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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 11.09.2015

LebenserwartungWenn Gesundheitsapostel alt aussehen

Von Udo Pollmer

Ein Kundin steht in einem Supermarkt vor einer Auslage mit Salat. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Ein Kundin steht in einem Supermarkt vor einer Auslage mit Salat. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Eine hohe Lebenserwartung sei vor allem genetisch bedingt, zitiert unser Kolumnist Udo Pollmer eine Studie. Und schlussfolgert: das stete Drängen zu einem "gesunden" Lebensstil sei somit ziemlich nutzlos.

Wir werden immer älter. Wenn die Lebenserwartung steigt, dann muss sich Gevatter Tod noch in Geduld üben und das beruhigt. Da kommen zwei Meldungen wie gerufen. Die "Lebenserwartung ist weltweit um 6 Jahre gestiegen", berichtet Spiegel Online. Und ein Wissenschaftsportal meldet, "Kluge Menschen leben länger". Kann es sein, dass die Welt gescheiter wurde?

Der Spiegel beruft sich auf eine Studie mit über 700 Autoren, finanziert von der Melinda & Bill Gates Stiftung. Dafür wurden gut 20 Jahre lang über 35.000 Datensätze aus 188 Ländern zusammengetragen. Ein gewaltiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass sich darunter auch Staaten befinden wie der Südsudan oder Lesotho. Das lässt aufhorchen.

Denn von dort kommen angeblich detaillierte Statistiken zu Diagnosen, für die man gewöhnlich modern ausgerüstete Unikliniken braucht. Zudem sind die kulturellen Unterschiede in der Deutung von Krankheits-Symptomen so groß, dass sich Vergleiche von selbst verbieten. Die Statistiker haben ihren opulenten Zahlensalat zwar phantasievoll angerichtet, aber bei näherer Betrachtung servieren sie eine Komposition aus dünner Luft.

Gesünder ernährt? Mehr für Schulsport interessiert?

Es stimmt, die Lebenserwartung steigt weltweit. Es werden mehr Menschen satt, als je zuvor, es gibt immer mehr hochwertiges tierisches Eiweiß. Ohne Hunger lebt sich's länger. Den größten Effekt hat sauberes Trinkwasser und Kläranlagen, weil jede Verbesserung der Hygiene die Kindersterblichkeit senkt. Das bringt statistisch die meisten gewonnenen Lebensjahre.

Wenn es heißt, eine heute geborene Japanerin oder ein Säugling in Lesotho habe eine Lebenserwartung von 83 bzw. von 48 Jahren, so bleibt dies ebenfalls Wunschdenken. Niemand kann einem Neugeborenen vorhersagen, wann es versterben wird. Niemand kennt die Kriege, Katastrophen und Krankheitserreger, die in den kommenden 50 Jahren Geschichte schreiben werden. Zum Glück!

Aber wie ist das mit dem wachen Oberstübchen und dem langen Leben? Eine Reihe von Studien zufolge werden klügere Kinder älter als weniger schlaue. Das gab breiten Raum für Spekulationen. Hat der schlauere Knabe sich im Laufe seines Lebens gesünder ernährt? Hat das klügere Mädchen sich vor allem für Schulsport interessiert? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Dieser Frage wurde nun in drei Zwillingsstudien nachgegangen. Damit lässt sich prüfen, ob Eigenschaften erblich sind oder ob sie von den Lebensumständen abhängig sind: Beim Vergleich von eineiigen Zwillingen mit gleicher genetischer Ausstattung mit nichtidentischen zweieiigen Zwillingen, sieht man, wie stark eine Eigenschaft genetisch bedingt ist. Falls also die höhere Lebenserwartung tatsächlich einer intelligenten Lebensweise geschuldet ist, dann tut sich ein weites Feld für Prävention auf.

Lebensstil trug höchstens 5 Prozent zum Erfolg bei

Als die Forscher die Daten der drei Studien zusammen fassten, schmolz jedoch Einfluss der Intelligenz dahin und damit auch der klugen Entscheidungen. Egal wie die Daten aufbereitet wurden, das Ergebnis blieb immer das Gleiche: Der Lebensstil trug höchstens fünf Prozent zum Erfolg bei. Die Lebenserwartung war, um die Erstautorin Rosalind Arden zu zitieren, "fast vollständig genetisch bedingt".

Das Ergebnis stimmt vermutlich – und dennoch ist auch seine Aussagekraft begrenzt: Denn es kommt darauf an, auf welche Umweltbedingungen ein Lebewesen trifft. Merkmale, die in unserer Gesellschaft Vorteile bringen, können an anderen Orten und zu anderen Zeiten von Nachteil sein. Nur wenn die Lebensbedingungen über lange Zeiträume stabil bleiben, dann gibt das Alter der Eltern tatsächlich einen Hinweis auf die Lebenserwartung der Kinder.

Von echtem Nutzen ist eine andere Einsicht: Das Nudging, das stete Drängen zu einem "gesunden" Lebensstil, ist damit nutzlos. Es nimmt den Menschen ihre innere Ruhe und betrügt sie letztlich mit sinnlosen Beschäftigungen um wertvolle Lebenszeit. Global gesehen sind es vor allem drei Dinge, die ein Mensch wirklich braucht, um alt zu werden: sauberes Trinkwasser, eine Kanalisation für's Abwasser und vor allem: immer genug zu essen. Mahlzeit!

Literatur

Anon: Lebenserwartung ist weltweit um sechs Jahre gestiegen. Spiegel Online 27. 8. 2015

Global Burden of Disease Study 2013 Collaborators: Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 301 acute and chronic diseases and injuries in 188 countries, 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. Lancet 2015; 386: 743–800

Arden R et al: The association between intelligence and lifespan is mostly genetic. International Journal of Epidemiology 2015 epub ahead of print

Pappas S: Smart people live longer – here's why. m.lifescience.com/ 12. August 2015

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