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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 31.05.2015

Leben mit dem VergessenDeutschlands erstes Demenzdorf in Hameln

Von Sarah Zerback

Eine 81-jährige Demenz-Patientin geht im Garten der Wohnanlage Tönebön am See in Hameln spazieren. (picture alliance / dpa)
Eine 81-jährige Demenz-Patientin geht im Garten der Wohnanlage Tönebön am See in Hameln spazieren. (picture alliance / dpa)

Im Supermarkt einkaufen gehen, noch schnell zum Frisör und danach ein kleiner Spaziergang: Für die Bewohner von Tönebön, dem ersten Demenzdorf Deutschlands, entsteht so wieder ein Stückchen Alltag, das schon verloren geglaubt schien.

"So wir nehmen jetzt unseren Korb …" 

Zielstrebig geht Elke Wiegand auf das Regal zu, greift nach Filtertüten und Kaffeepulver und legt sie in den Einkaufswagen. Um auch Butter, Marmelade und Brot zu finden, muss sich die Pflegekraft nur einmal um die eigene Achse drehen.

Der Tönebön Minimarkt ist nicht größer als ein Kiosk, trotzdem gibt es hier alles, was die Bewohner des Demenzdorfes im Alltag brauchen. Gemeinsam mit der 88-jährigen Ingrid Dohm besorgt Elke Wiegand die Zutaten fürs heutige Mittagessen. Eine willkommene Abwechslung für die demente Dame mit den sorgfältig frisierten Haaren und dem violetten Strickjäckchen. Auch wenn sie sich nur für Eines interessiert. 

"Gibt´s mal was ganz Leckeres? Schokoröllchen, ja."

Kekse, Schokolade – nichts wird den heutigen Tag überdauern. Denn hat die Demenzpatientin eine Süßigkeit vernascht, hat sie das wenig später wieder vergessen und fragt nach mehr. Bei Bewohnern, die nicht so schlank sind wie sie, müssen die Betreuer da schon mal aufpassen. Elke Wiegand legt die Einkäufe neben die Kasse. Die frisch manikürten Fingernägel leuchten ebenso rosa wie das T-Shirt, das die 56-jährige Pflegekraft trägt – weiße Kittel, die gibt es im Demenzdorf nicht.      

Elke Wiegand: "Dass die dementen Menschen hier freier sind. Sie haben keinen Zwang in einer Wohnetage zu sein. Sie dürfen essen und trinken wo sie wollen, egal in welchem Haus sie sind. Sie sind nicht mehr so eingeschüchtert. Dass sie nur in der Ecke sitzen und vor sich hin vegetieren. Das ist hier nicht. Das ist das Schöne, dass Jung und Alt auch gut harmonieren. Unsere Jüngste ist 50 Jahre, unsere Älteste ist 94 und das harmoniert."

Das Namensschildchen verrät die Funktion von Elke Wiegand, sie ist eine so genannte Alltagsgestalterin. Wenn sie die Nachtschicht morgens um sieben Uhr ablöst, hilft sie den Bewohnern beim Anziehen, beim Waschen oder legt Ingrid Dohm den blauen Lidschatten auf, den sie so gerne mag, aber nicht mehr alleine hinbekommt. Es sind kleine Alltagshilfen, mit denen sie die Fachkräfte unterstützt, die sich um die größeren pflegerischen Leistungen kümmern. Mehr Zeit, mehr qualifiziertes Personal, insgesamt 45 Fachkräfte für bis zu 52 Bewohner, das ist Teil des Konzepts. Ein Konzept, das man in Hameln nach dem Vorbild des weltweit ersten Demenzdorfes "De Hogeweyk" in Holland entwickelt hat. Bei allem, was die Pflegekräfte tun, versuchen sie die Bewohner mit einzubeziehen. Gemeinsam decken sie den Frühstückstisch, falten Wäsche oder kochen das Mittagessen.

"So, Jessi, magst du nochmal ein bisschen rühren?"

Mit Abstand die Jüngste ist Jessica Stein. Rosa Fleecejacke, grüne Birkenstocklatschen, die Haare ein wenig zerzaust, rührt sie konzentriert in der Käsesahnesoße. Die Demenz der 50-Jährigen nimmt einen rapiden Verlauf. Ihre Söhne erkennt die ehemalige Stewardess nicht mehr. Auf die Frage, wie lange sie schon hier wohnt, schaut sie überrascht.

- Wohnen, tu ich hier gar nicht! Ich bin ...
Auf Besuch.
- Ja!
- Wie im Urlaub.
- Ja, wie im Urlaub, ja ...
- Du kriegst viel Besuch, die Freundinnen kommen, der Mann kommt, die Kinder.
- Ja, die Kinder! Das wäre schön, wenn die mal endlich wieder kommen würden.
- Die kommen bald wieder.
- Will ich mal hoffen.
- Wie viele haben Sie denn?
- Zwei Söhne. Also ich bin noch jung und die Kinder sind auch noch jung, aber so in etwa. Ich hab noch nie nachgeguckt. Ich weiß auch nie, wo ihre Zimmer sind!
- Die sind in der Schule jetzt. Die haben ihr Schulprogramm und die kommen meistens erst um 14 Uhr nach Hause, ne? Und dann ist jemand da, der sich drum kümmert, mit den Hausaufgaben, mit Essen.
- Ja, das ist echt schön.
- Die rufen dann ja auch viel an, dein Mann auch.
- Ja, der ruft aus völlig nichtssagenden Gründen an.
- Ja, der erzählt dann wo er so gerade ist.
- Nee! Der erzählt nicht, wo er gerade ist! Nee nee, ja ja . Er ist viel unterwegs. Und er ist aber nicht hier!
- Nein, im Moment ist er auf keinen Fall hier."

"Ich mache auch einen Cut, wenn ich hier rausgehe"

Dass sie seit September in Hameln lebt, dass sie dement ist und ihr Leben Stück für Stück vergisst, das realisiert Jessica Stein nicht mehr. Das hat sie mit den meisten Patienten gemein. Um sie nicht unnötig zu frustrieren, vermeiden es die Pflegekräfte, die Krankheit ihnen gegenüber anzusprechen. Nicht immer leicht – besonders bei einer so jungen Patientin wie Jessica Stein.

Elke Wiegand: "Man versetzt sich hinein, wir sind ja nicht weit auseinander, Jessica und ich. Doch. Es ist nicht so, dass ich mich nur damit beschäftige, ich mache auch einen Cut, wenn ich hier rausgehe. Es gibt auch Situationen, wo ich nochmal nachdenke, aber das darf man nicht. Man muss auch ein bisschen runterkommen, sich ablenken mit seinen Hobbys, mit seiner Familie. Und am nächsten Tag bin ich wieder hier und wieder voll und ganz für die Bewohner da. Anders geht's nicht."

"Möchten Sie auch mitgehen zum Singen?" 

Elke Wiegand hakt sich Ingrid Dohm unter, nimmt Jessica Stein an die Hand und läuft behutsam mit ihnen über die Flure. Vorbei an der Rezeption, dem Frisör, dem Café. Das Haupthaus, sowie die vier einstöckigen Wohnhäuser mit den großen Fenstern stehen rund um den zentralen Dorfplatz. Sie haben klingende Namen wie "Villa am Reiterhof" und "Villa am See" und sind in Orange-, Grün-, Gelb- und Blautönen eingerichtet. Die Farben wirken wohnlich und helfen bei der Orientierung. Wichtig, bei einem Gelände so groß wie vier Fußballfelder. Die weitläufige Anlage am Stadtrand von Hameln erinnert eher an eine Ferienanlage – auch wenn das Gelände komplett umzäunt ist. Die Idee: Drinnen können sich die Bewohner frei bewegen – und so  ein Stück Normalität erfahren.

Auf dem Weg in den Clubraum, wo die meisten  Gruppenveranstaltungen stattfinden, werden die drei Frauen von einer Bewohnerin überholt, die schon den ganzen Vormittag im Innenhof ihre Runden dreht. Angezogen wie für einen Bummel in der Stadt, das kleine Handtäschchen eng an den Körper gedrückt. Als sie hört, dass nun gemeinsam gesungen wird, stoppt sie und setzt sich neben Betreuerin Susanne Nawrath, die ihr ein Textblatt in die Hand drückt.

So meine Damen, wenn Sie bereit sind, dann singen wir jetzt das schöne Lied von Nana, wie hieß sie noch gleich?
Mouskouri.
-  Richtig! Nana Schokomousse! Nee, Mouskouri, richtig!? Und jetzt kann es losgehen! Weiße Rosen aus Athen …

Zwölf Bewohnerinnen haben sich um den großen Holztisch versammelt, die wenigen Männer in Tönebön sind wie so oft nicht zum Singen gekommen. Hinter dem Regal mit den Basteleien leuchtet eine violette Blümchentapete. In der Ecke steht eine Gitarre, daneben vier Rollatoren. Weiße Rosen aus Athen, Spiel noch einmal für mich Habanero – sie singen die Schlager ihrer Jugend und gucken dabei kaum auf ihre Textblätter. Denn das Langzeitgedächtnis funktioniert bei den meisten noch ziemlich gut. An aktuelle Geschehnisse erinnern sie sich nicht. Susanne Nawrath, 56 Jahre alt, ist wie Elke Wiegand eine der vielen Alltagsgestalterinnen im Demenzdorf. Sie malt mit den Bewohnern, geht mit ihnen spazieren, liest ihnen vor, aber die schönste Beschäftigung, das beste Gedächtnistraining, das ist die Musik.

Susanne Nawrath: "Die kennen meinen Namen nicht, nur einige wenige, aber was mich immer wieder erstaunt ist: Ach, da kommt ja unsere Musik! Das vergessen die nicht! Das Liebste ist den Leuten immer die Musik, stell' ich immer wieder fest. Egal ob es Schlager sind oder alte Volkslieder. Die haben dadurch gewisse Erfolgserlebnisse und das machen die wirklich am liebsten."

Fünf Tage die Woche ist die gelernte Musikerin hier, kümmert sich um die Bewohner. Von leicht schusselig, bis stark eingeschränkt, sind hier alle Formen der Demenz vertreten. Susanne Nawrath hat sich weitergebildet, viel über das Krankheitsbild Demenz gelernt, auch wenn diese Zusatzqualifikation für ihr Jobprofil nicht verpflichtend ist. Es ist ein Job, der ihr großen Spaß macht, der sie aber auch oft an ihre Grenzen bringt.

Eine 81-jährige Demenz-Patientin geht im Minimarkt der Wohnanlage Tönebön am See in Hameln einkaufen. (picture alliance / dpa)Minimarkt der Wohnanlage Tönebön am See in Hameln (picture alliance / dpa)

"Die Krankheit Demenz ist so nicht aufzuhalten, da helfen keine Pillen"

Susanne Nwarath: "Ich bin ja jetzt fast ein Jahr hier und habe Menschen hier kennengelernt, die waren noch richtig wacker auf den Beinen und man konnte noch ein bisschen mit denen reden. Und man merkt schon, die Menschen sind nun mal krank und die Krankheit Demenz ist so nicht aufzuhalten, da helfen keine Pillen. Das einzige was ist, dass man das Gedächtnis trainiert. Dass man eben alles gibt, um die so lange zu halten wie möglich aber man sieht schon, dass die Menschen abbauen."

"So meine Damen, jetzt würde ich mal sagen: Erstmal ein Schlückchen trinken, um die Stimmbänder zu ölen, das ist ganz wichtig, sonst sind Sie mir morgen heiser… Spiel noch einmal für mich, Habaneeeeroooo!"

Eine der Damen singt heute besonders laut mit, unterhält die Gruppe immer wieder mit Späßen und Zwischenrufen. Elfriede Woche, Jahrgang 1930.  Heute ist ein guter Tag, sagt die kleine, zierliche Frau und schiebt ihren Stuhl mit Schwung zurück.  

Das war schön!
Ich fand's auch schön! Ich hol' Ihnen mal Ihren Wagen, Frau Woche…

Fast jedes Lied konnte die 84-Jährige auswendig mitsingen, aber wo ihr Zimmer ist, das hat sie vergessen. Orientierungslos läuft sie über den Flur, wird schließlich von Susanne Nawrath bis an die Tür begleitet. Auch, dass sie heute Besuch bekommt, weiß sie nicht mehr.  

Hallo Mama? Ach, du hast dich hingelegt.
- Come in, my dear!
Thank you!
Meine Haare haben nie wirklich etwas geleistet, im eigentlichen Sinne.
Oh, Mama, du bist unschlagbar!"   

Annja Woida lächelt, setzt sich auf den Rand des schmalen Bettes. Noch immer ist es nicht leicht für sie, zu sehen, wie ihre Mutter sich immer mehr verändert. Gespräche sind kaum noch möglich, stattdessen reihen sich Erinnerungsfetzen und englische Zwischenrufe aneinander, die meist keiner Logik folgen. Nach und nach hat Elfriede Woche die Fähigkeit verloren, im Alltag klar zu kommen. An den Moment, wo es gar nicht mehr allein ging, die Familie eine Entscheidung treffen musste, erinnert sich die Pädagogin noch genau.

Annja Woida: "Wenn man erlebt dass eine gestandene Frau, eine studierte Frau im Bad steht und sich wundert was das für ein lustiges Bürstchen ist, dann schneidet es einem sehr ins Herz. Wenn man sie im Flur trifft und sie hat nur einen Schuh an und im Bad läuft das Wasser und sie sagt: Ich will es ja gerne können, aber ich weiß nicht was. Dann ist das eine Frage der Würde, möchte ich, dass meine Mama von den Nachbarn im Nachthemd aufgesammelt wird. Für meine Mama die Würde, das ist nicht Fremdschämen, aber man möchte ihr ja doch diesen ordentlichen Rahmen gönnen. Es hat etwas mit Respekt zu tun, ob man diesen Menschen in diesem Zustand belässt, oder ob man ihm Hilfe beigibt. Und das ist in einem Heim dann besser möglich als Zuhause. Ganz klar." 

Während Mutter Elfriede von einer Rom-Reise erzählt, die sie als junges Mädchen unternommen hat, zupft Annja Wojda die frischen Tulpen zurecht, die sie in einer kleinen Zinnkanne auf dem Couchtisch arrangiert hat. Das Zimmer ist rund 20 Quadratmeter groß, an der Tür hängt ein Jugendfoto ihrer Mutter – so hat die 84-Jährige sich selbst in Erinnerung, während ihr der Blick in den Spiegel immer fremder wird. Dabei geht es ihr zusehends besser, seit sie vor drei Monaten in Tönebön eingezogen ist.

Annja Woida: "Wie sie sich anfühlt, wie sie reagiert, ist deutlich zu merken, dass sie unter Menschen ist und sich wohl fühlt. Durch Menschen, durch Personal, das man wiedererkennt, weil sie verlässlich eingesetzt werden, nicht heute hier morgen die und durch die gleichen Hausgenossen ist einfach ein Gefühl der größeren Sicherheit da. Das ist Wiedererkennung, von Tag zu Tag, und das ist Lebensqualität. Dann isst man auch wieder, dann redet man wieder. Dann nimmt man wieder viel mehr wahr."

Routinierte Tagesabläufe, vertraute Gesichter und spielerisches Gedächtnistraining helfen ihrer Mutter, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Zum Spielen kommen jeden Donnerstag Wilma Piel und Karin Probst ins Haus. Die beiden Ehrenamtlichen sind nicht viel jünger als die meisten Bewohner – das erleichtert die Kommunikation.

Jetzt komm ich dran mit dem Würfeln. Ich habe eine wahnsinnige Sechs, da drüben! 1, 2, 3, 4, 5, 6! So: Wenn Sie an Feierabend denken, was fällt Ihnen dazu ein? Noch einzukaufen! Wunderbar! Und was haben Sie im Feierabend gemacht, als Sie noch gearbeitet haben, Frau Woche?
Ach Gott, Essen bereiten, Tisch decken.
- Haben Sie sich nicht auch mal ein bisschen entspannt?
- Doch, mit Lesen!"

Der Schwiegersohn ist Heimbeirat

Das Spiel Vertellekes ist eine Kombination aus  biografischen Fragen und Liederrätseln. Reihum würfelt die Zehner-Runde, deckt bierdeckelgroße Karten um, auf denen die jeweiligen Aufgaben stehen, die die beiden Ehrenamtlichen vorlesen. Eine Stunde geht das so. Auch  Klaus Tewes sitzt dabei und sieht seiner Schwiegermutter beim Spielen zu. Waltraud Sommer lebt seit Juli in Tönebön. Ihr Schwiegersohn ist Heimfürsprecher, eine Art Heimbeirat, gewählt von den Angehörigen, weil die Bewohner selbst das nicht konnten. Ihre Belange soll er vertreten. Grundsätzlich sind alle mit der Einrichtung sehr zufrieden. Es sind meist nur Kleinigkeiten, die noch optimiert werden könnten, Abläufe, die sich erst einspielen müssen.

Klaus Tewes: "Mit der Heimleitung und dem Pflegepersonal da hat es noch einige Wechsel gegeben am Anfang. Man muss sehen, dass das auch für die Mitarbeiter hier alles neu ist und in der Form gibt es das eben nirgendwo. Am Anfang war das Neuland und da hat sich vieles ergeben oder man hat es erarbeiten müssen. Wir haben im Moment zum Beispiel das Problem, man sieht es so gar nicht, aber die Leute die mit Rollatoren unterwegs sind, haben, obwohl es barrierefrei ist und allen Normen entspricht, immer noch ein kleines Problem bei den Türschwellen. Da sind wir gerade dabei zu schauen, was man da machen kann."

Sich frei bewegen zu können, trotz geistiger und teils auch körperlicher Einschränkungen, das geht nur hier, sagt Tewes. Auch wenn diese Freiheit durch den Zaun um das Gelände eingeschränkt ist. Die Kritik daran, teilen die meisten Angehörigen laut Tewes nicht.  

Klaus Tewes: "Weil, es ist jetzt kein Zaun wie man ihn vom Gefängnis kennt, es ist kein Stacheldraht oben drauf, sondern es ist ein normaler Maschendrahtzaun, ungefähr einen Meter hoch. Den könnte man problemlos überwinden wenn man wollte. Auf der anderen Seite muss man sagen, ja ich halte ihn für nötig, einfach aus Sicherheitsgründen. Weil es ist schon so, jemand der noch relativ fit ist, ich bin mir nicht sicher, ob er den Weg zurückfinden würde, das ist einfach das Problem. Und es gibt natürlich immer Kritiker, die sagen: Das ist eine Art Ghetto oder man ist irgendwie eingesperrt, aber ich denke, wer das mal erlebt hat wenn jemand aufgrund seiner Demenz durch die Gegend irrt und von der Polizei gesucht werden muss, das ist also auch kein Spaß und der ist froh, wenn er weiß, dass sein Angehöriger sicher untergebracht ist. Was keine Verwahrung ist. Das ist hier kein Gefängnis, aber trotzdem weiß man dass sie hier gut behütet sind und entsprechend versorgt werden."

"Ich gehe jetzt gleich baden, du! Ich schwitz' mich tot."

In den Augen einiger Bewohner zu gut behütet. Als Klaus Tewes durch die Pforte Richtung Parkplatz geht, schauen ihm seine Schwiegermutter und drei Mitbewohnerinnen hinterher. Sie selbst dürfen nicht einfach durch diese Tür gehen, müssen warten, bis eine Betreuerin kommt.

Wir dürfen ja alleine nicht raus. Wir sind ja kleine Kinder!
Ist das so? Wer sagt das?
-  Ja, da haben wir so das Gefühl. Wir haben so das Gefühl, dass wir kleine Kinder sind und nicht alleine raus dürfen.  
Ja, das ist wohl wahr! Also ich könnte hier jeden, der mir so etwas sagt, dem möchte ich am liebsten immer ins Gesicht schlagen, glauben Sie das!? Das macht mich wahnsinnig! Und deswegen habe ich keine Lust mehr. Absolut keine Lust mehr. Die können mit mir machen, was sie wollen, das ist mir Wurscht!
So, sind alle bereit? Schön, dann kommen Sie mal mit! Und tschüss, wir gehen mal gucken zum See!

So verärgert die beiden Bewohnerinnen eben noch darüber waren, dass ihre Freiheit am Haupteingang endet, als die Begleiterin kommt und sie zum Spaziergang um den See abholt, kommen sie doch bereitwillig mit. Mit der Bundesstraße in Hörweite und den Orientierungsproblemen, die durch die Demenz entstehen, ist der Zaun nur zu ihrem Schutz, erklärt Kerstin Stammel. Die Idee für das Konzept hat die gelernte Altenpflegerin, die jetzt für das Qualitätsmanagement zuständig ist, mit ausgearbeitet. Dabei hat sie sich das weltweit erste Demenzdorf de Hogeweyk in den Niederlanden zum Vorbild genommen.

Kerstin Stammel: "Es war auf jeden Fall eine Inspiration, neue Wege zu gehen. Die haben als erstes angefangen ein Altenheim, was als Hochhaus da stand abzureißen und auf Fläche zu bauen. Die sind diesen Weg gegangen und die sind sicher einen sehr schweren Weg gegangen, dieses neue Denken überhaupt mal umzusetzen. Das hat uns Holland auf jeden Fall mitgegeben."

Trotzdem gibt es einige Unterschiede zu dem Dorf in den Niederlanden. Nicht nur, dass das drei Mal so groß ist. In Amsterdam gibt es eine Bushaltestelle, an der niemals ein Bus hält, die Einkäufe aus dem Supermarkt werden nicht wirklich für die Zubereitung der Mahlzeiten genutzt – eine Scheinwelt wird aufgebaut, eine Art Disneyland für Demenzpatienten. Davon wollten sich Kerstin Stammel und ihr Team bewusst abgrenzen.

Kerstin Stammel: "Also wir wollen nichts, was nicht funktioniert. Unser Laden ist halt ein echter Laden. Darüber läuft die Lebensmittelversorgung, es wird nichts wieder in die Regale zurückgeräumt. Das ist nicht real, das wollen wir nicht. Und das ist genau das gleiche mit der Bushaltestelle. Das ist doch auch eine Art von Vorgaukeln, was nicht existiert. Das ist nicht das, was wir leben wollen."

Ein solches Lebensmodell hat allerdings auch seinen Preis. Die Unterbringung im Demenzdorf in Hameln kostet im Monat etwa 3300 Euro. Selbst in der Pflegestufe I, in die längst nicht jeder Demenzpatient eingruppiert wird, liegt der Eigenanteil bei knapp 2000 Euro. Ein Platz im Demenzdorf ist damit monatlich im Schnitt 200 Euro teurer als in einem anderen, herkömmlichen Heim.

Es ist der Preis, den die Bewohner oder ihre Angehörigen zahlen, damit sie in einem geschützten Raum leben können. Am Rand der Stadt und der Gesellschaft, statt in ihrer gewohnten Umgebung – auch das ein Punkt, der oft kritisiert wird – unter anderem von Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt oder dem Nürnberger Altersforscher Wolf Dieter Oswald. Für Kerstin Stammel ist das Konzept alternativlos. 

Kerstin Stammel: "Es gibt viele die sagen, im Stadtviertelquartier wohnen, alles ortsnah, das ist toll. Nur bei der Demenz stößt man da wirklich irgendwann mal an seine Grenzen. Wenn ich mein Haus verlasse, weil ich muss einkaufen, ganz dringend, habe keine Butter mehr und mich dann auf der Straße frage: Wo war noch der Laden? Wie komme ich denn jetzt nach Hause? Sind dann die Nachbarn da, die mir helfen? In der heutigen Zeit, wo alles schnelllebiger wird, man kaum die Nachbarn noch kennt, ist das glaube ich eine Illusion das alles häuslich auffangen zu können. Und selbst wenn noch Angehörige da sind, die machen das dann 24 Stunden, 7 Tage die Woche 365 Tage im Jahr? Diese Belastung auszuhalten würde niemand von uns schaffen oder auch nur erwarten, dass man das kann."

3 Millionen Demenzkranke im Jahr 2050

Es ist eine Belastung, die auf immer mehr Menschen zukommt. Bis zum Jahr 2050, so schätzen Experten, wird sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland auf drei Millionen verdoppeln. Das stellt nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch Freunde und Familien vor große Herausforderungen.

"Bevor das Zuhause eskaliert, vielleicht zu häuslicher Gewalt kommt, weil man das einfach nicht mehr ertragen kann, bedarf es solcher Einrichtungen wie unserer. Weil mit Demenzkranken kommen meist die Anderen an ihre Grenzen. Es wird dann ja auch oft gesagt: Habe ich dir doch gestern erzählt, weißt du doch genau! Nein, das weiß er eben nicht. Oft ist es ja das Problem der restlichen Welt mit den nicht mehr vorhandenen Grenzen der Demenz auszukommen. Also da ist nicht mehr die anerzogene Hygiene vielleicht, oder was macht man, was macht man nicht. Diese Grenze ist weg. Die leben akut in dem Moment ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse aus. Und die passen eben nicht mit der normalen Gesellschaft immer überein."

Während die Bewohner in der "Villa am See" zu Mittag essen – es gibt Lachs mit Bandnudeln – geht Paulina Cwiklinska mit einem Tablett von Tisch zu Tisch und verteilt kleine Döschen mit Medikamenten, mit Blutdrucksenkern, mit Antibiotika.  Die 27-jährige arbeitet schon seit einem Jahr als gerontopsychiatrische Fachkraft im Haus. Kümmert sich um die medikamentöse Versorgung, um Arztvisiten, pflegt, wenn nicht nur kognitive Funktionen wie Denken, Erinnern und Orientierung nachlassen, sondern auch die motorischen Fähigkeiten nach und nach verkümmern. Das erfordert viel Zeit und Fingerspitzengefühl.

Paulina Cwiklinska: "Man braucht wirklich viel mehr Zeit und viel mehr Mitgefühl für die Menschen. Bis man halt zu einer Tätigkeit kommt, muss man vieles erklären, damit derjenige überhaupt weiß, was ich überhaupt machen möchte und bis dahin vergehen erstmal fünfzehn Minuten Gespräch. Wenn alle Bewohner um acht Uhr sitzen und frühstücken müssen, weil um halb neun abgeräumt wird und die dann kein Frühstück mehr bekommen, dann musst du natürlich schnell machen. Und das haben wir hier halt nicht, wir können uns das individuell einplanen. Wann gibt es Frühstück, wann gibt es Mittag und wenn wer nicht möchte, dann wird es halt zurückgestellt."

Wenn keine Zeit da ist, die Patienten aber unruhig oder aggressiv sind, gibt es in herkömmlichen Einrichtungen häufig nur eine Option:  Sie werden medikamentös ruhiggestellt, in einigen Fällen sogar fixiert. In Tönebön gibt es das nicht.  

Paulina Cwiklinska: "Nein, wir wollen unsere Bewohner nicht ruhigstellen. Deshalb haben sie ja den Platz hier damit sie laufen können. Das wäre total kontraproduktiv, dann brauchen wir auch so eine Einrichtung nicht, wenn wir die Leute hier ruhigstellen. Die können laufen und solange wir das in Beobachtung haben ist doch alles gut. Wir haben Bewohner bekommen, die vorher im  stationären Bereich waren, die wurden als hochaggressiv eingestuft. Kein Rankommen, haben geschlagen, getreten oder sind abgehauen und haben den ganzen stationären Bereich auf den Kopf gestellt und hier sind sie hergekommen und konnten laufen. Sie hatten diesen Bewegungsdrang und den konnten sie hier ausleben und sind dann natürlich abends auch k.o. ins Bett gefallen. Das tut denen gut rauszugehen, an der frischen Luft zu sein, zu laufen, dem Bewegungsdrang nachzugehen. Wir haben die auch unter Beobachtung, aber sie sind auf jeden Fall viel ausgeglichener und ruhiger."

Sie kennt die Bewohner mittlerweile sehr gut, kann mit all ihren Besonderheiten umgehen; beruhigen, wenn Situationen eskalieren und es mit Humor nehmen, wenn Gespräche plötzlich abdriften und etwa unvermittelt Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hochkommen.

Annja Wojda umarmt ihre Mutter Elfriede zum Abschied. 300 Kilometer mit dem Auto liegen vor ihr. Wann sie es das nächste Mal schaffen wird, nach Hameln zu kommen, weiß sie noch nicht. Seit die 84-Jährige hier untergebracht ist, kann sie wieder besser schlafen, macht sich keine Sorgen mehr um ihre Mutter. Das war nicht immer so. An den ersten Abschied im November erinnert sie sich noch genau.

Annja Wojda: "Der Moment des Abgebens, der war hammerhart! Und jetzt gehe ich. Und ich? fragte sie und dann musste ich sagen: Und du bleibst hier. Das war ein kritischer Moment und ich denke für mich fast noch viel mehr als für sie. Ich denke mir, meine Mutter hat sehr schnell gemerkt, dass die Hilflosigkeit die sie Zuhause hatte, hier sehr viel besser aufgefangen werden kann."

 

Die Journalistin Sarah Zerback (Foto: privat)Die Journalistin Sarah Zerback (Foto: privat)Sarah Zerback: "Ich habe schon einige Pflegeheime von innen gesehen und war oft sehr erschrocken, wie passiv, lethargisch oder auch aggressiv viele Demenzpatienten dort wirken. Da ist es schon erstaunlich, was mehr Platz, sinnvolle Beschäftigung und ein wenig mehr Zeit für einen Unterschied machen können."

 

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