund 80 Prozent der westlichen Bevölkerung zur Mittelschicht zählen. Die klassische Unterschicht, das früher so genannte "Volk", existiert faktisch nicht mehr. Immer mehr Menschen machen Abitur, studieren und arbeiten in der Dienstleistungsbranche, immer mehr nehmen am globalen Informationsaustausch teil, und die Einkommen innerhalb der Mittelschicht haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr einander angeglichen.

Das Postulat der Atlantischen Revolution, wonach jeder Mensch ein Recht auf das Streben nach Glück habe: Diese Uridee von Sozialismus und Liberalismus hat die Mittelschichtgesellschaft des 20. Jahrhunderts Realität werden lassen.

Der große, historisch einmalige Prozess der sozialen Angleichung war ein Ergebnis des großen europäischen Bürgerkrieges von 1917 bis 1990. Der Erste Weltkrieg, Hyperinflation und Börsenkrach zerstörten die alte Oberschicht. Hitler und Roosevelt betrieben seit 1933 zeitgleich in Deutschland und den USA eine energische Politik des schuldenfinanzierten Wachstums und der massiven Mittelschichtförderung.

Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen dank des Ost-West-Konflikts Wohlstand und Gleichheit im Westen weiter, und zwar in ungeahntem Ausmaß. Denn um den Kommunismus zu verhindern, bescherten die westlichen Eliten ihren Bürgern ein massenhaftes Upgrade von der Unter- in die Mittelschicht.

Vermögen wachsen, die Schulden auch

Doch diese fetten Jahre sind seit 1990 vorbei. Die wirtschaftliche Ungleichheit in den westlichen Ländern ist inzwischen größer als in den 80ern. Die Gründe sind bekannt: Globalisierung, digitale Revolution, steigende Lebenshaltungskosten. An der Spitze der sozialen Pyramide explodieren die Einkommen, darunter stagnieren sie, und Stagnation heißt letztlich Rückgang.

Das Verhältnis zwischen Kapital und Einkommen verändert sich, so die bekannte Diagnose von Thomas Piketty, immer mehr zugunsten des Kapitals. Das heißt: Sie Summe der Privatvermögen übersteigt die Summe der Arbeitseinkommen. Während ein Teil der Mittelschicht zur Oberschicht aufschließen wird, wird der große Rest immer weiter in den Strudel des finanziellen Überlebenskampfes gerissen. Auf der einen Seite wachsen die Vermögen; auf der anderen die Schulden.

Womöglich befinden wir uns bereits auf dem Weg in den Neofeudalismus. Im historischen Feudalismus lag die Macht bei dem einen Prozent Adel, der vom Rest der Gesellschaft hermetisch abgeschlossen war. Im Neofeudalismus liegt die Macht bei dem einen Prozent globaler Geldelite, die sich wie der Adel aus sich selbst regeneriert.

Im Feudalismus unterschieden sich Menschen dadurch voneinander, ob sie körperlich frei waren oder jemandes Untertan. Im Neofeudalismus unterscheiden sie sich dadurch, ob sie wirtschaftlich frei sind oder arm und verschuldet.

Große Gruppen sind ohne Perspektive

Niemand wünscht sich eine Rückkehr zum Feudalismus. Die Ideen von 1789: Freiheit und Gleichheit sind unsere Prinzipien. Doch diese Prinzipien stehen und fallen mit einer starken und gesunden Mittelschicht. Auf die Krise dieser Mittelschicht, auf das gestiegene Risiko von Verschuldung und Verarmung, auf drohende wirtschaftliche Perspektivlosigkeit immer größerer Bevölkerungsgruppen muss die Politik eine Antwort finden. Sonst finden sie die Populisten.

Konstantin Sakkas (privat)Konstantin Sakkas (privat)Konstantin Sakkas, Jahrgang 1982, studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte und schloss sein Studium 2009 an der Freien Universität Berlin mit einer Magisterarbeit über Hannah Arendt ab. Er lebt und arbeitet als Publizist und Kommunikationsberater in Berlin.

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