Donnerstag, 23. Oktober 2014MESZ17:12 Uhr

Lesart

Florian Werner liest MusikGeklonte Hipster
Zuschauer verfolgen die Show von Umasan 2014 bei der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin.

Erfolg heißt das Bandprojekt des Musikers Johannes von Weizsäcker. Trotz des vielversprechenden Namens ist der Durchbruch bisher versagt geblieben. Unser Autor hat sich zwei Songs angehört. Mehr

EssayEin rastloser Typ
Die Schauspieler Werner Wölbern als Baumeister Halvard Solness und Katharina Schmidt als Fräulein Hilde Wangel proben am 15.09.2009) im Schauspielhaus in Hamburg eine Szene aus Henrik Ibsens "Baumeister Solness". Das Stück hatte unter Martin Kusejs Regie am 17.09.2009) Premiere in Hamburg.

In fast allen Romanen der Weltliteratur trifft man den Bourgeois. Franco Moretti spürt diesem zwielichtigen Wesen über die Jahrhunderte hinweg nach, von Defoes Robinson Crusoe bis Henrik Ibsens Baumeister Solness - ein wahres Lesevergnügen. Mehr

OriginaltonMühelos ankommen
Der Blick aus dem Zugfenster zeigt eine verschwommene Landschaft. Aufgenommen in Köln am 30.09.2012.

Nach einer Pause, selbst wenn es eine verdiente war, kann der Wiederanfang holprig sein. Für die Autorin Peggy Mädler ist es jedenfalls nicht ganz einfach, sich leicht einzugewöhnen und anzukommen. Mehr

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Buchkritik

Emigranten-RomanEinsamkeit, Hoffnung, Neuanfang
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Eine Wiederentdeckung: Walter Bauer galt Anfang der 30er-Jahre als literarischer Newcomer. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach Kanada. Sein Roman "Die Stimme. Geschichte einer Liebe" erzählt, was es bedeutet, in der Fremde neu beginnen zu müssen.Mehr

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.02.2013

Leben, Tod und Hoffnung im Slum

Katherine Boo: "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben", Droemer Knaur Verlag

Von Sabrina Matthay

Armut und Trostlosigkeit in Mumbais Slums.
Armut und Trostlosigkeit in Mumbais Slums. (picture alliance/dpa/Divyakant Sola)

Die Armen begehren selten gegen die Reichen auf, obwohl sie in der Mehrheit sind. Woran liegt das? Dieser Frage geht die Journalistin Katherine Boo in ihrem Buch über das Leben im Slum nach. Und sie bietet auch eine Antwort, warum die Armen nicht solidarisch sind - die ist allerdings anfechtbar.

Nichts ist Fiktion, doch dieser Bericht aus einem indischen Slum in Mumbai fesselt wie ein Roman, die Figuren sind lebendig wie Filmhelden:

"'Geh jedem Ärger aus dem Weg.' Das war Abdul Hakim Husains oberste Handlungsmaxime, an diesem Prinzip hielt er so verbissen fest, dass man es ihm regelrecht ansehen konnte. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Wangen waren eingesunken, sein drahtiger Körper von der Arbeit gekrümmt – er war der Typ, der sich auf den Slumwegen durch das Menschengewimmel fädelte, ohne auch nur so viel Raum zu beanspruchen, wie ihm eigentlich zustand."

Armut ist seit mehr als zwanzig Jahren Katherine Boo's zentrales Thema. Das erste Buch der preisgekrönten amerikanischen Journalistin kreist um die Frage, warum das Nebeneinander von Reich und Arm so selten in ein Aufbegehren der Unterprivilegierten mündet.

"Schließlich gibt es mehr arme als reiche Leute in den Mumbais dieser Welt. Warum implodieren unsere ungleichen Gesellschaften nicht viel öfter?"

Auf der Suche nach einer Antwort hat sie dreieinhalb Jahre lang in Annawadi recherchiert, mit 335 Hütten und 3000 Einwohnern ein relativ übersichtliches Elendsviertel am Flughafen der indischen Film- und Finanzmetropole. So mancher ernährt sich hier von Ratten – und träumt trotzdem vom Aufstieg:

"Seit Indien prosperierte, waren die alten Vorstellungen, dass man das Leben so anzunehmen hatte, wie die eigene Kaste und die eigenen Götter es vorgaben, mehr und mehr dem neuen Glauben gewichen, man könne sich auf Erden einfach neu erfinden."

Der unscheinbare Abdul Hussain hat seine Familie jedenfalls mit Müllhandel vergleichsweise wohlhabend gemacht. Doch der Wunsch nach einer schöneren Küche wird zum seinem Ruin. Während der Renovierung beginnt der Streit mit einer Nachbarin:

"'Wenn du nicht sofort aufhörst, mein Haus zu zerkloppen, du Mutterficker, dann reit ich dich voll in die Scheiße', schrie Fatima."

In einem bizarren Racheakt setzt die verkrüppelte Frau sich selbst in Brand und überlebt lange genug, um die Husains der Tat zu beschuldigen. Deren Erfahrungen mit der indischen Justiz, mit deren Gleichgültigkeit und Korruption, beschreibt Katherine Boo so minutiös wie nüchtern.

Wie die Familie zurück auf Null geworfen wird, dürfte selbst Zyniker zu Tränen rühren - auch wegen der Kaltschnäuzigkeit, mit der die Annawadianer einander begegnen. Etwa Asha, die zum Slumlord aufsteigen will:

" …wenn sie erst mal echte Kontrolle über den Slum hätte, könnte sie selbst Probleme schaffen, um sie dann zu lösen. (Ein äußerst einträgliches Vorgehen, wie sie durch die Beobachtung des Bezirksrats gelernt hatte.) Schuldgefühle waren ein Bremsklotz für effektives Arbeiten in den Geheimkanälen der Stadt und nach Ashas Ansicht der reine Luxus."

Die Armen fallen einander in den Rücken. So beantwortet Katherine Boo ihre Ausgangsfrage, wie starke wirtschaftliche Ungleichheit auf Dauer nebeneinander existieren könne. Ihre Schlussfolgerung ist allerdings anfechtbar.

"Falsche staatliche Prioritäten und den marktwirtschaftlichen Imperativ" macht sie für die mangelnde Solidarität der Slumbewohner verantwortlich. Aber auch die indische Mittelschicht zieht den kurzfristigen persönlichen Vorteil jederzeit dem Gemeinwohl vor, selbst wenn dieses sich auf lange Sicht individuell auszahlen würde.

Zudem ist Mumbais Armut kein Phänomen der jüngsten Zeit, Elendsviertel wucherten lange vor der wirtschaftlichen Liberalisierung in Indiens Metropolen. Mit dem Unterschied, dass dort damals trostloser Stillstand herrschte. Die vielgescholtene Marktwirtschaft hat dagegen schätzungsweise 200 Millionen Inder in den Mittelstand gehoben.

Indiens Arme werden auch nicht von Staats wegen klein gehalten. Sondern es ist die Korruption, – von Boo so eindrucksvoll beschrieben - die die vielen Maßnahmen zur Linderung ihres Elends konterkariert.

Dennoch: Katherine Boo erzählt eine fesselnde Geschichte und zwar ohne in wohlfeile moralische Empörung zu verfallen. Nicht zuletzt ihre elegante Prosa verleiht diesem Buch seine literarische Kraft.

Davon geht in der deutschen Fassung allerdings einiges verloren - nämlich wegen der Übersetzung. Unangenehm ist auch die ungehobelte Umgangssprache, mit dem die Dialoge der Annawadianer einen betont proletenhaften Anstrich erhalten, auf den die Autorin im Original verzichtet.

Katherine Boo's brilliantem Bericht über "Leben, Tod und Hoffnung in einem indischen Slum" hätte man eine gute Übersetzung gewünscht. So empfiehlt sich die Lektüre des amerikanischen Originals.

LESART: Cover Katherine Boo "Annawadi"Katherine Boo "Annawadi" (Droemer Verlag)Katherine Boo: "Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben
übersetzt von Pieke Biermann
Droemer Knaur Verlag, München 2012
352 Seiten, 19,99 Euro