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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.08.2011

Leben ohne festen Wohnsitz

Sabine Blumensath über ihr Buch "Draußen in Berlin"

Sabine Blumensath im Gespräch mit Anne Francoise Weber

Sabine Blumensath wünscht sich Akzeptanz, Respekt und Geduld für Menschen ohne festen Wohnsitz.  (picture alliance / dpa)
Sabine Blumensath wünscht sich Akzeptanz, Respekt und Geduld für Menschen ohne festen Wohnsitz. (picture alliance / dpa)

Die Sozialwissenschaftlerin Sabine Blumensath hat in dem Lesebuch "Draußen in Berlin - Geschichten von Mausepaul und anderen Wohnungslosen" Lebenserzählungen aufgeschrieben. Anlass war das 30-jährige Jubiläum der zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose in Berlin, die von Caritas und Diakonie getragen wird.

Anne Francoise Weber: Rund 11.000 wohnungslose Menschen gibt es in Berlin, so schätzen Wohlfahrtsverbände. Verschiedene Beratungsstellen bemühen sich, ihnen mit Rat und Tat in dieser schwierigen Situation zu helfen. Dazu zählt auch die von Caritas und Diakonie betriebene Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose in der Levetzowstraße im Bezirk Tiergarten. Aus den über 30 Jahren Arbeit dort hat nun die Sozialarbeiterin und Journalistin Sabine Blumensath ein Buch gemacht. Darin finden sich anrührende, traurige und auch ziemlich verrückte Geschichten. Zum Beispiel die von einem Wohnungslosen mit Schifffahrtskenntnissen, der einen Kaufvertrag für eine Luxusyacht unterschreibt. Weil die Reederei die Bonität des Kunden nicht nachprüft, wird das immerhin eine halbe Million D-Mark schwere Stück tatsächlich auf den Weg gebracht, und es kommt zu einer absurden Begegnung mit dem Verkaufsleiter in der Beratungsstelle für Wohnungslose. Ich habe vor der Sendung mit Sabine Blumensath gesprochen, und wollte von ihr wissen, ob sie bei der Arbeit zum Buch nach diesen Geschichten gesucht hatte, oder ob die nur so aus den Wohnungslosen und Sozialarbeitern heraussprudelten.

Sabine Blumensath: Es gab ja eine sehr enge Zusammenarbeit mit der zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose. Und sowohl durch Gespräche mit den Mitarbeitern als auch durch die Sichtung der Jahresberichte und der Unterlagen kamen hier und da die Ideen, welche Geschichten unbedingt ins Buch müssen, und das war auf jeden Fall eine so verrückte Geschichte, dass die rein sollte.

Weber: Was ist denn Ihre Lieblingsgeschichte, oder haben Sie keinen Liebling?

Blumensath: Das ist schwierig, es gibt mehrere. Ich finde "Paddeln ins Trockene" auch toll, die Geschichte von Kollo, der seit einer Paddelreise zusammen mit der Beratungsstelle trocken geblieben ist, und der ganz toll davon erzählt, wie es für ihn genau im richtigen Moment die richtige Hilfe war, auch eine ganz ungewöhnliche und kreative Art von Hilfe; die mag ich gern. Und auch die allererste, "Mausepaul", ist ja wirklich so ein stadtbekanntes Original. Viele, die schon lange in Berlin sind, kennen ihn bestimmt sogar, aus der Presse, aus den Medien damals. Das war ja so ein ganz besonders liebenswerter Bahnhofsbewohner am Bahnhof Zoo, die mag ich auch gern. Aber natürlich, die Luxusyacht ist schon besonders lustig, einfach.

Weber: Sie haben ja wirklich das Ziel, zwei Menschengruppen zur Sprache kommen zu lassen: Einerseits die Wohnungslosen, andererseits auch die Sozialarbeiter. Sind das Menschen, über die man sonst viel redet, ohne mit ihnen zu reden?

Blumensath: Auf jeden Fall. Ganz oft kommen ganz andere Experten zu Wort in den Medien: Suchtexperten oder dann eher auch Psychologen oder ... die Sozialarbeiter müssen immer noch lernen, sich gut darzustellen. Die reagieren auch eher, als dass sie agieren. Wenn dann in den Jugendämtern mal wieder irgend ein Skandalfall schiefgeht, dann sind sie so in einer Rechtfertigungsposition, die viele sehr, sehr positive und absolut fachliche und tolle Arbeit, die ist viel zu wenig präsent. Aber auch ein Anliegen von mir, das mal darzustellen.

Weber: Und für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Blumensath: Für die allgemeine Öffentlichkeit, ausdrücklich nicht für die fachinterne Öffentlichkeit. Es ist eben kein Fach- oder Sachbuch, sondern wirklich ein kleines Lesebuch, verständlich und auch unterhaltsam. Der Zusammenhang ist entstanden durch das 30-jährige Jubiläum der zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose. Es sind da ehemalige und aktuelle Mitarbeiter der Beratungsstelle und Wohnungslose oder ehemals Wohnungslose, die in Kontakt mit der Beratungsstelle standen oder stehen.

Weber: Diese Beratungsstelle wird getragen von Caritas und Berliner Stadtmission. Das ist also ein ökumenisches Projekt. An einer Stelle im Buch, da wird deutlich, dass die beiden Träger nicht ganz einig waren, und zwar geht es da darum, dass die Beratungsstelle vier Monate lang von Klienten besetzt war. Wie ist das denn sonst, funktioniert die Zusammenarbeit immer?

Blumensath: Ich glaube, so richtig Konflikte oder ganz entgegengesetzte Motive oder Ziele gibt es selten. Es ist natürlich zum Teil mühsamer als bei anderen Projekten, wo es nur einen Trägerverein gibt. Aber es ist auch bereichernd. Die müssen sich ja immer wieder bei allen Entscheidungen zusammensetzen und sich abstimmen, aber ich habe es jetzt auch als ganz bereichernd erlebt.

Weber: Haben Sie denn den Eindruck, dass für die wohnungslosen Menschen, denen Sie begegnet sind, Kirche überhaupt ein Anlaufpunkt ist? Bei der zentralen Beratungsstelle wird das ja keine große Rolle spielen erst mal, wer die trägt. Aber ist Kirche ansonsten ein Anlaufpunkt? Ich meine, ganz schön ist bei der Geschichte von Mausepaul, den sie ja schon erwähnt haben, dass da der Pfarrer am Schluss sich wirklich um eine Beerdigung bemüht, die auch für andere Wohnungslose offen ist und eine Möglichkeit bietet, Abschied zu nehmen. Das ist mal ein positives Beispiel. Aber man liest auch, dass es Beschwerden gab, weil die Wohnungslosen das Foyer der Gedächtniskirche zum Aufenthaltsort gemacht haben. Was sind so die Erfahrungen mit Kirche, und ist Kirche ein Anlaufspunkt?

Blumensath: Einerseits zeigen einige Geschichten auch, wie zögerlich sich die Kirche dieser Allerärmsten angenommen hat, und es auch erst lernen musste. Es gab ja Mitte, Ende der 70er-Jahre überhaupt noch keine richtige Wohnungslosenhilfe. Andererseits war und ist die Kirche ja immer wieder die Institution, oder kirchliche Wohlfahrtsverbände sind natürlich immer wieder die, die an erster Stelle auch und oft auch zu allererst genau dahin gehen, wo es nötig ist. Und das zeigt ja auch so diese Geschichte der Graswurzelarbeit von der Dorothea Zeisge-Simon (Anm. d. Red.: Name wie gehört), dass ganz viel von unten bewegt wurde in den Gemeinden, und auch appelliert wurde an die Pfarrer – also ganz viel Engagement schon durch diese christliche Motivation entsteht.

Weber: Woran mangelt es denn am meisten, wenn jemand auf der Straße lebt. Ist das überhaupt mal ein freundliches Wort, sind das Hilfen mit der Bürokratie? Was würden Sie so sagen? Auch wenn jetzt zum Beispiel eine Kirchengemeinde sagen würde, wir wollen uns jetzt hier wirklich für Wohnungslose engagieren. Was wäre so eine Sache, die wirklich dringend nötig ist?

Blumensath: Eine schnelle, unkomplizierte, ganz lebenspraktische Hilfe einerseits und natürlich Akzeptanz, Respekt und Geduld – oft ist ganz viel Resignation da und Mutlosigkeit und auch ein Unwissen über Hilfsmöglichkeiten. Sowohl die Betroffenen als auch die Allgemeinheit weiß oft sehr wenig über die Möglichkeiten der Hilfe und wie viele Angebote es eigentlich gibt.

Weber: Wenig weiß man auch letztendlich über die Lebensumstände, und mir ist aufgefallen, ich benutze eher den Begriff obdachlos, in Ihrem Buch heißt es aber wohnungslos. Und ich habe jetzt auch gelesen, von den rund 300.000 Wohnungslosen in Deutschland lebt nur ein Zehntel – das sind immer noch viel zu viele – wirklich auf der Straße, die anderen kommen eben in Heimen oder Notübernachtungen oder bei Verwandten und Freunden unter. Ist es also richtig, von Wohnungslosen zu sprechen? Wird man da den Menschen eher gerecht?

Blumensath: Ja, das hat sich auf jeden Fall auch verändert, so der Sprachgebrauch. Ganz früher hieß es ja sogar mal Nichtsesshafte und Nichtsesshaftenhilfe, und da ist man ganz bewusst weggegangen von der Begrifflichkeit. Und, genau, nicht jeder, der keine Wohnung hat, ist obdachlos. Gerade in den Großstädten gibt es ein sehr breitgefächertes Angebot der Wohnungslosenhilfe, wo auch sehr individuell entschieden werden kann, wer wo hinpasst. Es gibt niedrigschwelligere Projekte und Angebote, so wie Suppenküchen und Wärmestuben und Notübernachtungen, und dann gibt es auch ein bisschen höherschwelligere Projekte wie betreutes Wohnen, oder sogar, dass die in Wohnungen betreut werden erst mal noch, bevor sie richtig ihre eigene Wohnung bekommen. Da gibt es ein Riesenspektrum.

Weber: Die Gründe für Wohnungslosigkeit, das ist ja auch ein Riesenspektrum. Das kann Arbeitslosigkeit sein, Trennung, psychische Erkrankung, Leben ohne Papiere – gibt es trotzdem etwas, wo Sie sagen würden, das ist so eine Gemeinsamkeit, oder das ist mir immer wieder begegnet in der Biografie von Menschen, die wohnungslos wurden?

Blumensath: Ich glaube schon, dass so Brüche, Lebenskrisen ganz oft Gründe sind. So ein bisschen das Thema hinterm Thema und nicht einfach nur die Not oder Armut. Da gibt es ja wirklich ganz viel Hilfe auch für Menschen, die finanzielle Schwierigkeiten haben oder Mietschulden, da gibt es theoretisch immer Lösungen. Aber ganz oft ist es eben eine Scheidung, und auch ein Rausschmiss bei Männern zum Teil, dass die dann einfach nicht wissen wohin, und ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen und daran völlig verzweifeln, anfangen zu trinken und am Anfang hier und da bei Freunden wohnen, und irgendwann geht das auch nicht mehr, und dann so auch so ein gewisser Stolz dahintersteckt und dann manchmal auch so eine Identität entwickelt wird daraus über die Jahre – aus der Not so ein bisschen eine Tugend zu machen. Wie wir alle haben die auch so zum Teil Lebenslügen oder stecken die Latte viel zu hoch, was sie erreichen wollen, in welcher Zeit und resignieren dann. Brüche, Krisen sind oft die Hintergründe.

Weber: Lange Zeit ging die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland zurück, aber in den letzten Jahren ist doch wieder ein Anstieg zu verzeichnen. Es kommen also auch wieder vermehrt Menschen in die zentrale Beratungsstelle. Woran liegt das?

Blumensath: Ich glaube, dass es daran liegt, durch diese EU-Erweiterung und auch nach der Wende, die osteuropäischen Länder, die dazugekommen sind, wo viele nach Berlin kommen einfach erst mal, und irgendwo eine Anlaufstelle suchen und nicht wissen, wo sie sich hinwenden können und keine Bleibe haben, dass das die Zahl erhöht hat.

Weber: Heute ist Berlin nicht mehr geteilt, sondern Hauptstadt mit Regierungsbezirk und vielen sehr schicken Vierteln, die immer schicker werden. Was ist da die Folge? Werden da noch mal mehr Leute aus Wohnungen gedrängt, weil Wohnraum nicht mehr bezahlbar ist für sie?

Blumensath: Ganz klar steigen ja die Mieten unheimlich, und da wird es sicherlich auch verstärkt zu Mietschulden kommen, und genau da ist ja oft der Knackpunkt, sodass es auch zu Räumungen kommt und Leute auf der Straße landen, und eben – kann ich nur immer wieder sagen – die Hilfsmöglichkeiten nicht genügend kennen; also wo sie sich hinwenden können, dass es überhaupt Beratungsstellen gibt, dass die Sozialämter verpflichtet sind, Leute unterzubringen und theoretisch niemand auf der Straße sein muss, aber wer weiß das so? Wer kennt sich da so aus, und wer weiß, wo er sich hinwenden muss?

Weber: Wenn Sie jetzt der Bundesregierung eine Maßnahme vorschlagen könnten zur Hilfe für Wohnungslose, fällt Ihnen da spontan was ein?

Blumensath: Auf jeden Fall nicht an der falschen Stelle zu kürzen. Gerade diese Vielfalt ist wichtig, um wirklich diesen ganz individuellen Lebensgeschichten und Lebenswegen der Leute auch gerecht zu werden, weil eben die Klischees nicht immer übereinstimmen mit den Realitäten. Und gerade dieses von ganz niedrigschwellig bis höherschwellig – und oft fehlen Angebote, weiß ich, für Leute mit Hunden, die dürfen dann die Hunde nicht mitnehmen, oder es ist unrealistisch, das Trinkverbot, und es gibt inzwischen auch viele andere Projekte, aber das sind oft so Hemmschwellen, die einfach zu hoch sind, die nicht für die Leute passen, oder dass keine Paare aufgenommen werden. Das sind dann oft Gründe, dass die Leute auch die Angebote nicht nutzen können oder wollen. Da einfach verstärkt zu unterstützen und nicht an der falschen Stelle zu kürzen.

Weber: Vielen Dank, Sabine Blumensath, Sozialarbeiterin und Autorin! Ihr Buch heißt "Draußen in Berlin: Geschichten von Mausepaul und anderen Wohnungslosen". Es ist im Freiburger Lambertus Verlag erschienen, umfasst 161 Seiten und kostet 18,90 Euro.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Zentrale Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot Berlin

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