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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.02.2015

Leben mit AuschwitzSchuldgefühle, Ängste und Rituale des Erinnerns

Von Anke Petermann

Stacheldraht am früheren Konzentrationslager Auschwitz (dpa / Simon Daval)
Stacheldraht am früheren Konzentrationslager Auschwitz (dpa / Simon Daval)

Die Gespräche bei den Thementagen "Leben mit Auschwitz - danach" am Schauspiel in Frankfurt am Main waren anregend und aufwühlend. Den Zeitzeugen dankte das Publikum mit stehenden Ovationen, Wissenschaftler schlugen Brücken in die Gegenwart.

Anfang 30 ist sie, Juristin in Frankfurt am Main. Das lange dunkle Haar trägt sie zum Zopf gebunden. Zum Wiener Gastspiel "Die letzten Zeugen", das am Abend im Frankfurter Schauspiel aufgeführt wird, kann sie nicht bleiben, sie möchte nach Hause zu ihrem kleinen Sohn. Ein Jahr ist er alt, und eines weiß diese junge Frau schon genau: Von Auschwitz und dem Völkermord an den Juden wird sie ihm erzählen. Er wird ohnehin Fragen stellen, ahnt sie, ihm wird auffallen, dass er hinter Panzerglas und unter Polizeischutz aufwächst. Channah Trzebiner kennt das selbst aus dem Kindergarten, der Grundschule und der Synagoge.

"Die jüdischen Institutionen sind geschützt, seitdem wir sie hier wieder haben oder seitdem jüdisches Leben hier wieder blüht, war es noch nie anders. Wir kennen das gar nicht anders. Mittlerweile fühlen wir uns – glaube ich – einfach sicherer so, weil wir um die Notwendigkeit wissen."

Trzebiners Großeltern blieben als Holocaust-Überlebende im Trauma der Vernichtung gefangen. Und auch die Enkelin trägt an der Last. Sie liebte ihren jüngst verstorbenen Opa, dessen erste Frau mit dem gemeinsamen Baby vergast wurde. Als Kind beobachtete sie, wie der Großvater gedankenverloren mit zusammengesunkenen Schultern auf die eintätowierte Nummer auf dem Unterarm starrte. Dabei spürte sie …

"… eine unheimliche Traurigkeit, also eine wahnsinnige Schwere, die in diesen Räumen hing. Ich weiß, dass ich oft rausgerannt bin vom Haus meiner Großeltern und dachte, ich muss atmen, ich brauch einen Moment Luft, ich muss den Emotionen entrinnen, dieses Ausgeliefertsein."

Ein Mädchen, das versuchte, die Welt am Abgrund zu begreifen, so sieht sich Trzebiner im Rückblick. Zumindest im Nachhinein ist ihr klar, dass ihr Großvater, wenn er so eigenartig abwesend wirkte, nicht wirklich ins Leere, sondern, so formuliert sie, "auf ein reiches, ausgelöschtes Leben blickte". In ihrer Autobiografie "Die Enkelin" hat Trzebiner festgehalten, was sie verstörte. Und im Chagall-Saal des Frankfurter Schauspiels erzählt sie davon. Das Publikum hört gebannt zu.

Neben Trzebiner sitzt die Politikwissenschaftlerin Katrin Himmler. "Erben der Shoah" heißt die Gesprächsrunde von Autoren und Publizisten. Doch das Erbe der 34-jährigen Enkelin Holocaust-Überlebender und der 47-jährigen Großnichte eines Massenmörders könnte unterschiedlicher nicht sein. Katrin Himmlers Großvater war der 1945 verstorbene NS-Funktionär Ernst Himmler, ihr Großonkel war Heinrich Himmler, "Reichsführers SS", Hitlers Organisator der Vernichtung. Katrin liebte ihre Oma, von der sie erst später erfuhr, dass sie auch nach dem Krieg noch Nazis unterstützt hatte.

Die Großmutter starb, als Katrin 16 war, und hatte bis dahin alle Fragen zum Opa schweigend und mit Tränen in den Augen abgewehrt. Anders als viele andere Nachkommen der Täter forschte die Politikwissenschaftlerin nach, analysierte die Lebensgeschichte ihrer Vorfahren mit kritischer Distanz, schrieb Bücher darüber. Das aktive Mitwirken am Völkermord als Teil der eigenen Familiengeschichte das zuzulassen und mehr wissen zu wollen, brauchte Zeit, räumt Himmler ein.

"Als ich angefangen habe, war ich Anfang 30, aber dieser Prozess hat viele Jahre gedauert, das hatte auch was damit zu tun, dass ich bei mir selber ganz allmählich erst die inneren Widerstände festgestellt hab‘, dass ich am Anfang noch dachte, für mich ist das kein Problem, für mich ist das viel leichter als für die zweite Generation, diese kritischen Fragen zu stellen und zu recherchieren, weil ich so viel Distanz habe, und dann musste ich mit der Zeit feststellen, dass ich gar nicht so viel Distanz hatte, sondern, dass mich das alles sehr berührt hatte, vor allem als es um meine Großmutter ging.

Das fiel mir sehr, sehr schwer, mich damit zu konfrontieren, dass sie eben nicht nur die liebe Oma war, die ganz unpolitisch war, sondern dass sie auch überzeugte Nationalsozialistin war. Und in dem Moment, wo ich gemerkt hab‘, wie schwer mir das fiel, hab‘ ich auch meinen Vater viel besser verstanden, dass es für ihn noch viel schwerer war, und dass es für ihn noch viel engere Grenzen gab, wo er nicht weiter konnte, weil er’s nicht ausgehalten hat."

Nachholbedarf und Wissbegier

Am zweiten von zehn Thementagen zum "Leben mit Auschwitz" hatte sich das weitläufige Frankfurter Schauspiel mit den riesigen Fensterfronten erst allmählich gefüllt. Als die Nachmittagssonne den Chagallsaal in warmes Licht tauchte, reflektiert vom Glasturm der Europäischen Zentralbank, da war jeder Platz besetzt. Ein großes Publikum für sperrige Themen wie "Holocaust-Kunst" oder "Eskalation von Gewalt heute".  

An den Seiten des Podiums vor dem riesigen bunten Zirkusgemälde von Marc Chagall bauten Helfer zusätzliche Stuhlreihen auf, Jugendliche ließen sich auf dem kalten Steinboden nieder. Aus Brandschutzgründen wurden schließlich die Saaltüren geschlossen. Hunderte Interessenten hatten Schlange gestanden. Ausgesperrt beschweren sich am frühen Abend manche lautstark über "schlechte Organisation". Die meisten aber queren achselzuckend das Foyer Richtung Theatercafé, um den Gesprächen dort am Lautsprecher zu folgen. Uta Schneider hat für sich und ihre Freundin zwei Plätze auf den gerade in den Saal geschobenen Stühlen ergattert.

"Endlich reden, endlich ist es n Thema bei ganz vielen Leuten. Und da kommt vieles, was ich nicht gewusst hab. Meine Eltern, die ich hätte fragen können, gibt’s nicht mehr, und damals, als ich in die Schule ging, war das ja alles ein Tabu. Es gab ja den Unterricht nicht in der Form.

Nachholbedarf? Ja, nickt Schneider, Nachholbedarf, obwohl sie sich jetzt schon seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, liest, Filme anschaut, KZ-Gedenkstätten besucht. Von Wissbegier spricht ein anderer Zuhörer.

"Die Perspektiven erweitern, das ist für mich eigentlich das Wichtigste, um noch mehr mitzunehmen Anregungen, Impulse."

Einkreisen, was zuerst Jahrzehnte verdrängt und dann nach Meinung vieler im Übermaß besprochen und seziert wurde. So dass Martin Walser auch viel Zustimmung erntete, als er 1998 in der Frankfurter Paulskirche das angeblich ständige öffentliche Thematisieren des Holocaust mit dem Bild "Moralkeule Auschwitz" umschrieb. "Geistige Brandstiftung" und latenten Antisemitismus warf dem Schriftsteller im Gegenzug der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden Ignatz Bubis vor.

Im Schauspiel unweit der Paulskirche fühlt sich in diesen Tagen keiner von einer Keule getroffen. Über den Diskussionen und Foyer-Gesprächen liegt ein unausgesprochener Konsens: Auschwitz zu akzeptieren als Wunde, die nicht heilt. Auschwitz als Frage nach Verantwortung und Schuld offenzuhalten. Und zuzuhören. Wissend, dass diejenigen, die aus eigener Anschauung berichten können, wie sie der Vernichtung entkamen, schon sehr alt sind. Zwischen 80 und 100 Jahre alt. Manche von ihnen erzählen erst jetzt, nach Jahrzehnte langem Schweigen, wie sie gedemütigt und gefoltert wurden. Die persönliche Überlieferung aus eigenem Miterleben, die "oral history" von Pogromen und Vernichtungslagern, wird mit ihnen sterben.

Und sie lebt mit "Den letzten Zeugen", die an zwei Abenden im Gastspiel des Wiener Burgtheaters auf die Frankfurter Bühne treten. Mit 800 Plätzen ist das Große Haus jedes Mal ausverkauft. Fünf Überlebende sitzen hinter einem transparenten Vorhang, auf den mehr als lebensgroß ihre Porträts projiziert werden, die eine Kamera einfängt.

Schauspieler tragen autobiografische Notizen der Zeugen vor: eine Collage von Auswanderung in letzter Minute, Ausharren im Versteck und Überleben in Lagerhaft. Dank der resoluten nicht-jüdischen Mutter, die sich der SS gegenüber stets als überzeugte Nationalsozialistin ausgab, blieb Vilma Neuwirth die Deportation erspart. Nicht aber die ständige Angst davor, die Schläge und die Demütigungen. Nicht die Trauer um ermordete Angehörige. Die Schauspielerin Mavie Hörbiger liest, was Vilma Neuwirth vom Einmarsch deutscher Truppen in Österreich 1938 aufgeschrieben hat:

"Ich war gerade zehn Jahre alt, und wer das nicht selbst erlebt hat, kann es nicht glauben. Die nicht-jüdischen Nachbarn veränderten sich vom einen Tag auf den anderen. Aus jeder nicht-jüdischen Wohnung kamen auf einmal nur noch Uniformierte. Auf einmal trugen alle nur noch SA-Uniformen und Stiefel. Wir haben uns später oft den Kopf zerbrochen, woher sie die Uniformen so schnell her hatten. Vor dem Einmarsch waren sie nette, unauffällige Mitbewohner. Sie gingen bei uns ein und aus und umgekehrt. Die meisten von ihnen hatten bis dahin nicht mal ordentliche Kleidung. Fast alle, da ja meistens arbeitslos, trugen blaue Arbeitshosen, zerschlissene Hemden und verharschte Schuhe und Auf einmal waren sie wer. Es war zum Fürchten.

"Übernehmt ihr den Kampf gegen das Lügen!"

Ihren schmerzlichen Rückblick auf der Bühne erzählen zu lassen, ist für die 87-Jährige jedes Mal ein Kraftakt. Am Ende des Stücks tritt die gelernte Friseurin und spätere Mitarbeiterin in einem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands hinterm Vorhang hervor. Sie die von KZ-Überlebenden einen Auftrag ermordeter Mithäftlinge erteilt bekommen hat: zu reden nämlich. Und die ihn nun ans Publikum weitergibt.

"Ja, es ist schwer für mich. Nach einer Aufführung kann ich nicht schlafen. Die Erinnerungen kommen nachts. Ich habe Alpträume. Ich leide unter Depressionen. Vor 70 Jahren war ich ein gerettetes Kind. Später wurde ich eine Überlebende genannt. Jetzt gehöre ich zu den letzten Zeugen. Wir sind alt geworden. Bald werden wir nicht mehr sein. Deswegen gebe ich das Vermächtnis der Erinnerung an euch weiter. Seid ihr von nun an Zeugen einer Erinnerung. Ihr habt davon gehört, erzählt davon. Übernehmt ihr den Kampf gegen das Lügen, gegen das Vergessen!

"Die letzten Zeugen" – Kunst oder reine Dokumentation mit ästhetischen Fußnoten? Am Ende ist das gleichgültig. Denn die Frage wird überlagert von der historischen Dimension dieser letzten Male einzigartiger Zeitzeugenschaft des einzigartigen Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Noch ist diese Zeitzeugenschaft eine wichtige Perspektive der Erinnerungskultur. Kritiker halten sie für überstrapaziert und bemängeln, dass daneben kaum Raum bleibt für andere Perspektiven. Doch viele halten für unverzichtbar, dass die Überlebenden Gesicht zeigen und Mitgefühl wecken. Irgendwann aber in den kommenden zwei Jahrzehnten wird man darauf verzichten müssen.

Im Frankfurter Schauspiel jedenfalls gibt es wie zuvor in Wien und Hamburg tosende, lang anhaltende, stehende Ovationen am Ende eines leisen Abends. Manche verbringen ihn mit angehaltenem Atem auf der Stuhlkante. Der in Paris geborene Frankfurter Michel Friedman gehört zu denen, die weit nach vorn auf dem Theatersessel rücken, angespannt über zwei Stunden hinweg. Spricht Friedman über seine eigene Lebensgeschichte, dann ist da der verstörte Sohn trauriger, gebrochener Eltern, die den Holocaust dank des Unternehmers Oskar Schindler überlebten, aber ihr Urvertrauen verloren. Die Verstörtheit der Eltern verstört den Jungen. Verzweifelt und oft vergeblich strengt er sich an, sie aufzuheitern. Wie ihn das überforderte, erzählt Friedman sehr offen in einer Gesprächsrunde. Und wie glücklich er war, wenn es ihm mal gelang.

Beim Interview im Theatercafé ist er dagegen ganz der fernsehbekannte Publizist und Streiter, lebhaft gestikulierend wie immer. Die Frage nach der historischen Schwelle, die das Sterben von Zeitzeugen markiert, kontert Friedman mit unerwarteter Schärfe.

"Als ob Deutschland in den letzten 70 Jahren die Chance, mit Zeitzeugen umzugehen, zu reden, nachzudenken, mitzufühlen, genutzt hätte."

Im nächsten Atemzug attackiert der Endfünfziger die Heuchelei der Debatte. Gemeinsam mit Schauspiel-Intendant Oliver Reese hat Friedman die Frankfurter Thementage initiiert. Wer denn die Zeitzeugen seien, fragt er provokativ:

"Die wenigen Opfer, die überlebt haben? Nein, wenn man Auschwitz verstehen will, wenn man lernen will, wie Auschwitz entstanden ist, dann geht es doch nicht um die Opferperspektive, da muss man den christlich-deutschen Vater, Mutter, Großvater, Großmutter, Onkel und Tante gefragt haben. Davon gab es übrigens Millionen Überlebende Zeitzeugen, im Gegensatz zu den Opfern. Wurde das genutzt? Haben diese Zeitzeugen gesprochen. Haben deren Kinder genug Druck gemacht, damit sie reden. Oder haben sich alle geschont 70 Jahre. Wenn wir jetzt, 70 Jahre danach, darüber reden, dass die Zeitzeugen wegsterben – ja, das ist eine Veränderung."

Friedman insistiert, stochert in der offenen Wunde der "zweiten Schuld", wie der verstorbene Schriftsteller Ralph Giordano das nachhaltige Verdrängen nannte. Also noch mal die Frage nach den Zeitzeugen:

"Als sie lebten und noch leben – wurde das Geschenk darüber nachdenken zu können, lernen zu können wirklich ausgepackt? Oder wurden die Zeitzeugenberichte, jedenfalls der Täterseite, in einen ganz, ganz großen Safe gesteckt, wo man die Kombination ganz schnell vergessen wollte?"

Erinnern lässt sich nicht verordnen

Vor 21 Jahren erst, just als die Rufe, es sei genug gedacht, lauter wurden, rief der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ins Leben. Joachim Gauck nutzte das diesjährige Gedenken, um klarzustellen: "keine deutsche Identität ohne Auschwitz". Die Erinnerung an den Holocaust, so erklärte der Bundespräsident anlässlich des 70. Jahrestags am 27. Januar, bleibe eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Der höchste Mann im Staat beschwört den Konsens, wohl um verrutschte Werte-Koordinaten zurechtzurücken, mutmaßen Teilnehmer der Frankfurter Thementage. Die Pegida-Rufe nach dem "Ende der Schulddebatte" hallen nach. Und was, wenn sich durch Einwanderung importierter Judenhass mit eingesessenem vereint, fragen manche. Die Sozialdemokratin Petra Scharf formuliert vorsichtiger.

"Was man natürlich auch beachten muss, es gibt ganz viele Menschen, die haben nicht unsere Geschichte der Deutschen hier, die aber auch mit uns zusammenleben, und für die muss man auch eine Art von Identität finden. Und ich denke, da fängt der Diskussionsprozess eigentlich erst richtig an."

Dafür aber ist auf den Podien der Frankfurter Thementage kein Platz

"Ja, hier noch nicht, aber wir haben in Höchst ne aktive Gruppe und ich war mit meinen muslimischen Kindern aus der sozialistischen Jugend beispielsweise zur Szolpernsteinverlegung, und es wird nicht jeden irgendwie nachhaltig inspirieren, aber wir diskutieren eben über solche Sachen und viele Leute aus dem Frauenfrühstück zum Beispiel sind auch für dieses Thema interessiert, und das finde ich schon mal ne Sache, die hängt natürlich immer von Personen ab und Vertrauen, aber es kommen Diskussionsprozesse in Gang. Das finde ich wichtig, da muss jeder was dafür tun."

Keine deutsche Identität ohne Auschwitz? Doch Erinnern lässt sich nicht verordnen. Schon gar nicht das Wissenwollen und Forschen auch in der eigenen Familie. Die genauer unter die Lupe zunehmen, so erzählen jedenfalls Ältere auf den Fluren der Frankfurter Thementage, darauf bringt sie teilweise erst das intensive Gespräch mit Nachfahren von Tätern und Opfern.

"Inwieweit, hab ich mich nie gefragt, ich vielleicht auch betroffen bin familienmäßig. Was ist da jetzt genau gewesen."

"Ich bin 1940 geboren, mein Onkel, das wissen wir, der ist mit 18 zur SS gegangen, wir haben als junge Erwachsenen versucht, ihn zu befragen, da kam nichts, wir haben es irgendwann aufgegeben."

Die einen wollten nicht, waren sich oft keiner Schuld bewusst, die anderen drängten nicht, und insgesamt hielt sich das Unbehagen in Grenzen. Für erneutes Nachfragen ist es in den meisten Familien zu spät. Unwahrscheinlich, dass in Archiven nachgeholt wird, was in den Wohnzimmern versäumt wurde.

Das Erinnern wird schal, beschreibt Harald Welzer die Misere. Zum Auftakt der Thementage hatte der Sozialpsychologe sich dafür stark gemacht, Brücken in die Gegenwart zu schlagen. Ausgehend von der hohen System-Zustimmung, die den Nationalsozialisten Rückhalt gab. Die entschieden, wem angeboten wurde, zugehörig zu sein und wer unter das Gebot der Ausgrenzung zu fallen hatte. Ein gedanklicher Faden, den auch der Filmemacher und Schauspieler Dani Levy aufnimmt,

"… weil wir alle im falschen Kontext, glaube ich, Seiten von uns entblößen oder entwickeln würden, an die wir alle heute in unserer satten Gesellschaft gar nicht denken würden."

Sorge, zu Tätern oder Mitläufern zu werden

Was sind die Bollwerke, die das verhindern? Unsere Verfassung, unsere Rechtskultur, unsere Gedenktage mit ihren Mahnungen? Die 13 Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren, die im sogenannten "Jungen Forum" des Frankfurter Schauspiels die Thementage zur Projektarbeit nutzen, fragen sich, was sie davor bewahren kann, zu Tätern oder Mitläufern zu werden. Unten im Foyer sitzen sie im Kreis, thematisieren gemeinsam mit Projektleiterin Martina Droste ihre Verunsicherung. Sarah Fatma beunruhigt,

"… dass sich das Menschsein so verändern kann. "Hast du Angst, dass sich deine Persönlichkeit verändert?

"Ja."

"Also, im Ausgenblick hast du das Gefühl, du hast keine Garantie, was aus dir in 30 Jahren wird."

"Ja, man hat irgendwie keine Kontrolle."

"Aha, das ist die Frage, welche Kontrolle du hast."

Was kann passieren, dass man alles Mitgefühl verliert und gleichgültig zuschaut, wie Nachbarn eingeschüchtert ausgegrenzt und schließlich abtransportiert werden. Sarah Fatma überdenkt die Alternativen.

"Ich bleib mir treu und mach‘ was dagegen oder nein, ich hab‘ zu große Angst, das stellt ja alles in Frage, wofür man lebt oder gelebt hat. Und wofür die Eltern einen erzogen haben."

"Es ist eine wunderbare Frage, und es ist auch ein Ziel dieser Woche, das wir so formuliert haben, also von der Selbstvergewisserung zur Selbstverunsicherung, zu der Möglichkeit, das auszuhalten, ohne angstvoll zurück zu kriechen zu einfachen Erklärungen…",

… meint Martina Droste, Leiterin des Jungen Schauspiels. Die Thementage nutzt sie, um der jungen Projektgruppe vom Hauptschüler bis zur Studierenden das Gespräch mit Wissenschaftlern, Politikern und Künstlern zu ermöglichen.

Die Demonstranten von Pegida und ihren Ablegern, so fragen sich die Jugendlichen gemeinsam mit dem Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer – sind das vielleicht diejenigen, die unser Wertesystem so weit verschieben könnten, dass wir nichts mehr dabei finden, Muslime immer weiter auszugrenzen? Sollten wir mit den Pegida-Populisten reden? Oder sollte die Politik den Dialog führen, wie zuletzt immer wieder gefordert wurde? "Dialog" ist Heitmeyer schon zu hoch gegriffen. Möglicherweise geht nur ein Austausch, der schnell ein Ende findet, meint der Wissenschaftler. Dann jedenfalls, wenn Signale kämen, dass die Pegida-Protestler nicht wirklich zur Unantastbarkeit der Menschenwürde stünden.

"Dann ist oft Feierabend, das muss man oft einfach sagen."

Und wie ist es mit dem "Recht, deutschnational zu sein", von dem SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach? Heitmeyer, 1996 aus der SPD ausgetreten, konstatiert:

"Ja, das hat mich auch in höchstem Maß irritiert. Es ist natürlich ein Recht. Aber mit dem Recht geht nicht einher, andere abzuwerten, um sich selbst deutschnational aufzuwerten, das ist ja der Mechanismus. Man wertet andere ab, um sich selbst aufzuwerten. Und diese Prozesse des Austauschs sind höchst gefährlich."

Der Sozialwissenschaftler redet von Gefahr. Die Jugendlichen fühlen Verunsicherung. Die Überlebenden des Holocaust und die Nachfahren der Opfer sprechen während der Frankfurter Thementage offen von Angst und Sorge. Namentlich Trude Simonsohn, die Auschwitz überlebte, Michel Friedman und Channah Trzebiner, die fast alle Angehörigen verloren. Aber, so sagt die junge Juristin Trzebiner mit Blick auf die teils angeregten, teils aufgewühlten Gespräche, die das Frankfurter Schauspiel in diesen Tagen füllen:

"Also, ich bin gerade heute Abend glücklich, Frankfurterin zu sein, wenn ich sehe, wie viel Interesse doch da ist.

"Es macht Hoffnung", meint auch Michel Friedman, Mitinitiator der Thementage, "skeptische Hoffnung."

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